Do., 12.05.2016

Bergbau-Historiker interviewen Zeitzeugen Erlebnisse unter Tage für ewig speichern

Bergbau-Historiker interviewen Zeitzeugen : Erlebnisse unter Tage für ewig speichern

Das Archivbild zeigt Bergmänner der Steinkohlezeche Prosper-Haniel bei Bottrop. Foto: dpa

Bochum - 

Auf dem Bildschirm wechseln sich Bergknappen in Uniform mit BVB-Fans im T-Shirt ab, einstige Manager der Bergbau-Unternehmen in Schlips und Kragen folgen auf Witwen, die inmitten von Grubenlampen und Barbara-Skulpturen Platz genommen haben. Eines aber ist ihnen allen gemeinsam. „Jeder, wirklich jeder, den wir vor die Kamera bekommen, redet früher oder später über Unfälle“, sagt Stefan Moitra. „Das ist immer ein besonders emotionaler Moment.“ Das – aber auch die Kameradschaft unter Tage und der Zusammenhalt auf der Zeche – sind Erlebnisse, die niemand, der im Bergbau gearbeitet hat, je vergisst. Nicht vergessen – darum geht es auch im Projekt „Digitaler Gedächtnisspeicher: Menschen im Bergbau“ des promovierten Historikers.

Von Martin Ellerich

Hinter dem sperrigen Titel werden sich einst rund 100 Schicksale verstecken. Seit Herbst 2014 reden die Historiker mit Menschen aus dem Bergbau. Das Ziel: die Erinnerungen von „Zeitzeugen, die den Bergbau geprägt haben und selber vom Bergbau geprägt worden sind“, festhalten für die Zeit, in der es hierzulande keinen Kohle-Bergbau mehr geben wird.

Dieser Tag ist nicht fern: Ende 2018 schließen die beiden letzten deutschen Zechen – darunter die in Ibbenbüren. Schluss, aus – der deutsche Steinkohle-Bergbau ist dann Stoff fürs Geschichtsbuch. Nur: Die Geschichtsbücher, die Akten schildern zwar, was geschah – etwa bei der Mitbestimmung, bei deren Einführung der Bergbau einst das Experimentierfeld bildete.

„Aber: Wie es im Kleinen war, auf der Ebene des Betriebes, wie das im Alltag durchgesetzt wurde, sieht man nur bedingt in den schriftlichen Quellen“, sagt Moitra. Befragt man aber einen Kumpel, einen Betriebsrat und einen Bergwerkschef, bekommt man das Thema aus mehreren Perspektiven geschildert. Von „Multiperspektivität“ spricht der Historiker.

Oder die Frage, wie sich die Arbeit unter Tage zwischen 1945 und 2018 verändert hat: „Der Bergmann wird vom Mann mit dem pneumatischen Hammer zum Maschinenführer.“ Aber wie sich die Arbeit angefühlt hat, wie schwer der Hammer war, wie anstrengend das Schaufeln, welche Erleichterung der Kohlen­hobel war, steht nicht im Geschichtsbuch. Davon berichten nur Zeitzeugen.

Und das tun sie in dem gemeinsamen Projekt von der Stiftung Geschichte des Ruhr­gebietes und dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, das der Kohlekonzern RAG unterstützt. „Mindestens eineinhalb Stunden, in der Regel vier Stunden, in Ausnahmefällen auch acht Stunden und mehr“ reden die Menschen vor der Kamera von Moitra oder seinen Kollegen Katarzyna Nogueira und Jens Adamski. Mit dem 80-jährigen Wilhelm Beermann haben sie mehrere Tage lang gesprochen. Der einstige RAG-Chef kann aus Jahrzehnten in den Top-Etagen des Steinkohlenbergbaus einiges erzählen – bis hin zum harten Ringen um die Kohle-Subventionen im Kanzleramt, zu denen Helmut Kohl in Strickjacke dazustieß.

Digitaler Gedächtnisspeicher

80 bis 100 Zeitzeugen aus allen deutschen Steinkohle­revieren werden die ­Wissenschaftler bis Ende 2017 für den „Digitalen Gedächt­nisspeicher: Menschen im Bergbau“ befragen. 300 bis 400 Stunden Filmmaterial wird in dem gemeinsamen Projekt von Stiftung Geschichte des Ruhrgebietes und Deutschem Bergbau-Museum Bochum zusammenkommen. Jedes darin gesprochene Wort wird fein säuberlich abgetippt, alles nach Schlagworten archiviert.

Schließlich sollen nachfolgende Forscher sich im Material zurechtfinden. Denn mit der Befragung (Oral History) haben die Bochumer Forscher eine neue Quelle geschaffen – für Historiker, aber vielleicht auch für Wissenschaftler, welche die Sprache oder auch die typische Wohnzimmergestaltung in Bergbau-Familien erforschen. Wer weiß, was künftige Forscher­generationen interessiert?

„Es überrascht immer wieder, wie schnell die Befragten uns Vertrauen schenken“, sagt Nogueira. Oft gehe es schnell „ans Eingemachte“ – wenn es um die Kameradschaft geht, um die „letzte Schicht“, das nachbarschaftliche Zusammenleben in der „Siedlung“, aber auch um die Bergung von Verunglückten unter Tage oder die Trauer um den Ehemann.

„Immer mal wieder fließen auch Tränen“, so die Historikerin, und es fallen Worte wie: „Das konnte ich noch nie jemandem sagen.“ Viel mehr also als „Dönekes“. Es geht um (Einzel-)Geschichten, die zu einer Geschichte des Bergbaus nach 1945 beitragen – und die der „großen“ Geschichte erst das menschliche Gesicht geben.

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