Sa., 30.04.2016

Rotkäppchens Albtraum Der Wolf ist wieder in NRW angekommen

Isegrim heißt der Wolf in der Märchenwelt. Auch dort ist sein Ruf nicht der beste.

Isegrim heißt der Wolf in der Märchenwelt. Auch dort ist sein Ruf nicht der beste. Foto: dpa

Münster - 

Der Wolf sorgt derzeit in NRW für einen richten Hype. Keine Woche vergeht, in der er nicht irgendwo gesehen, erahnt oder zumindest befürchtet wird. Isegrim ist wieder da, das steht fest: Und der Mensch muss sich erst daran gewöhnen.

Von Elmar Ries

1835 wurde in Ascheberg-Herbern der letzte Abschuss in NRW dokumentiert. Seitdem galt das Land als wolfsfrei. Trotzdem ist das Tier nicht nur Rotkäppchens Albtraum: Der Wolf löst Urängste aus. Womöglich ist darin der Grund zu sehen, dass seine Rückkehr nicht gleichmütig aufgenommen wird.

Genau das wäre aber sinnvoll. Seit 2009 wurden in NRW acht Wölfe nachgewiesen, erklärt Peter Schütz vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (Lanuv). Nur acht. Der letzte vor wenigen Tage in Ibbenbüren-Laggenbeck. Auch im Kreis Borken im Bereich der Dingener Heide soll ein Wolf in dieser Woche drei Ziegen getötet und vier verletzt haben.

Rückkehr eines Räubers

Der Wolf ist wieder in Nordrhein-Westfalen angekommen, knapp 180 Jahre nach dem letzten registrierten Abschuss 1835 in Ascheberg. Acht Nachweise hat das Landesamt für Naturschutz seit 2009 registriert. Das sind nicht viele. Der letzte Hinweis aus dem Raum Ibbenbüren ist erst ein paar Tage alt. Im Kreis Borken wird vermutet, dass ein Wolf in dieser Woche mehrere Ziegen gerissen haben soll. Die Rückkehr des Räubers bereitet vielen Menschen Unbehagen. Es gibt aber keinen Grund, Angst zu haben.

Schütz kennt sich mit den Tieren aus : Dass es in Europa noch sieben Wolfspopulationen gibt und derzeit in Deutschland 33 Rudel mit bis zu 300 Tie­ren leben. Dass die in NRW gesichteten Exemplare aus Po­len stammten und die Tiere – anders als der offenbar angefütterte Problemwolf „Kurti“ in Niedersachsen – extrem scheu seien und Menschen mieden. Lediglich Jungtiere, die das Rudel verließen, gingen schon mal in Ortsnähe auf die Pirsch, weil sie noch neugierig und unerfahren seien. Unterm Strich, sagt Schütz, ist zweierlei seit Jahren klar: Erstens, dass der Wolf zurückkehrt und dass er dies zweitens in deutlich geringerer Populationsstärke tun wird. Weil sich die Tiere in einer dicht besiedelten Indus­trie­region einfach nicht wohlfühlen.

Rückkehr des Raubtieres nach Deutschland polarisiert

Der Wolf fordert Schäfer heraus

Die Jäger gehen mit dem Phänomen Wolf erstaunlich gelassen um. „Wir haben nichts gegen natürlich zugewanderte Wölfe“, sagt Ludger Baumeis ter, Mitglied im Präsidium des Landesjagdverbandes NRW. Zum Gleichmut der Waidmänner trage auch bei, dass „die Vorstellung von Wölfen in Ballungsgebieten nicht mal als Realutopie“ tauge.

Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn es sich nicht generalstabsmäßig auf den Wolf vorbereiten würde. Beim NRW-Umweltministe rium gibt es seit April einen Wolfsmanagement-Plan, der Landesbetrieb Wald und Holz verfügt über einen Wolfsberater, und beim Lanuv existiert eine Arbeitsgruppe Wolf, die schon vor Monaten einen Maßnahmenkatalog vorgestellt hat. Dazu gehört die Regelung praktischer Fragen wie Herdenschutzzäune für Schafe und Entschädigungspflichten, falls ein Wolf seinen Hunger mal nicht im Wald stillt.

Spuren deuten auf Raubtier

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Auch wenn auf Isegrims Speiseplan vor allem Wildbret steht: Gegen Schafe hat er nichts einzuwenden. Kein Wunder also, dass die Schäfer dem Neubürger skeptisch gegenüberstehen. Auch wenn das Land zahlt, wenn ein Wolf Schafe reißt. „Wir fordern aber, dass nicht nur der Zeitwert des Tieres erstattet wird, sondern auch die finanziellen Mehraufwendungen“, sagt die Vorsitzende des Schafzuchtverbandes NRW, Ortrun Humpert. Zudem müsse die Landesregierung für die finanziellen Mehraufwendungen geradestehen, beispielsweise für die Anschaffung von wolfssicheren Elek­trozäune n oder den Kauf von Herdenschutzhunden.

Fotostrecke: Die Rückkehr der Wölfe

In Frankreich, Italien, Rumänien, Polen, Finnland und Spanien, also dort, wo der Menschen immer schon mit dem Wolf zusammenlebte, ist das kein Problem. Da sind Schutzzäune die Regel und Schutzhunde selbstverständlich. „Der Umgang mit dem Wolf muss hierzulande erst wieder gelernt werden“, sagt Peter Schütz.

Das dürfte dringend geboten sein. Spätestens 2018, so teilte der NRW-Landesverband des Naturschutzbund Deutschland (Nabu) vor einiger Zeit mit, sei Nordrhein-Westfalen definitiv wieder ein Wolfsland.

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