Fr., 13.05.2016

Polizei übt Bekämpfung einer Geiselnahme Schapdetten im Ausnahmezustand

Der Geiselnehmer bedroht seine beiden Geiseln mit einem Messer und fordert lauthals, mit dem Landrat sprechen zu wollen. Die Situation in der Flüchtlingsunterkunft eskaliert.

Realitätsnah spielte die Polizei die Beendigung einer Geiselnahme nach. Das Szenario: Ein bewaffneter Mann nimmt Geiseln in einer Flüchtlingsunterkunft. Foto: Dieter Klein

Schapdetten - 

Riesiges Polizeiaufgebot in Schapdetten. In der ehemaligen Grundschule und zukünftigen Unterkunft für Asylbewerber kommt es zu einer Geiselnahme. Eine Übung für den Ernstfall.

Von Dieter Klein

„Tatort Schapdetten“! Wenn auch ohne Boerne und Thiel. Aber filmreif war das allemal, was sich am Donnerstagvormittag in und auf dem Gelände der ehemaligen St.-Bonifatius-Grundschule abspielte und den ganzen Ort für Stunden in eine Art Ausnahmezustand versetzte.

Das Szenario hatten sich die Spezialisten von der Polizeidirektion Münster ausgedacht und dann die Kollegen der Kreispolizeibehörde Coesfeld mit in die Aktion eingebaut. Vorbereitet worden war eine Geiselnahme in der zur Flüchtlingsunterkunft umgebauten ehemaligen Schule.

So war die Übungslage: Als am frühen Morgen drei Mitarbeiter (ein Mann und zwei Frauen) der zentralen Ausländerbehörde Bielefeld nach Schapdetten angereist kamen, um einen albanischen Staatsangehörigen davon zu unterrichten, dass sein Asylantrag abgelehnt worden sei, drehte der Mann durch. Dem Chef des Bielefelder Trios gelang noch ein Notruf nach draußen: „Der Mann ist sehr nervös. Jetzt hat er eine Waffe. Ich muss auflegen . . .“

Die Waffe, ein scharfes Messer, hält der Geiselnehmer von nun an ständig einer seiner Geiseln an die Kehle und droht, sie umzubringen. Die Polizei Coesfeld ist zwischenzeitlich alarmiert. Als die ersten Streifenwagen anrücken, verschanzt sich der Mann mit seinen Geiseln in einem Nebenraum und fordert lauthals 100 000 Euro und einen Porsche. „Ich habe nichts mehr zu verlieren und bin zu allem bereit!“

Coesfeld informiert Münster. Die anrückenden Polizeikräfte sperren das Gelände an der Roxeler Straße weiträumig ab. Zur Sicherung aller möglichen Fluchtwege und Straßen werden nach und nach Einsatzkräfte aus dem ganzen Umland und den Nachbarkreisen nach Schapdetten beordert.

Die Einsatzleitstelle wird gegenüber der Schenking­straße eingerichtet, der Ort abgeriegelt. Selbst die Linienbusse aus Münster müssen sich neue Routen suchen. Aus Dutzenden Funkgeräten knacken auf Sonderkanälen die Funkbefehle von „Moritz“ (Münster) und „Ludger“ (Coesfeld). Neugierige wie auch Medienvertreter von Presse, Funk und Fernsehen müssen den Abstand zum Tatort vergrößern. Über den Fortlauf des Dramas informieren die beiden Polizeipressesprecher Martin Pollmann (Coesfeld) und Norbert Voßkühler (Münster).

Plötzlich eskaliert das Geschehen. Eine der Geiseln, ein Mann, hat flüchten können. Schreiend kriecht er über den Schulhof. Später stellt sich heraus, dass ihn der Geiselnehmer mit dem Messer schwer verletzt hat. Rettungssanitäter des DRK übernehmen die Erstversorgung.

Der Geiselnehmer wird zusehends nervöser. Mehrfach zeigt er sich hinter den großen Buntglasscheiben im Treppenhaus. Dann steht er plötzlich vor den Einsatzkräften auf dem Schulhof und schreit: „Wo ist der Landrat? Ich will den Landrat sprechen.“ Im Griff hält er die beiden verbliebenen Geiseln, zwei Frauen. Einer drückt er ein Messer gegen die Kehle. Die Frau ist kreidebleich.

Über Funk kommt die Anweisung an alle Einsatzkräfte: „Zugriff bei nächster Gelegenheit! Schusswaffengebrauch ist erlaubt.“

Das Spezial-Einsatzkommando (SEK) wird gebraucht. Die martialisch aussehende Truppe aus Münster rollt an. Männer mit Masken, Helmen, Spreizstangen, Kettenhemden, Maschinenpistolen und Türbrechern verteilen sich trotz ihrer schweren Spezialausrüstung schnell und geradezu lautlos um den ganzen Häuserblock. Dringen dann durch eine seitliche Kellertür in die Flüchtlingsunterkunft ein. Die Beamten und auch die Zuschauer auf der gegenüberliegenden Straßenseite sind längst verstummt. Die Szene wirkt mehr als echt. Vom nahen Dorfkirchlein läutet es. 12 Uhr! Der Geiselgangster gibt auf.

Polizeisprecher Norbert Voßkühler fasst später zusammen: „Die Polizei hat sich hier kein übertriebenes Szenario ausgedacht. Wir müssen mit solchen Verzweiflungstaten rechnen und darauf vorbereitet sein.“

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