Mo., 13.01.2014

Anästhesie-Facharzt Dr. Bodo Berger referiert: „Narkose - was passiert da eigentlich?“ „Sehr hohe medizinische Kompetenz“

-tl- Coesfeld. Bewusstlosigkeit, Ausgeliefertsein, Hilflosigkeit und natürlich ein bevorstehender Eingriff, das sind Umstände, die uns bei dem Wort „Narkose“ ein ungutes Gefühl und Beklemmung vermitteln. Kommen bei älteren Menschen dann noch Erfahrungen mit unangenehmen Narkose-Folgen aus früheren Zeiten hinzu, ist Angst vorprogrammiert. „Narkose - was passiert da eigentlich?“- zu diesem Thema referiert am Mittwoch (15. 1.) Dr. Bodo Berger, Facharzt für Anästhesiologie an den Christophorus-Kliniken im Rahmen des Gesundheitsforums Coesfeld. Der Referent wird den Zuhörern ab 19 Uhr in der Volkshochschule im WBK an der Osterwicker Straße in verständlichen Worten das Thema Narkose nahe bringen. „Jeder von uns hat doch ein wenig Angst vor einer Narkose“, weiß Dr. Berger. Und gerade diese und die Ungewissheit hierüber sollen in einem spannenden Vortrag genommen werden. Mit Hilfe von Fotos und bewegten Bildern wird der Ablauf einer Narkose vom Vorgespräch über die OP-Vorbereitung bis hin in den Operationssaal und zur Narkoseeinleitung gezeigt und dabei erklärt, was die Narkoseärzte mit dem Patienten machen. Zu diesem Thema führte AZ-Redaktionsmitglied Thomas Lanfer mit Dr. Berger folgendes Interview.

Von Allgemeine Zeitung

Herr Dr. Berger, nähern wir uns dem Thema Narkose zunächst von der empirischen Seite. Wie viele Eingriffe werden in Deutschland jährlich unter Allgemeinanästhesie - landläufig auch Vollnarkose genannt - vorgenommen?

Dr. Berger: Aufgrund des zunehmenden medizinischen Wissens, neuerer technischer Möglichkeiten und einer insgesamt älter werdenden Bevölkerung ist die Zahl operativer Eingriffe in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Augenblicklich werden in Deutschland im Jahr schätzungsweise 10 Millionen operative Eingriffe in Narkose durchgeführt.

In wievielen Fällen kommt es dabei zu sogenannten Narkosezwischenfällen?

Dr. Berger: Ernste Zwischenfälle sind durch moderne Anästhesieverfahren und moderne Medikamente, der Einführung von Standards und der sehr hohen medizinischen Kompetenz - ich spreche hier den Facharztstandard an - glücklicher Weise sehr, sehr selten und in Zahlen nur schwer zu beziffern.

Um welche Art von Zwischenfällen handelt es sich dabei vornehmlich ?

Dr. Berger: Wie gesagt, ernste Zwischenfälle sind eine ausgesprochene Rarität. Natürlich ist die Angst vieler Patienten unterschwellig immer da, nicht mehr wach zu werden. In meiner weit mehr als 10 jährigen Tätigkeit im Coesfelder Krankenhaus kann ich mich an keinen anästhesiebedingten Todesfall erinnern. Zwischenfälle wie Zahnschäden oder Lagerungsschäden, über die wir Patienten aufklären müssen, liegen nach meiner Einschätzung eher im Promillebereich.

In den achtziger und neunziger Jahren hat die Anästhesiologie in Deutschland eine beachtliche Entwicklung genommen. Was waren die Kennzeichen dieser Entwicklung?

Dr. Berger: Hier sprechen Sie in der Tat grundlegende Meilensteine der Anästhesie an. Dies betrifft die Einführung besser steuerbarer Medikamente, aber auch die rasante Entwicklung in der Medizintechnik allgemein. An Statistiken lässt sich gut ablesen, mit welcher enormen Abnahme von Komplikationen diese Schritte verbunden waren.

Lachgas, Äther und Chloroform mit all ihren Neben- und unangenehmen Nachwirkungen waren vorgestern, wodurch zeichnen sich moderne Anästhetika aus?

