So., 12.04.2015

Rückkehr des Raubtieres nach Deutschland polarisiert Der Wolf fordert Schäfer heraus

Rückkehr des Raubtieres nach Deutschland polarisiert : Der Wolf fordert Schäfer heraus

Der Wolf polarisiert wie kein anderes freilebendes Tier in Deutschland. Die einen fasziniert er und steht für einen Triumph im Kampf gegen das Artensterben. Die anderen macht er nervös, weil er Kosten verursacht und Ängste schürt. Foto: Wilfried Gerharz

Bis vor wenigen Monaten war die Rückkehr des Wolfes nach Nordrhein-Westfalen ein surreales Thema. Kurz vor Silvester 2014 riss dann ein Wolf bei Stemwede im Kreis Minden-Lübbecke ein Schaf; im Januar gab es einen zweiten Wolfsnachweis im Kreis Siegen-Wittgenstein durch eine Wildtierkamera und den DNA-Nachweis an einem Rehkadaver. Seitdem ist NRW „Wolfserwartungsland“.

Von Anne Koslowski

Für Jan Preller vom Landesbetrieb Wald und Holz NRW ist es eine spannende Zeit. Ständig läutet sein Telefon im Nationalparkbüro Bad Lippspringe mit Presseanfragen. Während man mit dem Förster spricht, ein Labrador zu seinen Füßen, kann es sein, dass sein Handy zwischendrin wie ein Wolfsheulen klingelt.

Brisantes Artenschutzthema

Der Wolf ist für ihn das derzeit brisanteste Artenschutzthema in Deutschland und das Spannendste, was er in 15 Jahren Öffentlichkeitsarbeit erlebt hat. „Ich wusste zwar, dass es diese Ausbreitung des Wolfes gibt, aber man konnte es sich nicht vorstellen.“

1998 siedelten sich Wölfe aus osteuropäischen Populationen zunächst in Sachsen an. Seit 2012 gibt es auch in Niedersachsen mehrere Rudel und Einzeltiere. Ob der Wolf nach den beiden Abstechern nach NRW dauerhaft zurückkommt, ist dagegen völlig offen.

Während das bevölkerungsreichste Bundesland sich noch mit Infoveranstaltungen für Schäfer, Jäger und Bürger vorbereitet und einen Leitfaden rund um Entschädigungen und Prävention erarbeitet, ist das Thema „Wolf“ kurz hinter der Landesgrenze im Oldenburger Münsterland längst Realität. Seit November hat es hier mehr als 70 gerissene Nutztiere gegeben, einige davon nachweislich durch einen oder mehrere Wölfe.

Nächtliche Attacke

Als Georg Kossen-Voges kürzlich zwei neue Schafe in den Stall brachte, drehte das Schaf Luzie völlig durch. Trotz ihrer zwölf Jahre, eines humpelnden Vorderbeines und ihrer Leibesfülle rannte die Aue „volle Pulle im Kreis“ und schließlich gegen das Gatter. So hat der Hobbyschäfer in der Goldenstedter Bauerschaft Lahr im Landkreis Vechta das altersschwache Tier seit Jahren nicht mehr laufen sehen.

Sie muss wohl ihre neuen Begleiter, zwei scheue Somaliaschafe, für jenes Tier gehalten haben, das in einer Januarnacht in den Stall eindrang und zwei Schafe riss. Eines davon fraß es bis auf Fell und Kopf auf. Das zweite tötete es nur. Luzie überlebte mit einem Biss ins Ohr. Noch steht das DNA-Ergebnis, ob es tatsächlich ein Wolf war, beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz aus.

Zweifel daran hat Kossen-Voges nicht. Sogar die Rippen seines Schafes waren aufgefressen. Außerdem sind zahlreiche andere Schafe und Rinder in den Nachbarlandkreisen Vechta und Diepholz angefallen und gefressen worden. Es war also nur eine Frage der Zeit, dass das Raubtier, das vermutlich im zehn Kilometer entfernten Großen Moor sesshaft geworden ist, in Kossen-Voges Garten steht.

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Ich wusste zwar, dass es diese Ausbreitung gibt, aber man konnte es sich nicht vorstellen.

Förster Jan Preller

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Die Zeiten, als der 53-Jährige nur alle drei Tage nach Feierabend nach den Schafen hinter seinem alten Bauernhaus von 1886 sehen ging, sind vorbei. Morgens lässt er sie nun raus, abends holt er sie wieder rein. Auch kann er die Tiere, die die Fläche rund um 14 alte Obstbäume von überwucherndem Gras und Unkraut freihalten sollen, nicht mehr frei auf dem 3000 Quadratmeter großen Grundstück herumlaufen lassen. Ein Elektrozaun soll seine lebenden Rasenmäher fortan beschützen.

