Mo., 14.10.2013

Vorträge zu Lernschwierigkeiten durch schlechte Hörverarbeitung / Tinnitus Hören ist gleich zweimal Thema

Coesfeld. Gleich zwei kostenfreie Veranstaltungen zum Thema Hören bietet das „Gesundheitsforum Coesfeld“ an. Am heutigen Dienstag (15. 10.) um 20 Uhr geht es um Entwicklungsstörungen und Lernschwierigkeiten durch schlechte Hörverarbeitung. Schulische Leistungen haben häufig ihre Ursache in einer nicht gut funktionierenden Hörverarbeitung. Referent ist Lern-Therapeut Berthold Rieke. Klingeln, Pfeifen, Rauschen - Tinnitus – so heißt der Titel der „Abendvisite“ am morgigen Mittwoch (16. 10.) um 19 Uhr. Das Vorkommen, Auftreten, den Ausdruck sowie die Behandlung dieser scheinbaren Geräusche wird Dr. Ernst Heinkele (Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Stimm- und Sprechheilkunde) in der Abendvisite nahe bringen. Dr. Andreas Nemec (Facharzt für Innere- und Allgemeinmedizin, Homöopathie, Chirotherapie) wird in seinem Vortrag auf weitere Ursachen des Tinnitus hinweisen. Auch Hör-Therapeut Berthold Rieke wird an diesem Abend mit von der Partie sein. Beide Veranstaltungen finden in der FBS statt. Über die Vorträge sprach unser Redakteur Hans-Jürgen Barisch mit den Referenten.

Von Allgemeine Zeitung

Herr Rieke, Lernschwierigkeiten durch schlechte Hörverarbeitung – heißt das, was man nicht hört, kann man auch nicht lernen?

Rieke: Zunächst muss eine genaue Diagnostik durch einen HNO-Arzt oder Phoniater erfolgen. Man unterscheidet zwischen einer Mittelohrschwerhörigkeit, Innenohrschwerhörigkeit und einer zentralen Hörverarbeitungsstörung. Bei einer schlechten zentralen Hörverarbeitung spricht man von einer AVWS (Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungs-Störung). Dieser Begriff ist eine Zusammenfassung verschiedener Hörleistungen des Gehirns. Wenn nur eine oder mehrere Hörleistung(en) massiv gestört ist, hat dies Auswirkungen auf das Sprechen, Lernen und Verhalten. Die Ursachen sind vielfältig – wachsende Reizüberflutung durch Spielkonsolen, Fernsehen, Computer und unsere schnelllebige Informationsgesellschaft usw.

Die Fähigkeit des Menschen, Schallsignale zu verarbeiten, wahrzunehmen und auszuwerten, ist zunächst abhängig von einem intakten Ohr (peripheres Hörvermögen) und danach abhängig von der weiteren Verarbeitung im Gehirn (zentrale Hörverarbeitung). Ist diese zentrale Hörverarbeitung beeinträchtigt, kommt es z. B. zu leichter Ablenkbarkeit durch andere Reize, häufigem Verwechseln ähnlich klingender Laute, reduzierter akustischer Merkfähigkeit, mangelhaftem Richtungshören, u. a. m. Diese Beeinträchtigungen manifestieren sich dann als Teilleistungsschwächen und sind in der Regel mitverantwortlich für Sprachentwicklungsstörungen, Lese-Rechtschreib-Störungen, Konzentrations -und Aufmerksamkeitsstörungen bis hin zu Verhaltensauffälligkeiten.

Welche Symptome treten in Zusammenhang mit AVWS auf und was kann man dagegen tun?

Rieke: An Symptomen wären zu nennen verzögerte oder unvollständige Sprachentwicklung (Weglassen von Anfangs- oder Endsilben, vertauschen von Buchstaben), schlechtes Zahlenfolgegedächtnis und Zahlenverständnis, schlechtes Silbengedächtnis, Probleme beim auswendig lernen, mündlich gestellte Aufgaben werden nicht richtig verstanden, Schwierigkeiten mit Diktaten, Legasthenie als „Folge-Erscheinung“, Schwierigkeiten beim Erwerb von Fremdsprachen oder auch nicht den Fähigkeiten entsprechendes Bildungsniveau.

