Mi., 04.05.2016

Erst juckeln, dann düsen Die einstige Militärbasis Weeze ist zum viertgrößten Airport in NRW geworden

Seit 2007 nutzt Billigflieger Ryanair Weeze als Basis. Viele haben das kritisch beäugt, doch Geschäftsführer Ludger van Bebber bereut es nicht.

Seit 2007 nutzt Billigflieger Ryanair Weeze als Basis. Viele haben das kritisch beäugt, doch Geschäftsführer Ludger van Bebber bereut es nicht. Foto: Airport Weeze

Weeze/Düsseldorf - 

Viel Gegend fürs Auge. Grüne Gegend, durch die sich die Straßen schlängeln. Doch genau hier im Kreis Kleve, wo Wiesen und Felder die Landschaft prägen, ist auf den Straßen jeden Tag ziemlich viel los. Tausende Menschen juckeln darüber zum noch jungen Flughafen Weeze, welcher sogar doppelt so groß ist wie der FMO.

Von Hilmar Riemenschneider

955 000 Menschen sind 2015 von hier für relativ kleines Geld zu fernen Zielen gestartet. Damit hat sich die einstige britische Militärbasis zum viertgrößten Airport in NRW gemausert. 40 Prozent der Fluggäste, die hier abheben, kommen aus den benachbarten Niederlanden, die übrigen vor allem aus dem Rheinland, dem Ruhrgebiet und dem Münsterland.

„Unsere Passagiere brauchen eine bessere Straßenanbindung, statt sich von der Autobahn hier rüber schlängeln zu müssen“, fordert Flughafen-Chef Ludger van Bebber seit Langem. Die Chancen auf eine kürzere Anfahrt indes stehen mies. Denn die Landesregierung bleibt bei ihrer umstrittenen Kategorisierung der Flughäfen im neuen Landesentwicklungsplan (LEP): Nur drei von ihnen, Düsseldorf, Köln/Bonn und Münster-Osnabrück (FMO), sind als „landesbedeutsam“ klassifiziert.

Sie können leichter wachsen, wobei man auch in Münster sehr lange auf den Autobahnanschluss gewartet hat. Der FMO profitiert offenbar vom Potenzial als Ausweichflughafen. Nach hier startenden Passagieren ist er mit 400 600 nicht mal halb so groß wie Weeze, der wie Dortmund und Paderborn nur regional bedeutsam sein darf.

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Seit 2007 nutzt Billigflieger Ryanair Weeze als Basis. Viele haben das kritisch beäugt, doch Geschäftsführer van Bebber bereut es nicht. Das Wachstum in diesem Segment habe der Airport zu 100 Prozent mitgenommen. Wer das jetzt noch plane, komme zu spät. „Die Sprünge, die man vor zehn Jahren im Low-Cost-Segment machen konnte, gibt der Markt heute nicht mehr her.“ Am FMO hat man das schmerzhaft erfahren.

Trotz der Proteste aus Wirtschaft und Politik bleiben Verkehrsminister Michael Groschek und Staatskanzleichef Franz-Josef Lersch-Mense bisher dabei und verweisen auf das Luftverkehrskonzept. CDU-Verkehrsexperte Klaus Voussem nennt das „unseriös“, weil das Konzept auf Daten aus den 1990er Jahren fuße und keine Grundlage für den LEP sein dürfe. SPD und Grüne blockierten sich, statt mit einem aktualisierten Konzept eine Entwicklung aller Flughäfen zu ermöglichen.

„Der Bedarf ist durch die Wirklichkeit längst nachgewiesen“, betont auch der Flughafenchef. Weeze werfe im Gegensatz zu andere Regional-Flughäfen Gewinn ab: 2,3 Millionen Euro waren es 2015 – auch dank guter Immobilienvermarktung. Die LEP-Festlegung bedeute, „dass die Infrastruktur um uns herum nicht so entwickelt wird, wie es notwendig wäre“, kritisiert van Bebber.

Neidvoll blickt er in die Niederlande, wo sich große und kleine Flughäfen an einen Tisch gesetzt hätten. Am Ende eines von der Regierung moderierten Interessenausgleichs habe es für alle Luft nach oben gegeben. Ob und wie sich Weeze entwickeln dürfe, richte sich indes nach den großen Nachbarn Düsseldorf und Köln/Bonn.

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> Fläche: Rund 600 Hektar umfasst das ehemalige britische Militärgelände.
> Nutzung: Neben dem Flughafen finden sich Gewerbebetriebe, ein Flüchtlingsheim, große Solaranlagen. Im Sommer steigen hier Techno-Festivals mit Tausenden Besuchern.
> Passagiere: 2015 hat der Flughafen den 20 Millionsten Passagier begrüßt, 1,9 Millionen Menschen starteten und landete hier  
> Investitionen: Von 2002 bis 2014 wurden 82,8 Millionen Euro in den Airport investiert, 50 Millionen seien Eigenmittel gewesen, sagt Geschäftsführer van Bebber. 26,8 Millionen habe der Kreis Kleve als Kredit gegeben. Vom Land flossen 2003 rund 3,8 Millionen Euro Start-Kapital.

Weeze hat bescheiden begonnen, initiiert von niederländischen Investoren. Das heute mit breiter Glasfassade modern wirkende Terminal ist im Kern noch die alte Wartungshalle der britischen Airforce. Wo jetzt Passagiere kontrolliert werden, wurden Kampfjets repariert. Die Briten haben das Stahlgerüst der Halle in den 1950er Jahren aus Bremerhaven nach Weeze gebracht.

Auf dem 600 Hektar großen Areal wäre ein Vielfaches der heutigen Passagierzahlen möglich, sagt van Bebber. „Als ich geboren wurde, hatte Düsseldorf die Größe von Weeze heute. Das ist die Antwort darauf, in welchen Dimensionen man denken darf.“

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