Mi., 24.07.2013

Valentin Merschhemke referiert am Mittwoch (17.7.) im Rahmen des Gesundheitsforums Fit für die Schule - fit für das Leben?

Coesfeld. Die schulische Entwicklung ihrer Kinder steht nach wie vor im Fokus des Interesses aller Eltern. Lese-Rechtschreibstörung, Hochbegabung, Schul- und Leistungsängste, AD(H)S - die Liste der möglichen Lern- und Leistungsprobleme bei Kindern im Schulalter ist lang. Valentin Merschhemke ist Diplom-Psychologe und arbeitet im Sozialpädiatrischen Zentrum Westmünsterland der Christophorus-Kliniken GmbH in Coesfeld. Hier liegt sein Tätigkeitsschwerpunkt u.a. in der Diagnostik und Beratung bei schulischen Entwicklungsstörungen und Aufmerksamkeitsstörungen und in der psychosozialen Begleitung von Kindern mit Diabetes. Der 38jährige ist approbierter Psychotherapeut für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Am Mittwoch (17. 7.) referiert Merschhemke um 19 Uhr im Vortragsraum der Christophorus Kliniken zum Thema „Fit für die Schule, fit für das Leben? - Kinder in ihrer schulischen Entwicklung fördern und stärken“ und gibt dabei Informationen zur Lern- und Leistungsdiagnostik im Vorschul- und Schulbereich sowie zu geeigneten Therapie- und Fördermaßnahmen. Darüber hinaus stellt Merschhemke das Angebot des Pädiatrischen Zentrums Westmünsterland SPZ vor. Wegen der großen Nachfrage wird dieser Vortrag ein weiteres Mal angeboten: Am Dienstag, den 23. Juli 2013 um 19 Uhr wird Herr Merschhemke noch einmal über dieses Thema referieren. AZ-Redaktionsmitglied Thomas Lanfer führte mit Merschhemke folgendes Interview:

Von Allgemeine Zeitung

Herr Merschhemke, welche schulischen Lern- und Leistungsprobleme treten in der Praxis am häufigsten auf ?

Merschhemke: Zu uns kommen Kinder, die nur in Teilbereichen ihrer Entwicklung wie Motorik, Sprache, Denken nicht altersgemäß sind, bis hin zu Kindern, die in sehr vielen Lebensbereichen gezielte Unterstützung benötigen. Die Fragestellungen sind vielfältig, und es gibt oftmals nicht nur eine Ursache. Ein Kind wird z.B. vorgestellt, weil es in Mathematik kaum in der Lage ist, die in seiner Klassenstufe normalerweise erforderlichen Leistungen zu zeigen, in anderen Fächern dagegen durchschnittliche Leistungen schafft. Ein anderes Kind fällt dadurch auf, dass es im Unterricht herumläuft, die Aufgaben nicht versteht, andere Kinder ärgert oder ablenkt. Wieder ein anderes Kind hat immer sonntags fürchterliche Bauchschmerzen und kann deshalb am Montag nicht zur Schule gehen. Nicht zuletzt stellen Hausaufgaben in vielen Familien eine ständige Quelle von Streit und Ärger zwischen Kindern und Eltern dar.

Ist empirisch in den vergangenen Jahren ein Anstieg bestimmter Problembereiche feststellbar, und wenn ja, worauf ist dieser Ihrer Ansicht nach zurückzuführen?

Merschhemke: Pisa-Schock oder Zentrale Abiturprüfungen stellen die Schulen vor erhöhte Anforderungen. Die sogenannte Prävalenz, d.h. die Häufigkeit bestimmter Krankheiten oder Auffälligkeiten ist eigentlich konstant, aber es ist heute eine genauere Diagnostik möglich. Studien belegen, dass z.B. die Diagnose AD(H)S bei Kindern und Jugendlichen in den Jahren 2006 bis 2011 um satte 42 Prozent angestiegen ist. Interessant ist, dass es große regionale Unterschiede bei der Diagnosenstellung gibt.

Die Lese- und Rechtschreibstörung LRS stellt Eltern und Erzieher vor immense Probleme. Sind Pädagogen von ihrer Ausbildung her ausreichend auf den Umgang mit diesem Problembereich vorbereitet ?

Merschhemke: Mit dem sogenannten LRS-Erlass hat das NRW-Kultusministerium schon Anfang der 1990er Jahre darauf verwiesen, dass die Schule erster Förderort beim Erwerb des Lesens und Schreibens ist. Für Kinder mit Schwierigkeiten müssen zusätzliche schulische Fördermaßnahmen angeboten werden, übrigens bis zur Jahrgangsstufe 10. Die Angebote in Schulen sind sehr unterschiedlich: An vielen Schulen gibt es in der LRS-Förderung erfahrene Lehrer, aber es kommen auch Eltern zu uns, die berichten, dass man ihnen in der Schule gesagt habe, LRS gebe es nicht.

