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Fr., 29.12.2017

Gescher Angekommen in der neuen Welt In der Marienkirche zuhause: Die ersten Bewohner berichten über ihr Leben in den alten Kirchenwänden

Gescher: Angekommen in der neuen Welt In der Marienkirche zuhause: Die ersten Bewohner berichten über ihr Leben in den alten Kirchenwänden

„Auch viele Besucher loben den herrlichen Blick auf das Marienquartier aus diesen großzügigen Fenstern mit dem vorgelagerten Balkon “, sagt Hauswirtschafterin Margret Eichmann, die mit und für die Senioren kocht. Foto: az

Gescher. Sie ist angekommen. Ein langer Weg liegt hinter ihr. Doch jetzt fühlt sie sich daheim in ihrer kleinen Wohnung. Den Schlüsselbund legt sie auf den Esstisch im Gemeinschaftsraum. Großzügig geschnitten ist der und wirkt doch so heimelig mit schicker Küchenzeile, mit Sitzecken und ausgesuchten Möbelstücken, die Bewohner aus ihrem alten Zuhause mitgebracht haben. Entspannt nimmt Elly A. (Name v. d. Redaktion geändert) am Tisch Platz und beginnt zu erzählen. Davon, dass sie sich schon länger gewünscht hatte, in die alte Marienkirche zu ziehen. Doch ihr Mann hätte da nie mitgemacht. Als er kurz nach seinem 90. Geburtstag im Frühsommer starb, beschloss Elly A., ihr altes Zuhause, in dem sie nun so allein war, aufzugeben. Für ihren Traum von der Marienkirche. Dort zog sie Ende Oktober als eine der ersten Mieter in die Wohngemeinschaft im ersten Obergeschoss ein. Bereut hat sie diesen Schritt keine Sekunde. „Alle gehen so lieb miteinander um. Wir unterstützen uns gegenseitig, wo wir können“, sagt die 87-Jährige über die Mitarbeiterinnen ebenso wie über ihre fünf Mitbewohner. In Kürze werden vier weitere dazu kommen. Sieben Jahre, nachdem auf Silvester der letzte Gottesdienst in St. Marien gefeiert wurde, ist jetzt wieder Leben in das Gebäude eingekehrt. Wenn Elly A. heute auf dieser oberen Ebene in ihrer WG sitzt, dann sieht sie sich manchmal „unten auf der Bank im Kirchenschiff, auf meinem festen Platz. Neben mir Kirchenbesucher, die da auch immer saßen.“ Niemals hätte sie sich zu der Zeit vorstellen können, dass sie in diesem Haus einmal leben würde...

Von Helene Wentker

Das geht Agnes K. (Name geändert) genauso. Ihr Mann, der auch vor wenigen Monaten starb, habe noch als Maurer beim Bau der Kirche ehrenamtlich mitgeholfen. Als die Marienkirche weichen sollte, hat Agnes K. mit ihrer Kerze unter den Demonstranten gestanden und für den Erhalt gekämpft. Nun ist sie dort eingezogen, zufrieden mit dieser Entscheidung. Agnes K.´s Tochter lobt die angenehme Atmosphäre in der Wohngruppe ebenfalls. „Man setzt sich bei einer Tasse Kaffee zusammen, plaudert, auch die Angehörigen gehören dazu.“ Das findet die Tochter gut.

Langeweile? Kennen die neuen WG-Bewohner nicht. Besonders Elly A. liebt ihre täglichen Spaziergänge und die kurzen Wege in die Stadt sowie zu ihren Ärzten. So was war früher, bei den langen Strecken in die City, nicht so komplikationslos.

Die Mahlzeiten nehmen alle gemeinsam ein. Nicht, weil sie das müssten, sondern weil sie das Miteinander genießen, wie sie beteuern. Leckeres auf den Tisch zaubert Hauswirtschafterin Margret Eichmann. Doch wer mag, kann beim Kartoffelschälen oder Tischdecken, beim Plätzchen backen und Hörnchen rollen helfen. Denn vier so genannte Präsenzkräften, die vom Wäschewaschen bis zum Kochen hauswirtschaftliche Aufgaben auf Wunsch gemeinsam mit den Bewohnern verrichten, stehen bereit. Ferner acht Alltagsbegleiter (Teilzeitkräfte), um den Senioren Tagesangebote vom Spazierengehen über Sport bis zum Basteln oder Gesellschaftsspiele zu machen. Auch Weihnachten und jetzt zu Silvester ist niemand allein. Zum Teil geht es stundenweise zu den Kindern, oder die Familien kommen zu Besuch in die WG. Silvesterprogramm mit Kaffeetrinken, Eierlikör, Spielen und Bleigießen: Wer hätte nicht Freude an sowas? So spricht aus Elly A.´s Worten nichts als Zufriedenheit: „Für das neue Jahr wünsche ich mir, dass es bleibt, wie es ist. So prima verstehen wir uns.“ Und Agnes K. denkt manchmal, dass es dieser besondere Geist des ehemaligen Gotteshauses ist, der auch nach der Profanierung spürbar bleibt.

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