Di., 17.05.2016

Tag drei des Bluesfestivals Ein beseeltes Lächeln bleibt

Toronzo Cannon (rechts) lieferte den Abschluss.

Toronzo Cannon (rechts) lieferte den Abschluss. Foto: Anne Alichmann

Schöppingen - 

Während seine Band spielt, wandert Jason Ricci scheinbar ziellos über die Bühne. Er rückt sein Haarband zurecht, legt sich einen Schal um den Hals, hüpft kurz auf und ab, trinkt einen Schluck Energydrink, nimmt einen Zug aus seiner Pfeife. Sein Blick irrt durch das Publikum.

Von Anne Alichmann

Dann tritt Jason Ricci nach vorne an das Mikrofon und setzt die Harmonika an. Und was nun passiert, lässt die Menge vor der Bühne frenetisch jubeln.

Schon nach den ersten Takten ist klar, warum Jason Ricci zu den besten Harp-Spielern der Welt gerechnet wird. Was er seinem Instrument entlockt, ist beinahe unbegreiflich: Mal bringt er sanfte, leise Töne hervor, mal winselnde, klagende Melodien, dann kraftvolle, laute Klänge – aberwitzig schnell. Die Zuschauer sind euphorisch, aber nicht alle erstaunt: Viele haben Jason Ricci schon 2010 auf der Bühne am Vechtebad gesehen, als er zum ersten Mal beim Bluesfestival auftrat. Und manch ein Besucher ist genau deswegen in diesem Jahr wieder nach Schöppingen gekommen.

Die große Überraschung des Tages ist für einige dagegen Larkin Poe. Die beiden hübschen Schwestern stehen mit ihrer Band als Zweite an diesem Sonntag auf der Bühne und lassen es richtig krachen: Sie bringen erdigen Roots Rock mit einer Portion Soul. Die Menge geht mit – und lässt sich auch von einem plötzlichen Hagelschauer nicht beirren. Als Megan und Rebecca Lovell nach ihrem Auftritt ins Verkaufszelt kommen, ist die Schlange lang und der Extra-Applaus riesig. Eine Platte nach der nächsten reichen die jugendlichen Helfer des Kulturrings über den Tresen – und das Duo signiert fleißig.

„Schade“, sagt Richard Hölscher vom Schöppinger Kulturring später, „eine Wiederholung werden wir uns wohl nicht leisten können.“ Denn für die Schwestern geht es karrieretechnisch gerade ganz steil nach oben: National haben die Amerikanerinnen es schon zu Ruhm und Ehre gebracht – dass sie jüngst in der legendären Late-Night-Show von Conan O‘Brien auftreten durften, ist da nur ein Indiz. Auch international sind sie immer gefragter: So sind sie nun auch für die Riesen-Festivals Rock im Park und Rock am Ring gebucht. Da stand ihr Auftritt in Schöppingen zum Glück schon fest im Kalender.

Schon lange eine Größe in der Blues-Szene ist Ruthie Foster. Herrlich unprätentiös, entspannt und souverän bringt sie eine Mischung aus Blues, Gospel und Folk auf die Bühne. Ihre Stimme haut die Zuhörer um: Bei „The Ghetto“, im Original von Mavis Staples, stellen sich die Armhaare auf, und das nicht nur wegen des immer weiter sinkenden Thermometers an diesem frühen Abend. Und dann ist diese Frau auch noch so irre sympathisch: Wie sie mit dem Publikum plaudert. . .

Apropos sympathisch: So kommen auch Hat Fitz und Cara Robinson rüber, die das Festival an diesem Tag eröffnen. Der bärtige Mann aus Australien und seine irische Gattin bieten quirligen, erfrischenden Sound. Er an der Gitarre, sie am Schlagzeug, am Waschbrett und an der Tin Whistle. Da wird auf der Bühne liebevoll gestichelt, mit entblößtem Knie getanzt und ein bisschen in gebrochenem Deutsch geschäkert: „Geht‘s gut?“, fragt Cara Robinson ins Publikum – und erntet fröhliches Gejohle. Spätestens als Hat Fitz seinen, nun ja, heiß geliebten Bier-Kühlschrank besingt, kann sich kaum einer mehr das Grinsen verkneifen.

Ein wahrer Entertainer ist auch Jamell Richardson, der von gleich fünf Musikern unterstützt wird. Während die unter anderem an Saxofon und Hammond-Orgel zaubern, liefert er fantastische Gitarren-Soli ab. Da wird‘s auch mal richtig funky – und wer sich bisher an B.B. King erinnert gefühlt hat, der hat jetzt auch James Brown im Ohr.

Den Chicago-Blues bringt schließlich Toronzo Cannon auf die Bühne. Es ist kurz vor elf und eisig kalt auf dem Freigelände, als er startet. Manch ein Besucher hat schon den Weg ins Warme gesucht, aber viele sind noch da, warmgetanzt und bester Laune. Und sie werden belohnt: Cannon liefert den würdigen Abschluss für eine gelungene Jubiläumsausgabe des Festivals. Nach drei Tagen voller Blues und Anverwandtem ist nun Ende – aber das beseelte Lächeln auf den Gesichtern der Besucher bleibt.

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