In der wissenschaftlichen Diskussion werden als Ursachen neben möglicher genetischer Disposition auch Störungen der Wahrnehmungsverarbeitung genannt. Welche Diagnosemöglichkeiten stehen heute zur Verfügung?

Merschhemke: Man vermutet heute, dass bestimmte Genregionen, die bei der Regulation von zentralnervösen Prozessen eine wichtige Funktion spielen, auch bei der LRS Einfluss haben. LRS tritt familiär gehäuft auf, oftmals geht sie mit Schwierigkeiten in der akustischen oder visuellen Wahrnehmungsverarbeitung einher. Dies sollte durch fachärztliche Untersuchungen z.B. beim Augenarzt oder Pädaudiologen ausgeschlossen werden. Pädaudiologen sind speziell für die Untersuchung von kindlichen Hörverarbeitungsschwächen ausgebildete HNO-Ärzte.

Der Problembereich Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung ADHS ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Handelt es sich dabei um ein neueres Phänomen und bei welchen Symptomen ist eine psychologische Abklärung angezeigt?

Merschhemke: Nein, ADHS ist kein neues Phänomen, denken Sie an den „Zappelphilipp“ aus dem „Struwwelpeter“, das der Arzt Heinrich Hoffmann vor mehr als 160 Jahren geschrieben hat. ADHS ist zwar prinzipiell eine chronische Erkrankung, aber eine, die mit zunehmendem Alter eine abnehmende Tendenz hat. Dafür kommt oft eine innere Unruhe stärker zum Vorschein. Grundsätzlich würde ich empfehlen, immer dann Hilfe zu suchen, wenn ein Kind wegen Unruhe, Zappeligkeit oder Konzentrationsschwäche leidet, weil es aneckt und keine Freunde findet. Kinder mit ADHS haben in der Regel leider oft noch eine Sekundärproblematik wie Selbstwertprobleme, Ängste oder Lernschwierigkeiten. Sehr häufig besteht zusätzlich eine Lese-Rechtschreibstörung.

Man hört oft von medikamentöser Therapie bei ADHS z.T. mit erheblichen Nebenwirkungen. Gibt es wirksame Behandlungsalternativen ohne Medikamente?

Merschhemke: Es ist erwiesen und auch seit 2009 vorgeschrieben, dass ein Medikament nur noch verordnet werden darf, wenn sich andere therapeutische Maßnahmen als nicht ausreichend gezeigt haben. Grundsätzlich sollte man bei der ADHS-Therapie mehrgleisig fahren. An erster Stelle steht die Schulung, in die neben den Familienangehörigen z.B. auch die Lehrer einbezogen werden sollten.

Die Betroffenheit, aber auch die Hilflosigkeit der Eltern bei festgestellten Lern- und Leistungsproblemen ihrer Kinder ist oft groß. Was sind Ihre wichtigsten Ratschläge für betroffene Eltern ?

Merschhemke: Letztlich geht es darum, Kinder in ihren Kompetenzen zu stärken, sie in ihrem Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zu stärken, so dass sie ihre Entwicklungsmöglichkeiten besser entfalten können. Das setzt voraus, den Eltern die Stärken ihrer Kindes aufzuzeigen, die Schwächen zu analysieren und Ursachen und Zusammenhänge aufzudecken. Das geht am besten im gemeinsamen Gespräch mit Eltern, Lehrern und Förderkräften. Für Eltern kann das auch bedeuten, sich von allzu ehrgeizigen Zielen für ihre Kinder zunächst zu verabschieden ...

Welche therapeutischen Maßnahmen gibt es und welche Möglichkeiten hat das Sozialpädiatrische Zentrum Westmünsterland?

Merschhemke: Wir arbeiten interdisziplinär, koordinieren Behandlungen und empfehlen Behandlungsmaßnahmen. Schwerpunkt der Arbeit ist die Diagnostik und Beratung. Nach der Erstuntersuchung erfolgt eine Besprechung des Diagnostikergebnisses mit den Eltern. Da Lernen immer in einer Umgebung und mit anderen stattfindet, ist das Einbeziehen des Lern- und Lebensumfelds selbstverständlich. Falls erforderlich, wird bei diesem Gespräch ein mehrgleisiger Therapievorschlag gegeben. Hierbei kommt uns die gute Zusammenarbeit mit niedergelassenen Kinderärzten und Therapeuten, Frühförderstellen und anderen Institutionen zugute. Wir profitieren von der engen Vernetzung mit der Kinderklinik der Christophorus-Kliniken, z.B. mit der neuropädiatrischen Ambulanz oder der Psychosomatik. Im SPZ findet zukünftig ein ADHS-Training statt, ein Training sozialer Fertigkeiten für Vorschul- und Grundschulkinder wird z. Zt. schon angeboten, ebenso das „Heidelberger Elterntraining“ für Eltern zwei- bis dreijähriger Kinder und auch physiotherapeutische Behandlungen.

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