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So., 24.01.2016

Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen – Roman macht Flüchtlinge sichtbar Aus der Zeit gefallen

Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen – Roman macht Flüchtlinge sichtbar : Aus der Zeit gefallen

Foto: az

Coesfeld. Was bedeutet Zeit eigentlich? Darüber kann mal doch sicher am besten mit denen sprechen, die aus ihr herausgefallen sind – oder, wenn man so will, in sie eingesperrt. Dieser Gedanke kommt dem emeritierten Professor Richard, der ohne Arbeit und als Witwer keinen Zeitplan und keine Termine mehr hat, als er auf eine Gruppe von Flüchtlingen aufmerksam wird, die auf dem Oranienplatz in Berlin demonstrieren. Die jungen Männer aus Afrika sind seit Jahren zum Warten verurteilt. Richard beschließt, sich mit ihrer Sache zu befassen und erarbeitet einen Fragenkatalog.

Von Ursula Hoffmann

Im Gespräch mit den Männern stellt sich schnell heraus, dass die wirklichen Fragen andere sind. Jenny Erpenbeck hat für ihr Buch „Gehen, ging, gegangen“ viele Gespräche mit Flüchtlingen geführt. Dass sie einen nüchternen Wissenschaftler ins Zentrum ihres Romans rückt, ermöglicht ihr eine besondere Perspektive. Richard geht als neutraler, aufmerksamer Zuhörer an die Sache heran. Erpenbeck schreibt sachlich, in klaren Worten und gerade diese scheinbare Distanz berührt auf eine besondere Weise. Je näher Richard den Menschen kommt, je mehr er von ihren dramatischen Schicksalen, die sie in die Fremde getrieben haben, erfährt, desto mehr hinterfragt er seine bisherige Sicht auf die Welt.

Seine ganz pragmatisch gestellten Fragen und Feststellungen, etwa ob der Frieden in unserem Lande nur dazu führt, dass er nicht geteilt wird, sondern so aggressiv verteidigt, dass er beinah selbst wie Krieg aussieht, geben Anlass zum Nachdenken, hallen lange nach. Ein Buch, das dem Fremden mit Respekt begegnet und ohne Gefühlsduselei für Menschlichkeit, Toleranz und Verständnis plädiert.

0 Gebundene Ausgabe mit 352 Seiten, Albrecht Knaus Verlag, kostet rund 20 Euro.

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