Fr., 09.06.2017

Wie Sozialpädagogische Familienhilfe das Leben verändern kann: Eine junge Frau berichtet Kleine Schritte statt Riesensprünge

Gescher. Entspannt sitzt der kleine Justin auf dem Schoß seiner Mama und lächelt verschmitzt. Zum ersten Mal darf er heute mit Opa und Oma im Wohnmobil verreisen. Das wird ein Abenteuer! Auch Mutter Meike L. wird an diesem Tag eine Premiere feiern, auf die die 22-Jährige stolz ist: „Am Nachmittag unterschreibe ich meinen Ausbildungsvertrag als medizinische Fachangestellte, nachdem ich kürzlich den Hauptschulabschluss mit 1,3 nachgeholt habe.“

Von Helene Wentker

Eine Erfolgsgeschichte wie im Bilderbuch wird hier geschrieben vor dem Hintergrund einer Vergangenheit, über die Meike L. freimütig bekennt: „Es war nicht einfach mit mir. In der Pubertät habe ich gemacht, was ich wollte. Habe mich dann selbst an das Jugendamt gewandt. Dort hat man mir Frau Ebbert an die Hand gegeben. Seither läuft es besser.“ In dieser Kurzbeschreibung liegt ein fünfjähriger Entwicklungsweg, auf dem die Familienpädagogin Ingrid Ebbert, Mitarbeiterin des Caritasverbandes Borken, Meike L. phasenweise begleitet hat. Sozialpädagogische Familienhilfe: Hinter diesem sperrigen Wort verbirgt sich ein Hilfsangebot, von dem Meike L. heute sagt: „Mir hat es geholfen, mich selbst zu finden.“ Mit 15 brach die junge Frau die Schule ab. Hatte die falschen Freunde, geriet auf die schiefe Bahn. Schon damals band SPFH-Mitarbeiterin Ingrid Ebbert Meikes Eltern in den Beratungs- und Lernprozess mit ein. Dass Meike L. heute weiß, „dass beide Eltern bei einer einmal getroffenen Entscheidung bleiben und diese nicht mehr verhandeln“, ist ein konkretes Ergebnis dieser Beratungen.

Mit 17 Jahren brachte Meike ihren Sohn Justin zur Welt. Sie zog in ein Mutter-Kind-Heim: „Ich wusste, dass ich allein mit der Situation nicht klar kam. Aber ich wollte auch nicht, dass meine Eltern ihre Berufe aufgeben.“ Drei Jahre lang hat sie dort gelebt.

Wieder war es SPFH-Mitarbeiterin Ingrid Ebbert, die sie sich noch einmal als Beraterin wünschte. „Die Lösungen, die man in der SPFH-Arbeit gemeinsam mit den Ratsuchenden findet, müssen zu den jeweiligen Familien passen. Es ist wichtig, dass sie eigene Handlungsideen entwickeln“, sagt Ingrid Ebbert. So war es auch in Meikes Fall. „Der Weg war mit Höhen und Tiefen verbunden, bis es in die richtigen Bahnen ging“, so die SPFH-Mitarbeiterin. Geduld und Beharrlichkeit haben sich ausgezahlt. Meike L. hat „den Schalter umgelegt.“ Erst übte sie, angeleitet von Ingrid Ebbert, eine verlässliche Tagesstruktur, überwand ihre Strukturlosigkeit: „Früher bin ich, 40 Kilo schwerer als heute, mit Jogginghose zum Einkaufen gegangen, und in meinem Zimmer herrschte Chaos. Heute würde mich ein solches Outfit in der Öffentlichkeit ebenso stören wie eine unaufgeräumte Wohnung“, erzählt Meike stolz. „Als Stabilität in ihre Entwicklung kam, konnte Meike auch die Werte leben, die sie vom Elternhaus mitbekommen hatte. Zuvor war da große Rebellion“, schaut Ebbert zurück. Meike L. stimmt zu. „Früher wollte ich über Riesenhürden springen. Frau Ebbert aber sagte, ich solle kleine Schritte machen. Seither läuft es.“ Dankbar sei sie für die Hilfe, die man ihr gegeben habe, betont Meike L.: „Keine Angst vor dem Jugendamt. Sie wollen helfen, dass es den Familien gut geht“, lautet ihr Credo: „Und wir sind jetzt eine richtige Familie“ ist sie stolz. „Haben wir uns lieb?“, fragt sie Justin. Der schaut seine Mama an, schenkt ihr sein verschmitztes Lächeln und nickt – ganz dolle.

0 Sozialpädagogische Familienhilfe, das ist eine Unterstützung auf Zeit, die das Jugendamt bewilligen muss. „Uns hat das sehr geholfen“, sagt eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn über die Begleitung, die Ingrid Ebbert (Bildmitte), SPFH-Mitarbeiterin beim Caritasverband Borken, ihnen gab. Foto: wr

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