Fotostrecke: Die Rückkehr der Wölfe

Schutzmaßnahmen

Wie ein Fischernetz entwirrt der Straßenbauleiter in Feierabendmontur mit blauer Strickmütze und blauem Pullunder die groben Maschen eines Elektrozaunes. Nach und nach stößt er Plastikpfähle in den Boden, bis er ein Stück Obstwiese vor dem Stall eingezäunt hat. Er klemmt ein Stromaggregat an, das Netz fängt vom Strom an zu knacken. Dann geht er in den Holzverschlag und scheucht die schwarz-weißen Somaliaschafe ins Freie. Der Bock verheddert sich kurz mit dem Gehörn im Netz. Wenige Minuten später humpelt die alte Luzie hinterher und lässt sich in der Abendsonne fallen.

Den Elektrozaun soll der Goldenstedter nun etwa alle zwei Tage, wenn der Rasen abgefressen ist, versetzen. Das hat ihm der ehrenamtliche Wolfsberater des Landkreises Vechta geraten. Über die 1,10 Meter hohe Absperrung würde ein Wolf nicht springen, darunter herbuddeln dagegen schon. Eine zweite Stromlitze entlang des Bodens muss her. So wie der Zaun derzeit ist, schützt er lediglich Georg Kossen-Voges und seine Familie davor, abends den Tieren hinterherlaufen zu müssen, glaubt der Goldenstedter.

„Billigkeitszahlungen“ vom Land

Doch einen Zaun „wegen dieses blöden Köters“, wie er den Wolf scherzhaft nennt, zu bauen? Das hält der Mann im Oldenburger Münsterland für unverhältnismäßig. Auch dass sich die Gesellschaft die Rückkehr des unter das Europäische Artenschutzrecht gestellten Tieres viel Geld kosten lässt, will nicht in seinen Kopf.

Das Land Niedersachsen stellt dieses Jahr 100 000 Euro für Billigkeitszahlungen bei eindeutig nachgewiesenen Wolfsrissen und für Präventionsmaßnahmen wie die Anschaffung von Zäunen und Herdenschutzhunden zur Verfügung. „Dafür könnte man viele Kilometer Radweg bauen.“ Seine Schafe will Kossen-Voges dennoch nicht aufgeben. Die Obstwiese hinter den alten Eichen im Huntetal selbst zu mähen, ist keine Option für ihn.

 

Sorgen um einzigartiges Erbgut

Ein paar Kilometer weiter hat Hobbyzüchter Sebastian Ostmann dagegen schon einmal daran gedacht, alles hinzuschmeißen. Nicht nur, weil der Abiturient eines Studiums wegen bald den elterlichen Hof in Vechta und damit seine Hobbyzucht verlässt. Sondern vor allem, weil er seine teilweise aus Großbritannien und den Niederlanden importierten Schafe nun mit höherem Aufwand schützen muss.

Und weil mit jedem gerissenen Schaf einzigartiges Erbgut verloren gehen könnte, mit dem er hätte weiterzüchten, Preise gewinnen, es weiterverkaufen und das Geld wieder in seine Zucht investieren wollen.

Nach der Schule geht der 19-Jährige direkt in den Stall. 50 schwarze Suffolk- und rotbraune Coburger Fuchsschafe drängen sich auf zwei Seiten der zum Stall umgebauten Lagerhalle. Sie haben ihn an seinen Schritten erkannt. Ostmann klappt die Tröge vor dem Gatter herunter, einzelne Tiere klettern in Vorfreude auf Futter fast darüber.

Unersetzbarer Schaden

Der Jungzüchter lässt Kraftfutterpellets in die Rinnen rieseln. Konzentriertes Geknabber setzt ein. Würde eines seiner Schafe gerissen, womöglich ein trächtiges Muttertier, hätte er nicht nur einen finanziellen Schaden von mindestens 500 Euro. „Jedes Zuchttier ist ganz individuell. Das kann man mit Geld nicht kaufen.“

Er kann sich nicht recht an den Gedanken gewöhnen, dass eines seiner Tiere „von links auf rechts aufgerissen“ und dann nicht einmal ganz aufgefressen werden könnte. Deshalb vertritt Sebastian Ostmann als Jungpolitiker, Jäger und Züchter von gefährdeten Haustierrassen zwar offiziell den Standpunkt: „Wir müssen damit leben.“ Privat wünscht er sich den Wolf aber in andere Ecken Deutschlands.

Zu seinem Glück haben die Risse in den Landkreisen Vechta und Diepholz seit einigen Wochen aufgehört. Möglicherweise ist das ein Zeichen dafür, dass die Nutztierhalter ihr Vieh jetzt besser zu schützen wissen. Vielleicht ist der Wolf auch weitergezogen. Sollte er plötzlich in Westfalen auftauchen, wird das Telefon von Jan Preller wieder häufiger aufheulen. Die Öffentlichkeitsarbeit rund um das Thema ist noch eine riesengroße „Kommunikationsbaustelle“.

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