Dr. Berger: Unsere heutigen Narkosemedikamente zeichnen sich in vielerlei Hinsicht positiv aus. Verglichen mit den angeführten, zum Teil schon recht lange aufgegebenen Medikamenten, haben sie eine sehr hohe Patientensicherheit. Aber auch Dinge, wie ein angenehmes Einschlafen und Wachwerden und weniger Schmerzen nach der Operation sind für den Patienten wichtig. Auch die viel gefürchtete Übelkeit und Erbrechen nach der Operation sind selten geworden.

Die fachärztliche Ausbildung ist eine elementare Säule der Risikominimierung in der Anästhesiologie. Wo steht die Ausbildungsqualität hierzulande im internationalen Vergleich?

Dr. Berger: Wir bewegen uns im internationalen Vergleich auf sehr hohem Niveau. Nach dem Abschluss des Medizinstudiums durchläuft man als junger Arzt eine fünfjährige Facharztweiterbildung zum Anästhesisten. Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber auch die Tatsache, dass es in Deutschland unabdingbarer Standard ist, dass bei jeder Operation stets ein Anästhesist anwesend ist.

Es werden bei bestimmten chirurgischen Eingriffen vermehrt lokale Methoden wie z.B. die Spinalanästhesie angewendet. Welche Vorteile haben diese Methoden und ist die Entwicklung hier mittlerweile ausgereizt?

Dr. Berger: Regionale Anästhesieverfahren, sowohl für sich alleine als auch in Kombination mit einer Vollnarkose, nehmen in der Tat einen immer größer werdenden Raum ein. In den Christophorus-Kliniken haben wir den Anteil der Regionalanästhesie in den letzten Jahren bedeutend ausgebaut. Gründe hierfür sind die zahlreichen Vorteile für die Patienten. Um nur einige zu nennen, spreche ich hier die Möglichkeit einer Schmerztherapie auch für die Zeit nach der Operation an, eine unter Umständen geringere Medikamentenbelastung für den Körper oder die Möglichkeit, einen nur sehr begrenzten Teil des Körpers schmerzunempfindlich zu machen. Es werden aber auch Operationen durchgeführt, bei denen es wichtig sein kann, die Gehirnfunktion des Patienten kontrollieren zu können. Hierbei ist ein regionalanästhesiologisches Verfahren von großem Wert, da während der Operation eine Kommunikation mit dem Patienten möglich ist. Die durch Ultraschall kontrollierte Regionalanästhesie ist ein mit moderner Technik kombiniertes, bewährtes Verfahren. In Coesfeld haben wir sehr frühzeitig und konsequent begonnen, dieses junge und zukunftsorientierte Verfahren zur Sicherheit unserer Patienten einzusetzen. Hiermit ist uns nun die Möglichkeit gegeben, unter Sicht eine Nadel in die Nähe eines Nerven zu bringen und reduzieren dadurch ganz erheblich die Verletzungsgefahr. Wir sind übrigens bundesweit die neunte anästhesiologische Klinik, die als Ausbildungsabteilung im Ultraschall von der DEGUM, der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin, anerkannt wurde.

Qualitätsmanagement ist in der Medizin eine aktuelle Vorgabe. Gibt es diese auch im Bereich der Anästhesiologie, z.B. in Form normierter Zertifizierungen?

Dr. Berger: Auch dieses Bereiches haben wir uns in den letzten Jahren durch schriftliche Fixierung der Verfahrenstechniken intensiv angenommen. Durch diese Standards sind Arbeitsabläufe genau definiert. Wir nehmen an einem bundesweiten Register zur Schmerztherapie nach Narkosen teil und haben durch die Standards vor Ort die Akutschmerztherapie und das Traumamanagement, also die Schwerverletztenversorgung, erfolgreich zertifizieren können

Vor einem chirurgischen Eingriff findet zwischen Anästhesiologen und Patient ein Vorgespräch statt, danach muss dieser eine so genannte Einwilligungserklärung unterzeichnen. Welche Funktionen haben Gespräch und die unterzeichnete Erklärung?

Dr. Berger: Diese Prämedikationsvisite ist im Rahmen der Anästhesie von ganz besonderer Bedeutung. Hier wird besprochen, was für den Patienten wichtig ist, hier können Risiken erkannt werden und hier wird zusammen mit dem Patienten das Anästhesieverfahren festgelegt. Durch eine gute Aufklärung können Fragen und Sorgen geklärt werden und dem Patienten wird erklärt, was mit ihm bei der Anästhesie passiert. Durch Wissen kann genau die von Ihnen angesprochene Ungewissheit, die mit Angst verbunden ist, genommen werden.

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