Mo., 16.09.2013

Interview mit Dr. Claudia Marschollek und Dr. Dr. Karl- Peter Zwingmann zum Thema Munderkrankungen Zahnbewusstsein wird in der Kindheit entwickelt

Coesfeld. Gesunde und schöne Zähne ein Leben lang - die wünscht sich wohl Jeder. Die Realität zeigt manchmal jedoch ein unschönes Bild, und das ist leider durchaus wörtlich zu verstehen. Die neueste Studie zur Mundgesundheit der deutschen Bevölkerung bestätigt allerdings einen Rückgang von Karies in allen Altersgruppen: So haben immerhin 46,1 % der Jugendlichen naturgesunde Zähne ohne Karieserfahrung, aber im Umkehrschluss auch fast 54% Karies, und von denen die Hälfte massiv viel. Mittelschwere und schwere Zahnbetterkrankungen haben seit 1997 um ca. 25% zugenommen. „Von der Wiege bis zur Bahre gesunde Zähne“ ist der programmatische Titel des Vortrages, zu dem die Volkshochschule VHS am Mittwoch (18. 9.) um 19 Uhr ins WBK-Forum an der Osterwicker Straße einlädt. Als profunde Coesfelder Experten werden die Kinderzahnärztin Dr. Claudia Marschollek und der Zahnarzt mit den großen Prophylaxeerfahrungen Dr. Dr. Karl Peter Zwingmann die Zuhörer darüber informieren, was man von Kindesbeinen bis ins hohe Alter tun kann und muss, um das wertvolle Gut vor vornehmlich zivilisatorisch bedingten Erkrankungen zu schützen. AZ-Redaktionsmitglied Thomas Lanfer führte mit den Referenten folgendes Interview.

Von Allgemeine Zeitung

Für viele Menschen waren die Früherkennungsuntersuchungen in der Grundschule die erste Berührung mit dem Thema Zahngesundheit. In welchem Alter sollte bei Kindern die zahnärztliche Kontrolle beginnen?

Dr. Dr. Zwingmann: Seit den achtziger Jahren hat es sich durch intensive Elternaufklärung und Prophylaxeprogramme im Kreis Coesfeld durchgesetzt, dass die Kleinkinder schon ab dem 2. Lebensjahr zur regelmäßigen zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchung gehen. Durch die Zahngesundheitspässe sind die Eltern schon seit der Geburt des Kindes über die Gesunderhaltung der Zähne aufgeklärt und nehmen die Kleinkinder auch schon früher zu eigenen Vorsorgeuntersuchungen mit. So kann der Zahnarzt schon rechtzeitig mit dem Kind eine freundschaftliche Beziehung aufbauen, er hat dann die Funktion des Gesundheitssteuerer: Das haben vor allem ältere Erwachsene so nicht kennengelernt.

Karies als eine der häufigsten und bekanntesten Zahnerkrankungen gab es schon im Altertum. Welche Bedingungen und Entwicklungen haben bis heute zu der weiten Verbreitung beigetragen?

Dr. Marschollek: Der wesentliche Faktor ist unsere Ernährung. Im Altertum und im Mittelalter war Karies die typische Erkrankung der Adeligen und der Wohlhabenden. Heute leben wir in einer Konsumgesellschaft mit einem vermehrten Genuss von zucker- und kohlendhydratreicher Kost. Wenn dann die Aufklärung über die Ursachen von Karies fehlt oder nicht beachtet wird, entstehen Karieslöcher.

Kann man allein durch gesunde Ernährung Karies verhüten? Welche Ernährungsregeln - auch und besonders für Kinder - sind aus zahnärztlicher Sicht sinnvoll und durchführbar?

Dr. Marschollek: Nein, alleine durch gesunde Ernährung ist eine Karies nicht vermeidbar. Karies wird verursacht durch verschiedene Faktoren wie u.a. Bakterien, Ernährungsweise und Pflegegewohnheiten. Generell sollte bei der Ernährung von Kindern darauf geachtet werden, dass diese ausgewogen ist. Süßigkeiten und süße Getränke sind sicher erlaubt, sollten aber nicht die Regel und über den Tag verteilt sein.

Welche Rolle spielen Fluoride bei der Zahngesundheit?

Dr. Marschollek: Fluoride

sind ein Baustein zur Vorbeugung vor Karies. Es sind Spurenelemente, die sich in Wasser und Nahrungsmittel befinden, nur häufig zu wenig. Sie sind wichtig für den Knochen- und Zahnaufbau. Am Zahn härten sie den Schmelz und machen ihn widerstandsfähiger gegen Säureangriffe aus den vergorenen Süßigkeiten.

