Erinnerungskultur geht weiter / „Menschen aus unserer Gesellschaft gerissen“ / Schüler gestalten Aktion mit
Neun neue Stolpersteine

Gescher. „Je mehr Steine liegen, desto mehr geht es in die Köpfe der Menschen, dass hier einmal jüdische Mitbürger gelebt haben“, begründete der Kölner Konzept-Art-Künstler Gunter Demnig die Verlegung von neun weiteren Stolpersteinen an zwei Orten in Gescher. Am Vorabend der Aktion war er von Bürgermeister Thomas Kerkhoff ins Rathaus eingeladen worden, um sich ins Goldene Buch einzutragen. Der Arbeitskreis Riga hatte Demnig erneut nach Gescher eingeladen.

Montag, 05.02.2018, 11:02 Uhr

Erinnerungskultur geht weiter / „Menschen aus unserer Gesellschaft gerissen“ / Schüler gestalten Aktion mit: Neun neue Stolpersteine
Künstler Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine vor dem ehemaligen Haus der Familie Falkenstein in der Hauskampstraße. Links stehen Paul Stolzenburg (l.) aus Utrecht und Micha Stolzenburg (2.v.l.) aus Deventer, Großneffen von Julius Stein. Für die Familie Stein verlegt Demnig Steine an der Armlandstraße. Foto: Elvira Meisel-Kemper

Am Samstagmorgen kamen zur Verlegung von vier Stolpersteinen für die Familie Falkenstein vor dem Haus in der Hauskampstraße 20 und fünf weiteren bei der Hausnummer 1 in der Armlandstraße für die Familie von Julius Stein zahlreiche Besucher. Demnig verlegte an diesem kalten Wintermorgen mit zwei Helfern des Bauhofes wortlos die Steine. Musikalisch begleiteten Arnold Höpers (Saxophon), Merle (Gesang) und Michael (Gitarre) Robers die Aktion.

„Die Stolpersteine stehen für die Erinnerungskultur. Sie erinnern daran, dass Menschen, die einmal hier gelebt haben, aus unserer Gesellschaft gerissen wurden“, so Kerkhoff zur Begrüßung der Besucher, darunter Micha und Paul Stolzenburg (Deventer/Utrecht), Enkel von Georg Stein, dem Bruder des ermordeten Julius Stein.

Vor dem Haus von Joseph, seiner Frau Sophie und seinen Schwestern Lena und Rosa Falkenstein verlasen Schüler der achten Klassen der Gesamtschule Gescher Texte, die sie nach Recherchen über die Ermordeten geschrieben hatten. Bilder, wie das Wohnhaus ausgesehen hat, und das Foto eines Korbes betonten die Spuren ihrer Geschichte. Der Korb zeugt von der Begegnung einer Bäuerin aus Estern mit dem Ehepaar Falkenstein am Abend vor der Deportation auf dem jüdischen Friedhof. Sie brachte ihnen Lebensmittel für die Reise.

In der Armlandstraße nahe des Hauses mit der Nummer 1 war die letzte Wohnstätte der Familie von Julius Stein, seiner Frau Amalie und seinen Kindern Ulrich Samuel, Wolfgang und Elionore. Hubert Effkemann (Arbeitskreis Riga) wies darauf hin, dass sich hier auch der Betsaal der jüdischen Gemeinde befunden habe. Bewegt hörten die Brüder Stolzenburg als Nachfahren der ermordeten Familie Stein zu, denn auch hier riefen Texte von Realschülern der achten Klassen die Erinnerung an das Leben der Ermordeten wach. Die geplante Ausreise nach Amerika kam aus unbekannten Gründen nie zustande. „Meine Familie weiß von ihrer Ermordung. Da wird nicht viel drüber gesprochen“, äußerte sich Paul Stolzenburg bewegt. „Vor rund 40 Jahren waren wir schon mal hier und haben uns das Haus unserer Vorfahren angeschaut. Ich habe es ganz anders in Erinnerung. Damals waren wir Kinder“, ergänzte Micha Stolzenburg. Beide nahmen diese Form der Erinnerungskultur dankbar an.

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