Mo., 17.06.2013

Dr. Mechthild Kemper, Oliver Petz und Dr. Markus Dreck im Interview „Ein fast normales Leben führen“

-tl- Coesfeld. Die Diagnose Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa hat für die Betroffenen eine Tragweite, die oft erst nach einer gewissen Zeit deutlich wird. Denn diese entzündlichen Darmerkrankungen werden als chronisch, d.h. langanhaltend bzw. nicht heilbar bezeichnet und waren noch bis vor wenigen Jahren mit erheblicher Beeinträchtigung der allgemeinen Lebensqualität verbunden. Im Rahmen des „Gesundheitsforum Coesfeld“ lädt die Familienbildungsstätte am Marienring 27 am Mittwoch (19. 6.) um 19 Uhr zu einem Vortrag mit dem Thema „“Mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa leben, wie ich es mag“ ein, in dem die Referenten, die Fachärzte für Innere Medizin und Gastroenterologie Dr. Mechtild Kemper und Dr. Markus Dreck sowie Kinderarzt und Kinder-Gastroenterologe Oliver Petz verschiedene Aspekte dieser Erkrankungen, insbesondere deren Therapie im Erwachsenen- sowie im Kindes- und Jugendalter behandeln. AZ-Redaktionsmitglied Thomas Lanfer sprach mit den Medizinern über die Erkrankungen, deren Diagnose und Therapiemöglichkeiten.

Von Allgemeine Zeitung

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind entzündliche, chronische Darmerkrankungen. Wodurch unterscheiden sich diese in ihrer Entstehung und Symptomatik?

Markus Dreck: Colitis ulcerosa ist gekennzeichnet durch einen Befall der oberflächlichen Schleimhaut des Dickdarms, während Morbus Crohn den gesamten Verdauungstrakt betreffen kann und am häufigsten tiefere Schichten der Schleimhaut des unteren Dünndarms befällt. Die Symptomatik ist bei beiden Erkrankungen mit Bauchschmerzen und Durchfällen ähnlich, wobei bei Colitis ulcerosa auch blutiger Durchfall beobachtet wird.

Wie viele Menschen sind in Deutschland von diesen Krankheiten betroffen?

Mechthild Kemper: Der Anteil der Menschen an der Bevölkerung liegt bei beiden Erkrankungen bei etwa bei 0,2%, wobei Männer und Frauen etwa gleich häufig betroffen sind. Für beide Krankheitsbilder zusammengenommen sind das in Deutschland ca. 640 000 Menschen. In den vergangenen Jahrzehnten wird eine Zunahme der Auftretenshäufigkeit beobachtet.

Die Ursachen beider Erkrankungen sind nicht bekannt. Gibt es Ansätze für eine genetische Disposition bei ihrer Entstehung?

Markus Dreck: Bei der Ursachenforschung werden verschiedenen Wirkungszusammenhänge diskutiert, so etwa eine gestörte Balance der Darmflora, Umwelteinflüsse, aber auch genetische Faktoren, wobei diese nach jüngsten Erkenntnisse eine eher untergeordnete Rolle spielen.

Welche Diagnosemöglichkeiten gibt es ?

Oliver Petz: Bei Kindern und Jugendlichen, die häufig über unspezifische Beschwerden im Bauchraum klagen, ist die Diagnose oft schwierig. Bei genau lokalisierten Bauchschmerzen ist immer eine weitere Abklärung notwendig. Lässt sich im Blut oder im Stuhl eine Entzündungsreaktion feststellen, die auf eine Erkrankung im Darm hinweist, folgen Ultraschalluntersuchungen und eventuell auch eine heute schonende Darmspiegelung mit Untersuchungen des erkrankten Gewebes als weitere Diagnostik.

Früher waren Cortisonpräparate mit all ihren Nebenwirkungen die Medikamente der Wahl. Welche Therapiemöglichkeiten gibt es heute?

Mechthild Kemper: Zur Dauermedikation wird Cortison heute nicht mehr eingesetzt. Es gibt Medikamente für die dauerhafte Behandlung aus der Gruppe der sogenannten Immunsupressiva, neueste Medikationsmöglichkeiten eröffnet der Bereich der Biologika, wo man mit verschiedenen Antikörpern gute Erfahrungen macht. Insgesamt ist eine genaue ärztliche Überwachung der Medikation notwendig.

Für beide Krankheitsbilder werden Verläufe mit Schüben beschrieben. Gibt es besondere Behandlungsformen bei akuten Beschwerden?

Markus Dreck: Bei Morbus Crohn ist zeitlich begrenzt lokal oder auch systemisch eingesetztes Cortison ein Mittel zur Schubtherapie, während bei Colitis ulcerosa in erster Linie die langjährig bekannten Mesalazine gegeben werden. Falls diese nicht wirksam sind, ist auch bei Colitis ulcerosa eine differenzierte Cortisongabe angezeigt. Im Schub ist es aber insbesondere wichtig, eine cortisonfreie langfristige Therapie im Anschluss im Auge zu haben.

Welche Rolle spielt die Ernährung bei diesen Krankheitsbildern?

Oliver Petz: Bei Kindern und Jugendlichen besteht wegen der mit den Krankheiten verbundenen Entzündungsreaktion ein um 20 bis 50 Prozent erhöhter Kalorienbedarf. Sonst werden häufig Gedeihstörungen beobachtet. Bei akuten Krankheitsschüben sollte man auf faserreiche und blähende Nahrungsmittel verzichten. Auch Milch und Milchprodukte werden dann meist schlecht vertragen. Eine spezielle Diät bei Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa muss nicht eingehalten werden.

Wie hoch ist das Risiko von Krebs als Folgeerkrankung und welche Früherkennungsmöglichkeiten gibt es?

Mechthild Kemper: Bei Colitis ulcerosa wird nach längerer Erkrankung ein signifikant erhöhtes Darmkrebsrisiko beschrieben. Bei Morbus Crohn ist das Krebsrisiko gegenüber gesunden Menschen nur leicht erhöht. Bei beiden Erkrankungen ist nach längerer Erkrankungsdauer eine Darmspiegelung mit Gewebsprobenentnahme zur Früherkennung in bestimmten Intervallen nach festgelegten Leitlinien zu empfehlen. Diese wird heute durch neue Methoden mit einer leichten Narkose sehr schonend durchgeführt.

Noch vor einigen Jahren war die Erkrankung an Morbus Crohn und Colitis ulcerosa mit einer erheblichen Beeinträchtigung der allgemeinen Lebensqualität verbunden. Wie stellt sich die Situation für die Betroffenen heute dar?

Oliver Petz: Durch neue Medikamente können die meisten Patienten heute so behandelt werden, dass sie ein fast normales Leben führen können. Aber natürlich erfordern Krankheitssymptome und Medikation eine dauerhafte ärztliche Kontrolle, wobei der Krebsfrüherkennung im Erwachsenalter und der Gedeih- und Entwicklungstörung bei Kindern und Jugendlichen große Bedeutung zukommt. In der Forschung gibt es hoffnungsvolle Ansätze zur Ermittlung der Ursachen von Colitis ulcerosa und Morbus Crohn, aber auch noch viel Klärungsbedarf.

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