Fr., 01.05.2015

Bredevoort und sein Antiquar aus dem Münsterland Das gallische Bücher-Dorf

Bredevoort und sein Antiquar aus dem Münsterland : Das gallische Bücher-Dorf

Der Bookinist: Rainer Heeke, geboren in Münster, aufgewachsen in Greven und heute unter anderem in Bocholt heimisch, gehört mit seinem Antiquariat in Bredevoort zum Inventar der Bücherstadt. Foto: Kristian van Bentem

Wir befinden uns im Jahre 2015 n. Chr. Die ganze Buchwelt wird vom Internet-Riesen Amazon beherrscht. Die ganze Buchwelt? Nein! Ein von unbeugsamen Antiquaren bevölkertes Dorf in den Niederlanden hört nicht auf, entschlossen Widerstand zu leisten: Bredevoort, rund zwölf Kilometer hinter der Grenze bei Bocholt, das seit 1993 ganz offiziell den Namen „Bücherstadt“ trägt.

Von Kristian van Bentem

Schinken – überall alte Schinken. Und was für Prachtexemplare! Wo einst Würste von der Decke hingen, stehen heute mehr als 20 000 Bücher aus vielen Jahrhunderten in Regalen bis zur Decke in Reih und Glied oder türmen sich auf Tischen auf. Wer Rainer Heekes „Bücher Mammut“ betritt, taucht in eine andere Welt ein: düster, chaotisch, altmodisch – urgemütlich und aufregend. Der Geruch von altem Papier, von Vergänglichkeit durchzieht den Raum, in dem das schummerige Licht antiker Kronleuchter nur mühsam in die letzten Ecken dringt und Kostbarkeiten wie die Jüdischen Historien von 1670 im Ledereinband mit Messing-Verschlüssen zum Strahlen bringt. Das Knistern von brennendem Kaminholz ist oft das einzige Geräusch, das die Stille untermalt, die ein abruptes Ende fände, könnten all diese Bücher ihre Geschichte erzählen.

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Bücher sind eine höchst ergötzliche Gesellschaft. Wenn man einen Raum mit vielen Büchern betritt - man braucht sie gar nicht zur Hand zu nehmen - ist es, als würden sie zu einem sprechen, einen willkommen heißen.

William E. Gladstone (ehemalige britischer Premierminister, 19. Jahrhundert)

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„Kopje koffie?“, fragt Heeke und erzählt seine. Der 61-jährige gebürtige Grevener, der in Münster und Den Haag studierte, ist einer der wenigen Antiquare der ersten Stunde in Bredevoort, die 22 Jahre später noch tapfer die Stellung halten und damit schon zum Inventar des niederländischen Bilderbuchstädtchens zählen. „Ja, wir fühlen uns ein wenig wie Asterix und Obelix“, sagt er. Das walisische Hay-on-Wye, 1962 weltweiter Pionier, stand Pate, als sich Bredevoort 1993 zur Bücherstadt erklärte und damit seinem von Landflucht und leerstehenden Häusern gezeichneten denkmalgeschützten Ortskern neues Leben einhauchte.

„Die Idee war genial: die Vernetzung von vielen Antiquariaten in einem Ort, in dem man jedes Buch findet, ohne sich die Finger wund zu suchen“, erzählt Heeke. Während er kurz nach dem Mauerfall vergeblich versucht hatte, ostdeutschen Orten diese Idee schmackhaft zu machen, mangelte es in Bredevoort nicht an Interessenten, die anbissen. Mit 30 Bücherläden war der 1500-Seelen-Ort anfangs gespickt. „Es herrschte Goldrush-Mentalität“, erinnert sich Heeke, der sich selbst lieber als „Bookinist“ bezeichnet. Ein Begriff, den man bei Wikipedia vergeblich sucht, da er ihn angelehnt an die französischen Bouquinisten erfunden hat. „Antiquar hört sich ein bisschen verstaubt an. Bookinist macht neugierig und nimmt den Leuten die Hemmung, über die Türschwelle zu treten.“

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Doch dann kam das, womit niemand gerechnet hatte: das Internet.

Rainer Heeke

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Und das taten sie zuhauf. „Sieben Jahre lang lief es fantastisch“, blickt Heeke zurück. „Doch dann kam das, womit niemand gerechnet hatte: das Internet. Und damit die weltweite Vernetzung.“ Vor allem der Gigant Amazon macht den Antiquariaten das Leben schwer. „Aber auch die Büchersammler sterben aus, weil junge Menschen nicht mehr mit diesem Kulturmedium aufwachsen.“ Stattdessen räumen viele ihre Regale leer und bieten Heeke Kofferraumladungen an, um sich einen Kindle davon zu kaufen. Schulen, die Platz für Computerräume brauchen, bieten ihm ganze Bibliotheken an.

Manchmal ergattert Heeke wahre Schätze. Wie die Cos­mographia: eine Weltbeschreibung von 1550, die ihm eine fünfstellige Summe einbrachte – ihn aber auch vor eine Zerreißprobe stellte. „Bei seltenen und besonders schönen Büchern entbrennt immer der innere Kampf zwischen dem Sammler und dem Händler. Aber ich muss eben auch davon leben, und dann entscheidet der Blick aufs Konto.“ Nur die Leidenschaft ernährt niemanden. „Ich hoffe deshalb immer noch, dass mir irgendwann mal jemand eine Gutenberg-Bibel ins Haus trägt“, sagt Heeke augenzwinkernd.

