So., 01.05.2016

WDR Bigband und Steps Ahead eröffneten das 28. Jazzfest Gronau Zum Dahinschmelzen

Maike Mainieri prägte einen besonderen Sound. Posaunistin Shannon Barnett (kleines Foto) überraschte mit einem kecken Solo.

Maike Mainieri prägte einen besonderen Sound. Posaunistin Shannon Barnett (kleines Foto) überraschte mit einem kecken Solo. Foto: Hartmut Springer

Gronau - 

Nur zwei Konzerte gaben die WDR Bigband gemeinsam mit der Band Steps Ahead. Eines in Leverkusen, das andere beim Jazzfest Gronau. Diese Fast-Exklusivität ist durchaus als Zeichen der Anerkennung seitens des Orchesters für die Jazzfest-Organisatoren zu werten. Immerhin diente sich die wohl beste Bigband Europas selbst an, hier zu spielen. Das sagt etwas aus über die Wertschätzung, die das Festival auch in Musikerkreisen genießt. Als Organisator Otto Lohle hörte, mit dem die Bigband kooperieren wollte, sagte er sofort zu.

Von Martin Borck

Eine tiefe Seelenverwandtschaft zwischen Komponist und Arrangeur offenbarte sich am Freitagabend: Wie sonst ist zu erklären, dass die musikalischen Bearbeitungen, die Michael Abene den Kompositionen Mike Mainieris angedeihen ließ, dermaßen schlüssig wirkten? Einen Sound, der in der Fusionmusik der 80er-Jahre Maßstäbe gesetzt hat, in einen modernen Bigband-Klang zu transformieren, ist eine Herausforderung. Das Ergebnis erwies sich als Ohrenschmaus erster Güte. Die WDR-Bigband und die Musiker von Steps Ahead ergänzten einander, als ob sie seit Jahren gemeinsam Musik machten. Dabei waren es keine zwei Wochen, in denen sie die Arrangements einstudiert hatten.

Steps Ahead stand in den 80er-Jahren für melodiösen Ideenreichtum und für ein Klangideal, das vor allem durch den unnachahmliche Saxofonton von Michael Brecker, dazu das treibende Schlagzeug von Peter Erskine und Mainieris schwebende Vibrafonklang geprägt wurde. Ihre Musik löst ein Gefühl von Sehnsucht und Erfüllung gleichzeitig aus. Das Klangideal strebt auch die aktuelle Steps-Ahead-Besetzung mit Mainieri, Bill Evans (Saxofon), Chuck Loeb (Gitarre), Steve Smith (Schlagzeug) und Tom Kennedy (Bass) an. Die WDR Bigband katapultierte die Musik jedoch in eine höhere Dimension. Die Bläsersektionen bringen naturgegeben ein stärkeres Klangvolumen ins Spiel. Arrangeur Abene und den Musikern der Bigband gelang es dabei, den Charakter der jeweiligen Kompositionen, deren geistige Essenz, nicht zu übertönen, sondern intelligent anzureichern.

Bei „Pools“ (eine Komposition von Don Grolnick) hielten sich die Bläser noch zurück. Bei „Oops“ spielten sich Band und Bigband Motive der einzelnen Themen wie Pingpongbälle zu. Bill Evans und Paul Heller lieferten sich später eine Saxofonbattle – eingebettet in den durcharrangierten Rahmen, der die Freiheit der Solisten noch zu beflügeln schien.

Das kammermusikalische „Selfportret“ zog sich wie ein langer ruhiger Fluss dahin. Steve Smith am Schlagzeug (der aus dem nahen Boekelo stammende feste Bigband-Drummer Hans Dekker musste diesmal zu Hause bleiben) stieß bei seinem Solo in „Beirut“ Sprechsilben aus – so wie es in der traditionellen südindischen Musik üblich ist. Das erregende Stakkato-Trommelfeuer aus abgehackten Silben und den entsprechenden Schlägen auf die Felle löste beim Publikum Beifallsstürme aus.

Zur zarten Ballade „Belle“ steuerte Karolina Strassmayer sanfte Flötentöne bei, während Posaunistin Shannon Barnett bei „Steppish“ mit frischer Unbekümmertheit in ihr Instrument pustete und selbst Evans mit ihrem kraftstrotzenden Solo zum Staunen brachte. Dabei wirkten die Bigband-Musiker sonst geistig manchmal fast abwesend – doch wenn‘s drauf ankam, waren sie auf dem Quivive: die Einsätze exakt, die komplexeste Rhythmusvielfalt wie selbstverständlich aus dem Ärmel schüttelnd.

Bei „Trains“, einer weiteren Mainieri-Komposition zum Dahinschmelzen, zeigte sich Chris Loeb an der Gitarre einmal mehr als ideenreicher Improvisator. Mike Mainieri selbst wirkte wie ein junger Gott hinter seinem Instrument. Trotz seiner 78 Jahre. Für ihn und Abene war die Kooperation übrigens keine Premiere: Schon 1963, erinnerte sich Maineiri, hatte er für die Buddy Rich Band einen Pianisten gesucht und in Abene gefunden. „Das nächste Treffen findet also in 53 Jahren statt . . .“, scherzte der.

Mit der Zugabe „Sara‘s Touch“ endete das erfrischende Konzert – für das das Publikum stehend Beifall zollte.

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