Mo., 09.05.2016

Gedenken in Verdun Tanzen auf dem Schlachtfeld

Wo vor hundert Jahren deutsche und französische Soldaten töteten und litten, wollen jetzt 4000 Jugendliche aus beiden Ländern den Frieden feiern.

Wo vor hundert Jahren deutsche und französische Soldaten töteten und litten, wollen jetzt 4000 Jugendliche aus beiden Ländern den Frieden feiern. Foto: dpa

Münster - 

Tanzen auf dem Schlachtfeld? Da müssen auch die 28 Jugendlichen schlucken, die aus Münster zur Gedenkfeier nach Verdun reisen. In einer riesigen Choreographie soll dort, wo das Grauen greifbar ist, der Frieden zwischen Frankreich und Deutschland gefeiert werden.

Von Martin Ellerich

Sie sind 16, 17 oder 18 Jahre alt. Sie sind gespannt und voller Vorfreude. Ihre (Ur-)Urgroßväter waren kaum älter, als sie in die Waggons mit Aufschriften wie „Ausflug nach Paris!“ oder „A Berlin!“ kletterten und in Verdun aufeinandertrafen – Deutsche und Franzosen. Doch wo vor hundert Jahren gekämpft, gelitten und gestorben wurde, wollen sie den Frieden feiern – Deutsche und Franzosen gemeinsam. 28 Schülerinnen und Schüler des Annette- von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums Münster werden am 29. Mai als einzige Gruppe aus NRW bei der Gedenkfeier „4000 Jugendliche in Verdun“ dabei sein – im „Tandem“ mit einer gleichaltrigen französischen Gruppe. Höhepunkt wird der Festakt mit Frankreichs Präsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel und eine Choreographie von 4000 Jugendlichen aus beiden Ländern vor dem Beinhaus von Douaumont, in dem die Gebeine von 130.000 Gefallenen liegen.

Tanzen auf dem Schlachtfeld? Da müssen auch die deutschen Jugendlichen schlucken. „Erst einmal etwas befremdlich“ findet Emilie diese Art der Erinnerung. Aber die Namen des deutschen Regisseurs Volker Schlöndorff und des belgischen Choreographen Marc Bo­gaerts versprechen, dass die 4000 Jugendlichen am 29. Mai etwas sehr Besonderes, sehr Symbolisches erleben werden.

Wie sollen Jugendliche überhaupt mit den Schrecken umgehen, die beinahe Gleichaltrige hundert Jahre zuvor erlitten haben? Mit jener Mischung aus hochtechnisiertem Töten mit Maschinengewehr, Gas und Flammenwerfer einerseits, und andererseits altertümlichsten Formen des gegenseitigen Erschlagens und Abschlachtens, für die „Verdun“ zum Synonym geworden ist? „Das muss ein ganz neues Maß an Grausamkeit gewesen sein“, sagt Paul. „Statistisch gesehen lag die Lebenserwartung der Soldaten an der Front in Verdun zeitweise bei nur zehn Minuten“, ergänzt Ludger.

Die 28 haben sich gemeinsam mit ihrer Lehrerin Sabrina Hamidi Gedanken gemacht über das, was geschehen ist. Das, was sie in Verdun erwartet. Und das, was diese kriegerische deutsch-französische Geschichte bedeutet. An den Tagen in Verdun werden sie im Zeltlager mit der Gruppe gleichaltriger Franzosen, zu denen sie in diesen Tagen via Internet Kontakt aufnehmen, darüber reden. „Da weiß man endlich, warum man Französisch gelernt hat“, sagt Asmah voller Vorfreude. Organisiert hat das Programm das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) gemeinsam mit der Mission du Centenaire de la Première Guerre Mondiale.

Deutsch-französische Freundschaft? Für die 28 aus der Stufe 11 ist das so selbstverständlich, wie die „Erzfeindschaft“ für ihre Urgroßväter gewesen sein dürfte. „Ich kannte Frankreich immer nur als guten Nachbarn – ich wusste gar nicht, dass es so lange eine Feindschaft gab“, sagt Marie. Aber wenn Deutschland und Frankreich diese lange Feindschaft überwinden konnten, dann könne das doch auch ein Vorbild für viele andere verfeindete Länder in der Welt sein, wirft eine andere Schülerin ein. „Wir sind die Zukunft Europas, wir müssen uns dabei der Geschichte bewusst sein – und Verantwortung für eine friedliche Zukunft tragen“, sagt Elisa.

Google-Anzeigen
Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3991386?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947630%2F