Di., 10.05.2016

Auch im Marienhospital spielt Demenz immer größere Rolle Wenn Patienten verwirrt sind

Ungewohnte Umgebung, Betriebsamkeit: Mit der Situation im Krankenhaus haben viele Demenzkranke zu kämpfen.

Ungewohnte Umgebung, Betriebsamkeit: Mit der Situation im Krankenhaus haben viele Demenzkranke zu kämpfen. Foto: Linda Braunschweig

Steinfurt - 

Hin und wieder hat Anne Kloos früher gedacht: „Da läuft was aus dem Ruder“ – wenn demenzkranke Patienten auf ihrer Station völlig die Orientierung verloren, wenn sie aggressiv wurden oder versuchten davonzulaufen. Die Emsdettenerin, die seit ihrem Examen 1985 Krankenschwester im Marienhospital ist, suchte nach Lösungen, um solche Situationen zu verhindern. Über ihre Arbeit auf der Intensivstation stieß sie auf das Konzept der „Basalen Stimulation“, später kam die „Integrative Validation“ hinzu. Beides sind Methoden für den Umgang mit Menschen mit Demenz. Sie sollen dem Personal in Steinfurt ermöglichen, einem Problem im Krankenhausalltag zu begegnen, das immer größer wird.

Von Linda Braunschweig

Denn immer häufiger stellen Patienten mit Demenz Mediziner wie Krankenschwestern und -pfleger vor große Herausforderungen. Dabei sind Alzheimer und Co. nur eine Nebendiagnose: Meist werden die betagten Patienten aufgrund ihrer Gangunsicherheit nach Stürzen mit Knochenbrüchen eingeliefert oder mit einer Lungenentzündung, weil sie aufgrund von Schluckbeschwerden Speisebröckchen eingeatmet haben.

„Demenz wird heute auch als Phänomen bezeichnet, weil es so vielschichtig ist“, sagt Kloos. Grundsatz für das Krankenhauspersonal sei es, die Symptome zu kennen und entsprechend zu reagieren. „Wissen schafft Verständnis“, zitiert Kloos ein Prinzip, das verstärkt Einzug halten soll. Denn in Sachen Demenz fehle es häufig noch an den nötigen Kenntnissen. Bei der Integrativen Validation beispielsweise geht es um die Kommunikation mit den Demenzkranken, darum, ihnen Wertschätzung entgegenzubringen, sich auf ihre Ebene zu begeben, um sie nicht durch das Beharren auf der Realität weiter zu verwirren. Bei der Basalen Stimulation macht das Pflegepersonal dem Patienten Angebote, die er auch ablehnen kann. Es wird versucht, beispielsweise bei Lagerung und Waschung Geborgenheit zu vermitteln.

„Ein Klinikaufenthalt ist für einen Demenzpatienten immer eine Herausforderung“, sagt Kloos. Die ungewohnte Umgebung, die Betriebsamkeit. Mancher Patient komme während der Zeit im Krankenhaus mit 40 verschiedenen Personen in Kontakt. Dabei gelte es, den Menschen Sicherheit und Struktur zu geben. Hier könnten beispielsweise die Angehörigen helfen, indem sie von der Biografie des Patienten und seinen Gewohnheiten berichten – zur Not auch mehrmals gegenüber den verschiedenen Mitarbeitern.

„So selten wie möglich“ würden Patienten mit Medikamenten ruhig gestellt oder gar fixiert, sagt Kloos. Mit den beiden speziellen Konzepten zum Umgang mit Demenzpatienten hat sie gute Erfahrungen gemacht – und diese weitergegeben. 30 Kollegen hat Kloos bereits geschult. Größtes Problem für das Personal ist der Wettlauf gegen die Uhr. Zehn bis zwölf Patienten versorgt ein Mitarbeiter im Schnitt. Da bleibt kaum Luft, um beispielsweise eine 80-Jährige immer und immer wieder zurück in ihr Zimmer zu bringen. Als Akutkrankenhaus gibt es im Marienhospital keine geriatrische Abteilung, Demenzpatienten sind auf allen Stationen untergebracht, je nach ihrer akuten Erkrankung. Die bauliche Situation auf den Stationen den Demenzkranken anzupassen und den Personalschlüssel zu erhöhen – das ist etwas, das sich Anne Kloos für ihre Arbeit wünscht. „Aber wir müssen mit dem arbeiten, was man hat“, sagt Kloos. Dabei sei auch die Haltung des Personals entscheidend. Mit den Konzepten ließen sich Krisen verhindern, man könne präventiv arbeiten.

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