Fr., 01.07.2016

Schmerztherapie kann auch vorbeugend wirken / Moderne Medikamente Heilungserfolg positiv beeinflussen

Schmerztherapie kann auch vorbeugend wirken / Moderne Medikamente : Heilungserfolg positiv beeinflussen

Foto: az

Coesfeld. Für viele Menschen ist ein Krankenhausaufenthalt mit der Sorge vor starken Schmerzen verbunden. Starke Schmerzen müssen jedoch nicht sein - dank moderner Behandlungsmöglichkeiten kann der größte Teil der Schmerzen auf ein erträgliches Maß reduziert werden. Die Christophorus-Kliniken bieten zu diesem Thema am Mittwoch, (6.7.) im Rahmen des Coesfelder Gesundheitsforums einen Vortrag an und stellen „Konzepte der modernen Schmerztherapie“ vor. Referentin ist die Oberärztin der Anästhesiologischen Klinik, Dr. Gertraud von Ingersleben, deren Schwerpunkte Intensivmedizin, spezielle Schmerztherapie, Notfallmedizin und Palliativmedizin sind. Veranstaltungsort sind die Christophorus-Kliniken Coesfeld. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im dortigen Vortragsraum in Haus E (rechts vor dem Haupteingang). Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Zum Thema Schmerztherapie führte AZ-Redaktionsmitglied Thomas Lanfer mit Dr. von Ingersleben folgendes Interview.

Von Allgemeine Zeitung

Frau Dr. von Ingersleben, die konsequente Bekämpfung von Schmerzen stand in der Medizingeschichte nicht immer ganz oben auf der Tagesordnung. Warum hat es so lange gedauert, bis das Schmerzmanagement zu einem integralen Bestandteil moderner Therapieformen wurde?

Dr. Gertraud von Ingersleben: Die Vorstellung, dass Schmerzen zu einer Operation dazugehören, war früher lange Zeit in den Köpfen der Menschen. Erst durch die Weiterentwicklung neuerer Schmerzmedikamente und die klinische Forschung mit vielen Studien konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass eine konsequente Schmerzbehandlung den Heilungserfolg positiv beeinflusst und dadurch auch chronischen Schmerzen im Sinne einer „Schmerzkrankheit“ vorgebeugt werden kann.

Das Suchtpotenzial der klassischen Opiate war lange Zeit sicher ein Hemmschuh z.B. bei der Bekämpfung postoperativer Schmerzen. Wie beurteilen Sie die pharmazeutische Entwicklung bei der Bereitstellung neuerer Analgetika?

Dr. von Ingersleben: Es gibt mittlerweile mehrere synthetische Opiate, die aber auch bei Missbrauch ebenso ein Suchtpotential aufweisen. Die Aufklärung der Bevölkerung und die Fortbildung beim medizinischen Personal haben die Angst vor der Suchterzeugung beim Gebrauch von Opioiden, also synthetischen Opiaten, reduziert. Die angemessene und notwendige Art der Opioidtherapie bei starken Schmerzen, wie regelmäßige Einnahme von retardierten (= langsame Freisetzung des Wirkstoffes) Präparaten und bei Bedarf ein schnell wirksames Präparat, führt nicht zur Sucht.

Kein Medikament ohne Nebenwirkung - mit welchen Begleiterscheinungen ist der Einsatz zentral wirksamer Schmerzmittel heute immer noch verbunden?

Dr. von Ingersleben: Übelkeit, Benommenheit und Müdigkeit können als Nebenwirkung der Therapie mit Opioiden vor allem in den ersten Tagen nach Beginn der Behandlung auftreten. Diese Begleiterscheinungen sind aber in den meisten Fällen nach einer Woche verschwunden. Als einzige Nebenwirkung, die weiterbesteht und deshalb von Beginn an therapiert werden muss, gilt die Verstopfung (Obstipation). Durch regelmäßige Einnahme von Abführmitteln lässt sich dieses Problem in der Regel gut lösen.

Schmerzen werden subjektiv ausgesprochen unterschiedlich wahrgenommen. Hat der Patient die Möglichkeit, durch eigenes Verhalten Schmerzempfinden zu beeinflussen?

Dr. von Ingersleben: Es gibt viele Möglichkeiten, die Schmerzen durch eigenes Verhalten zu beeinflussen. Besonders Entspannungsübungen wie Meditation, oder Yoga und Ablenkung wie das Lesen von Lieblings-Büchern, Malen etc. können das Schmerzniveau senken. Auch eine positive Einstellung zum gesamten Krankheitsverlauf und eine positive Grundstimmung können Schmerzen lindern im Gegensatz zur depressiven Grundstimmung.

Viele Menschen befällt bei bevorstehenden chirurgischen Eingriffen panische Angst vor Schmerzen. Mit welchen Argumenten können Sie solche Patienten beruhigen?

Dr. von Ingersleben: Schon im Aufklärungsgespräch zur Narkose werden den Patienten die verschiedenen Möglichkeiten der postoperativen Schmerztherapie erklärt. Gemeinsam mit ihnen besprechen wir die für sie optimale Narkoseform und die Schmerztherapie nach der Operation. Auch wenn sich die Patienten nicht immer völlig schmerzfrei nach Operationen fühlen, beruhigen wir sie, da sie jederzeit die Möglichkeit haben, sich ein zusätzliches Schmerzmittel entweder selbst per „Knopfdruck“ zu geben oder geben zu lassen, damit die Schmerzen auf ein erträgliches Maß gelindert werden. Regelmäßig wird auch auf der Station der „Schmerzscore“ (von 0-10) bei allen Patienten abgefragt: 0 = kein Schmerz, 10= größtmöglicher Schmerz. Bei einem Score von >3 bieten die Pflegekräfte den Patienten schon ein zusätzliches Schmerzmittel an.

Die oft gedankenlose und medizinisch nicht kontrollierte Einnahme von rezeptfreien Schmerzmitteln ist heute weit verbreitet. Was sind die wichtigsten Ratschläge für deren verantwortungsvollen Einsatz aus ärztlicher Sicht?

Dr. von Ingersleben: Rezeptfreie Schmerzmittel sollten nur sehr kurzfristig eingenommen werden und genau nach der empfohlenen Dosierung. Längerfristige Einnahme kann zu erheblichen Nebenwirkungen und Organbelastungen führen wie Magengeschwüren, Gerinnungsstörungen, Leber- und Nierenfunktionsstörungen.

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