Fr., 20.05.2016

Zwei Stationen des Kreuzwegs in St. Pankratius in der Kritik: Verunglimpfung von jüdischen Menschen „Eine beschämende Darstellung“

Zwei Stationen des Kreuzwegs in St. Pankratius in der Kritik: Verunglimpfung von jüdischen Menschen : „Eine beschämende Darstellung“

Die Kreuzigungsszene in der Pankratius-Pfarrkirche (großes Bild): Auch hier werden die beteiligten Juden – ebenso wie auf dem kleinen Foto „Jesus wird seiner Kleider beraubt“ – mit negativen Merkmalen wie Hakennase und Fingerkrallen dargestellt. Die Hintergründe untersuchten Diözesankonservator Dr. Udo Grote (ganz l) und Kunsthistoriker Martin Kaspar (ganz r), hier mit Pfarrer Ralph Forthaus (2. v. r.) und Kirchenvorstandsmitglied Franz-Josef Elsing. Foto: Helene Wentker

Gescher. Gierig greifen Krallenfinger nach Jesu Mantel. Stierende Augen, eine Hakennase, ein falsches Lächeln auf den Lippen lassen das Gesicht des Mannes, der da so ungeniert auf den an der Dornenkrone leidenden und aus Kopfwunden blutenden Christus blickt, durch und durch unsympathisch erscheinen.

Von Helene Wentker

Doch es dauerte achtzig Jahre, bis in Gescher jemand Anstoß an dieser Kreuzweg-Darstellung in der Pfarrkirche St. Pankratius nahm. Mit deutlichen Worten habe Martin Blenker im Dezember 2015 in einer E-Mail an Pfarrer Ralph Forthaus die judenfeindlichen Tendenzen kritisiert, die aus einer solchen Darstellungsweise sprechen. Man sei dem aufmerksamen Beobachter „sehr dankbar, dass er das Problembewusstsein geweckt und einen Stein ins Rollen gebracht hat“, sagt Pfarrer Forthaus.

Denn Pfarrgemeinde und Pfarrer nahmen Blenkers aufmerksame Beobachtungen auf und wandten sich an das Diözesanarchiv in Münster sowie an die Gruppe „Kunstpflege“ des Generalvikariates. Unverzüglich begannen Dr. Udo Grote, Martin Kaspar und Dr. Michael Reuter mit ihrer Recherche, um den Freskenkreuzweg in St. Pankratius geschichtlich einzuordnen. Schon bald schlossen die Experten, die den Lebensweg Bernd Terhorsts untersuchten, eine antisemitische Gesinnung des renommierten Künstlers aus. Terhorst hatte die Kreuzwegstationen 1935 als Auftragsarbeit geschaffen. Auch Pfarrer Wilhelm Hartmann, der den Kreuzweg in Auftrag gab, galt als „dem Nationalsozialismus überaus kritisch eingestellt“, wie weitere Recherchen ergaben. Er habe kaum einen dem NS-Regime nahestehenden Künstler für die Ausstattung der Pfarrkirche beauftragt.

Aus kunsthistorischer Sicht kamen die Fachleute zu der Bewertung, „dass antijudaistische Darstellungen eine erschreckend lange Tradition in der christlichen Kunst haben und vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert in allen Gattungen zu finden sind.“ Diese „schlimme und schreckliche Tradition über Jahrhunderte“ habe schließlich zu den „dunkelsten Kapiteln der Weltgeschichte mit geführt“, sagt Dr. Udo Grote mit tiefem Bedauern. Die Fachleute ebenso wie Pfarrer Forthaus und die Pfarrgemeinde sehen jedoch mit „einer Entfernung dieser zutiefst beschämenden Vergangenheit aus dem öffentlichen Raum keinen adäquaten Weg der Auseinandersetzung.“ Vielmehr will man den Kreuzweg „als kunsthistorisches Mahnmal für kommende Generationen erhalten. Pfarrer Forthaus: „Wir wollen das Thema in die Öffentlichkeit bringen und Problembewusstsein erzeugen. Auch ein Faltblatt soll künftig den Kreuzweg mit seinen schwierigen Stationen zehn und elf erläutern.“

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