Sehr wichtig ist eine gute Hördiagnostik, wenn man dagegen etwas unternehmen will. Ein HNO-Arzt / Phoniater wird verschiedene Tests durchführen, um den Bereich der AVWS einzugrenzen. Nach Erstellung eines individuellen Behandlungsplanes findet dann in der logopädischen Praxis die Behandlung statt. Der Behandlungserfolg ist, abhängig von der Mitarbeit des Patienten, fast durchgängig positiv.

Herr Dr. Heinkele, Klingeln, Pfeifen, Rauschen - wie kann man Tinnitus in einem Satz definieren?

Heinkele: Tinnitus ist der medizinische Fachausdruck für Ohrgeräusche oder Ohrensausen. Jeder Vierte von uns hat dieses Phänomen schon mal wahrgenommen. Meistens und glücklicherweise nur vorübergehend. Oft wird es als Pfeifen, Rauschen, Zischen oder Summen erlebt. Tinnitus ist ein Symptom, vergleichbar dem Schmerz. Tinnitus ist immer auch ein Warnsignal, dass wir uns übernommen haben, im körperlichen oder seelischen Bereich. Nicht das Symptom Tinnitus muss vordringlich behandelt werden, sondern die Ursachen. Deswegen ist die Diagnostik sehr wichtig.

Wie entsteht Tinnitus überhaupt?

Heinkele: Als Ursachen kommen Hörbeeinträchtigungen, Lärmschäden, Morbus Menière (Drehschwindel) und andere organische Erkrankungen in Betracht. Auch der Hörsturz ist oft von einem Tinnitus begleitet. Probleme mit der Halswirbelsäule oder im Zahn-Kiefer-Bereich können auslösende oder verstärkende Ursachen sein. Neben medizinischen Ursachen vermuten die Hälfte aller Betroffenen Lärm und Stress als Auslöser. Oft lassen sich die Ursachen beheben oder gut behandeln. Häufiger werden jedoch gar keine organischen Ursachen gefunden. In beiden Fällen kann das Ohrgeräusch wieder völlig abklingen, es kann aber auch bleiben. Dies wird nach einigen Wochen mit Tinnitus um so wahrscheinlicher. Darum ist eine frühzeitige Behandlung im Akutfall angezeigt.

Dr. Andreas Nemec: Neben den von Dr. Heinkele genannten Gründen gibt es eine Fülle weiterer Ursachen, die das Entstehen eines akuten oder chronischen Tinnitus begünstigen können. Zunächst sollte man Erkrankungen ausschließen, wie z.B. Bluthochdruck oder Durchblutungsstörungen, die häufig auch mit Ohrgeräuschen einhergehen. Daher sollte auch immer eine Untersuchung mit Beratung beim Hausarzt erfolgen, damit dem Patienten möglichst umfassend geholfen werden kann. Darüber hinaus verursachen insbesondere Störungen im oberen HWS-Bereich eine Verstärkung von quälenden Ohrgeräuschen. Auch Störungen des Kiefergelenks (sog. Crainiomandibulare Dysfunktion) können ebenfalls zu Tinnitusbeschwerden führen. In diesem Fällen lassen sich durch manualtherapeutische Eingriffe an der Wirbelsäule oder dem Kiefergelenk die Beschwerden günstig beeinflussen. Dabei kommt es insbesondere auf eine rasche Ursachenerklärung an, damit man möglichst zeitnah therapeutisch eingreifen kann, um eine Chronifizierung des Tinnitus zu vermeiden. Darüber hinaus können alternative Heilverfahren, z.B. die Osteopathie oder Akkupunktur bei chronischen Tinnitusbeschwerden angewandt werden. Auch eine begleitende komplementäre naturheilkundliche oder homöopathische Therapie kann zu einer Beruhigung oder gar Löschung des quälenden Ohrgeräusches beitragen.

Kann man sich im Vorfeld dagegen schützen - wie müsste das aussehen?

Heinkele: Der Geräuschpegel am Arbeitsplatz sollte keine 85 dB überschreiten. Große Lärmquellen meiden und/ oder Ohrstöpsel tragen.

Bei Rockkonzerten immer Ohrstöpsel tragen. Dem Ohr Ruhepausen gönnen. Bei mp3 Player besser ein offenes System als Kopfhörer. Nicht die Gehörgänge mit kleinen. Stress vermeiden und für ein gesunde Lebensweise sorgen. Regelmäßige Kontrolle beim Arzt.

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