Vieles, was er bekommt, ist in schlechtem Zustand – entpuppt sich dann aber tatsächlich als Schatz. So wie der Reisebericht von Cornelis de Bruin von 1711, der seinen Weg durch den Orient nach Indien auf 300 Kupferstichen festgehalten hat. Heute ist es nur noch eine Sammlung loser, vergilbter Blätter zwischen zerfledderten Buchdeckeln. „In gutem Zustand wäre das 20 000 Euro wert.“

Was der Zahn der Zeit derart zerrupft hat, erweckt der Restaurator und Buchbinder Guido Pracca zu neuem Leben. Der Italiener war von der Idee der Bücherstadt so fasziniert, dass er sich vor 14 Jahren von Turin auf den Weg nach Bredevoort machte und sich ein paar Straßen von Heekes Laden entfernt niederließ. „Es dauert manchmal Monate, um ein altes Buch vor dem Zerfall zu retten“, erzählt er.

Eine Herausforderung, die auch für den Ort gilt. Immer weniger Menschen kommen. „Gerade im Winter sitzt man oft Tage da und wartet vergeblich. Da stellt man die ganze Idee und sich selbst in Frage“, sagt Heeke. Schilder mit „Te koop“ (zu verkaufen) hängen in zahlreichen Schaufenstern der Antiquariate, in denen einst edelste Schmöker auslagen. „Reihenweise haben die Händler dicht gemacht“, berichtet Heeke. Rund 15 Läden gibt es noch, nur eine Hand voll hat regelmäßig geöffnet. Hinter manchem Schaufenster und verschlossenen Türen türmen sich Bücherkisten auf, hinter denen Antiquare in die Computer-Tasten hacken, um ihre Schätze im World Wide Web anzupreisen. Auch Heekes Kollege Ruud Wilstra einige Straßen weiter („Innerhalb von zehn Jahren waren meine Einnahmen um 40 000 Euro zurückgegangen“) verkauft Bücher heute zwangsläufig auf diesem Weg.

Wer nicht auf den Zug aufspringt, der ihn zu überrollen droht, kommt unter die Räder. Das weiß auch Heeke und bringt seine besten Stücke heute per Internet weltweit unter die Buchliebhaber. Doch in der digitalen Zukunft sieht er auch einen Platz für Antiquariate: „Da fängt die Idee der Bücherstadt wieder an, interessant zu werden. Vielleicht ist es wie zu Beginn des Buches: Da haben die Klöster dieses Kulturgut für die Menschheit bewahrt. Vielleicht übernehmen wir jetzt diese Funktion. Wer weiß denn, welche Lebensdauer digitale Archive haben?“

Dass manchmal Studenten nach Bredevoort kommen, um sich dem Phänomen zu widmen, sieht Heeke selbstironisch: „Das ist ein bisschen wie ,Serengeti darf nicht sterben’: Kurz bevor es uns nicht mehr gibt, kommen die Forscher, um noch einmal die letzten lebenden Exemplare zu sehen“, scherzt er, betont aber: „Wir sind kein Museum, das Altpapier in Buchform ausstellt. Antiquare sind Kulturbewahrer, die alte Bücher wieder in Umlauf bringen.“

Cafés, Galerien und Manufakturen tragen heute dazu bei, Touristen in die Bücherstadt zu locken, die beim Vorbeigehen auch in den Antiquariaten stöbern und hin und wieder ein Buch kaufen. Nicht immer wegen des Inhalts: „Manche haben ein Regal erworben und brauchen 1,30 Meter alte Bücher in dekorativem Leder“, sagt Heeke schmunzelnd, stellt aber auch fest: „Manche entdecken wieder die Faszination, dass man ein altes Buch einfach in die Hand nehmen, es öffnen und darin blättern kann – ohne Computer. Auch die Schallplatte ist heute wieder ein Kultobjekt“, macht er sich Mut. „Die Saat im trockenen Feld wächst langsam wieder“, glaubt auch Guido Pracca.

Aufgeben? Undenkbar für ein gallisches Dorf – selbst wenn es in den Niederlanden liegt.

In eigener Sache

Diese Reportage ist mit dem 3. Preis des Dietrich Oppenberg-Medienpreises 2016 der Stiftung ­Lesen und der Stiftung Presse-Haus NRZ aus­gezeichnet worden.

INFORMATIONEN

► Das Buch zur Bücherstadt: „Die Praktikantin, le Bookinist & de Boekenstad“ mit Fotos von Sebastian Hopp und Texten von Rainer Heeke & Friends, Achterland Verlagscompagnie.

► Die Foto-Ausstellung zum Bücherstadt-Buch: „Büchermenschen“, noch bis zum 13. Mai in Billerbecks Bahnhof, montags bis freitags 5 bis 20.30 Uhr, samstags 6 bis 20.30 Uhr, sonn-/feiertags 8 bis 20.30 Uhr

► Der Top-Termin in der Bücherstadt: großer internationaler Büchermarkt, 25. Mai (Pfingstmontag), 10 bis 17 Uhr, Marktplatz

► Die altmodische Bücherstadt im modernen Internet: www.boekenstad.com

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