Sa., 14.05.2016

Contergan: „Situation war außer Kontrolle“ Land stellt historische Aufarbeitung des Contergan-Skandals vor

Fast 50 Jahre nach Einstellung des Verfahrens um den Contergan Skandal in NRW arbeitet das Land nun die Geschehnisse erneut auf.

Fast 50 Jahre nach Einstellung des Verfahrens um den Contergan Skandal in NRW arbeitet das Land nun die Geschehnisse erneut auf. Foto: dpa

Düsseldorf/Aachen - 

Für die Eltern gehört es bis heute zu den quälenden Fragen: Haben sie für ihre Kinder, die durch das Schlafmittel Contergan schwere Missbildung erlitten habe, das Bestmögliche getan?

Von Hilmar Riemenschneider

 Die Antwort liege jetzt auf dem Tisch, meinte NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens, als sie am Freitag eine historische Aufarbeitung des Contergan-Skandals präsentierte. Als das Strafverfahren gegen Manager des Aachener Pharma-Unternehmens Grünen­thal Anfang 1970 eingestellt wurde, musste die Firma 100 Millionen D-Mark in die heutige Contergan-Stiftung einzahlen. Sie zahlt den Opfern heute Renten und erfüllt auch andere Ansprüche. Für damalige Verhältnisse sei dies das höchste Erreichbare gewesen, meinte Steffens.

Dass dieses unbefriedigende Ende des Mammutprozesses den Staatsanwälten gegen den Strich ging, beschreibt der Historiker Niklas Lenhard-Schramm, der den Skandal an der Uni Münster untersucht hat. Damit schließt sich der Kreis an dem Ort, wo 1961 der Mediziner Widukind Lenz die zu Missbildungen führenden Nebenwirkungen des angeblich verträglichen Mittels Contergan aufgedeckt hatte.

Doch vor allem die Landesverwaltung war mit dem Fall hoffnungslos überfordert, wie Lenhard-Schramm detailliert dokumentiert hat. Es fehlte in den 50er und 60er Jahren eine gesetzliche Grundlage, die eine scharfe Kontrolle von Arzneimitteln ermöglicht hätte. „Wir hatten eine Situation, in der Ärzte und Pharmaindustrie ohne staatliche Kontrolle agiert haben“, beschrieb es Steffens. „Nach heutigem Recht wäre das alles undenkbar.“ Doch genau dieses Recht ist erst als Konsequenz aus dem Contergan-Skandal entstanden. Das damals zuständige Innenministerium habe sich nicht rechtswidrig verhalten.

In der Untersuchung beschreibt Lenhard-Schramm, wie die Firma Grünenthal ihr neues Mittel als nebenwirkungsfrei anpries – fatalerweise auch für Schwangere. Auf erste Berichte von Ärzten über Nebenwirkungen habe der Hersteller noch versucht, eine Rezeptpflicht zu verhindern. Als sich die Fallzahlen erhöhten – am Ende lagen rund 7300 Berichte vor, beantragte Grünenthal selbst die Rezeptpflicht, zog die Arznei aber nicht zurück. Die skeptische Verwaltung hatte indes keine Ahnung von den gehäuften schweren Missbildungen, beschreibt Lenhard-Schramm das Dilemma. Für Steffens bleibt die bittere Erkenntnis: „Die Firma Grünenthal hätte vielen Menschen Schädigungen hätte ersparen können, wenn sie früher auf die sich häufenden Nebenwirkungen reagiert hätte.“ Erst 1961 nahm sie Contergan vom Markt.

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