Empirisch ist in den vergangenen Jahren die Zunahme der Häufigkeit der Zahnbetterkrankung (Parodontitis) festzustellen. Sind die Ursachen ähnlich wie bei Karieserkrankungen?

Dr. Dr. Zwingmann: Die Grundlagen für eine Zahnbetterkrankung - der Zahnarzt unterscheidet verschiedene Stadien - liegen häufig schon im Kindesalter. Die verursachenden Bakterien entwickeln und etablieren sich vollständig erst im Laufe von Jahren mit dem ersten Höhepunkt im Alter von ca. 35-40 Jahren. Die eigentlichen Ursachen sind wieder verschiedene Faktoren wie Ernährung, Pflegeverhalten, Immunsystem und andere. Schon im Kindesalter kann nachgewiesen werden, ob der Mensch später eine Parodontitis entwickelt oder nicht.

Gibt es im menschlichen Leben besonders sensible Phasen für die Zahnerkrankungen Karies und Parodontitis?

Dr. Dr. Zwingmann: Der Zahnarzt spricht z. B. von Kariesfenstern. So ist für Karies sicher eine sensible Phase die Zahndurchbruchszeit bis zum 2. Lebensjahr, da die jungen Milchzähne in das Mundmilieu eintauchen mit z. T. süßen oder sauren Getränken und Speisen und den verschiedensten Keimen und dem noch nicht vollständig aufgebautem Immunsystem. Dann folgen die ersten Schuljahre mit dem Durchbruch der ersten bleibenden Zähne und die Entwicklungsjahre, in denen die Jugendlichen schwer zu beeinflussen sind und die Ernährung oft entgleitet. Ob ein Erwachsener eine typische „Zahnarztkarriere“ mit Karies und Parodontitis und den Folgen durchmacht, hängt wesentlich vom Zahnbewusstsein ab, das er seit der Kindheit entwickelt hat, manchmal leider aber auch erst wenn der Schaden schon zu groß ist. Eine besonders kritische Lebensphase ist das ganz hohe Alter, wenn der alte Mensch sich selber nicht mehr vorstehen kann und wegen körperlicher oder seelischer Gebrechen oder gar Demenz auf Pflege angewiesen ist.

Warum gehört der regelmäßige Zahnarztbesuch zu den klassischen Vorbeugungsmaßnahmen?

Dr. Marschollek: Nur der Zahnarzt kann Auffälligkeiten an Zähnen und Zahnfleisch frühzeitig erkennen, die schulischen Früherkennungsuntersuchungen greifen schon zu spät, haben keinen oder wenig vorbeugenden Charakter und führen nicht zu Gewohnheiten. Bei den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen kontrolliert der Zahnarzt nicht nur die Mundhöhle, sondern entdeckt auch anfängliche oder umfangreiche Veränderungen an den Zähnen und an den Schleimhäuten. Der Zahnarzt und sein Team können hier individuell sofort gegensteuern und wertvolle, individuelle Tipps zur Vorbeugung gegen Zahnerkrankungen geben.

Wie kommen die seit Generationen überlieferten Feststellungen von „weichen Zähnen“, Zahnverlusten in der Schwangerschaft oder Ähnlichen zustande? Gelten diese Aussagen heute noch?

Dr. Dr. Zwingmann: Diese Aussagen kommen aus einer Zeit, in der die Zusammenhänge und die Ursachen für Karies und Parodontitis noch nicht bekannt waren, aber sie halten sich hartnäckig und werden von Generation zu Generation „weitervererbt“, z. T. kann ich ja auch meine Zahnschäden damit entschuldigen. Aufklärung tut Not.

Munderkrankungen können weitere Krankheitsbilder nach sich ziehen, welche sind dies?

Dr. Dr. Zwingmann: Jeder Arzt und viele Menschen kennen noch vom Studium oder durch Aufklärung das „Herdgeschehen“, d. h. dass beispielhaft von Zahnwurzelentzündungen Herz-, Gelenk- oder Nierenerkrankungen entstehen können. In den letzten Jahren sind aber auch ganz andere Zusammenhänge in der Medizin klar geworden, z. B. hat ein zuckerkranker Mensch überwiegend auch Parodontitis oder eine Parodontitis lässt den Diabetes entgleiten. Aus Studien in Seniorenheimen weiß man, dass ca. 1/3 der Lungenentzündungen, die zum Tode führen, von entzündeten Zahnfleischtaschen verursacht sind. Wie die Zusammenhänge und Ursachen genau sind, werden am Mittwoch, (18.9.) ab 19 Uhr im WBK aufgezeigt.

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