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Mo., 01.01.2018

In Riga verliert sich Uli Steins Spur / Doch Eduard Schulte hat mit ihm die Grundschulbank gedrückt Plötzlich kommt das Erinnern zurück

In Riga verliert sich Uli Steins Spur / Doch Eduard Schulte hat mit ihm die Grundschulbank gedrückt: Plötzlich kommt das Erinnern zurück

Auf diesem Foto aus seinen Grundschultagen sei auch der jüdische Mitschüler Uli Stein zu sehen, sagt Eduard Schulte. Erkennen kann er den Jungen von damals, dessen Spur sich später in Riga verliert, nicht mehr. Foto: az

Gescher. Als Eduard Schulte kürzlich in unserer Zeitung über die Gedenkveranstaltung für jene Mitbürger jüdischen Glaubens las, die vor 76 Jahren aus Gescher nach Riga deportiert worden waren, standen ihm Bilder seiner Kindheit wieder vor Augen. „Ich habe in der Grundschule neben Uli Stein gesessen“, erzählt der heute 91-jährige Gescheraner über seine frühen Begegnungen mit dem jüdischen Mitschüler. Zuerst sei der kleine Junge sehr aufgeschlossen gewesen. Doch dann, meint Schulte sich zu erinnern, sei Uli immer ruhiger und zurückhaltender geworden. Heute führt Schulte das auf Hass und Hetze gegen jüdische Mitbürger zurück, die in dieser Zeit begannen. Bis am 10. Dezember 1941 auch die Familie Stein nach Riga deportiert wurde, wo sich ihre Spur verlor, wie Veronika Hüning vom Arbeitskreis „Riga“ bestätigt.

Von Helene Wentker

Zu dieser Zeit waren die Jungen bereits 14 Jahre alt. Eduard Schulte besuchte inzwischen gemeinsam mit seinem Freund Josef, Sohn des Glockengießermeisters Feldmann, die Oberschule in Borken. Den Kontakt zu Uli Stein hatte der Jugendliche schon damals verloren. Doch er erinnert sich, dass in der Öffentlichkeit bestimmte Themen strikt gemieden wurden, denn: „Die Nazis bestimmten längst das Geschehen, und man musste vorsichtig sein.“ So hörten die Kinder Sätze wie „Von dem musst du dich fernhalten.“ Im Elternhaus sei so nicht gesprochen worden, dort habe eine Nazi-kritische Haltung geherrscht. In der Tendenz sei man auch im tief katholischen Gescher nazikritischer gewesen als etwa in der Kreisstadt Coesfeld, meint Schulte. Und doch war es gefährlich, Kritik öffentlich zu äußern.

Für Eduard Schulte folgte auf die Zeit als Oberschüler in Borken der Dienst als Flakhelfer, Militär, Arbeitsdienst und 3,5 Jahre Kriegsgefangenschaft in Russland. Ein Datum hat sich dem alten Mann tief eingeprägt: der 3. September 1948. An diesem Tag lief sein Zug um 13.48 Uhr in Gescher ein und brachte ihn endlich heim. Onkel Tons und seine jüngste Schwester Inge hätten ihn abgeholt. Die Mutter war tief erschrocken, als sie den auf 90 Pfund abgemagerten Sohn wiedersah.

Dann brachen die Jahre des Wiederaufbaus und Wirtschaftswunders an. Obwohl er ursprünglich von einem Tiermedizinstudium geträumt hatte, wusste Eduard Schulte die Chance zu nutzen, die sich ihm bot. Eine Cousine der Mutter war mit Hubert Eing verheiratet. So bekam Schulte eine Anstellung bei dem Unternehmen Hubert Eing Textilveredlung angeboten. Er stand 40 Jahre in treuen Diensten dieses Gescheraner Betriebes, half, diesen auf- und auszubauen. 1954 erwarb Schulte ein Grundstück in seiner Heimatstadt, 1957 wurde geheiratet. Das Ehepaar bekam vier Kinder. Er habe viel erlebt, sei durch die halbe Welt gekommen, habe den Pilotenschein machen können, freut sich der Senior an seinen Erinnerungen. Die wenigen Monate mit Schulkamerad Uli Stein und alle Gedanken an das Schicksal der jüdischen Mitbürger in Gescher traten in den Hintergrund. „Man wollte nach dem Krieg was werden, Leistung bringen. Zum Nachdenken war damals keine Zeit“, sagt Schulte. Doch heute kehren Erinnerungen zurück, etwa wenn er das einzige Foto seiner Grundschulzeit betrachtet. „Uli Stein muss auch auf diesem Bild sein“, sagt Eduard Schulte. Aber erkennen kann er ihn nicht mehr.

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