Mi., 18.05.2016

Telgter Milchbauern kritisieren Entwicklung „Das ist falsches Denken“

Thomas Ahlbrandt im Stall seines Hofes in der Harkampsheide. Auf dem Arm hält er seinen einjährigen Sohn Hennes.

Thomas Ahlbrandt im Stall seines Hofes in der Harkampsheide. Auf dem Arm hält er seinen einjährigen Sohn Hennes. Foto: Meyer

Telgte - 

Auf dem Hof Ahlbrandt sind rund 100 Milchkühe. Genau das ist das Problem, denn nachdem der Preis durchgesackt ist, ist aus der Einkommens- eher eine Zuschussquelle geworden.

Von Björn Meyer

Seit vielen Generationen führt die Familie Ahlbrandt ihren Hof in der Harkampsheide. Wie viele es genau sind, wissen Milchbauer Thomas Ahlbrandt, der den Hof heute führt, und sein Vater Antonius selbst nicht ganz genau. Klar ist, seit Hunderten von Jahren lebt die Familie von Landwirtschaft und Viehzucht. 200 Mastbullen stehen auf dem Hof. Doch die Haupteinnahmequelle des Betriebs ist die Milch, die 100 Kühe täglich produzieren.

Diese Einnahmequelle ist aktuell nicht nur bedroht, sie ist sogar auf den Kopf gestellt. Der Grund dafür ist der Milchpreis. 21 Cent bekommen die Ahlbrandts derzeit für einen Liter, ein Preis, der aus der eigentlichen Einnahmequelle eine Ausgabenquelle macht.

Als Discount-Marktführer Aldi vor Tagen den Milchpreis in den Filialen von 59 auf 46 Cent reduzierte, mag das den einen oder anderen Verbraucher gefreut haben. Die Milchbauern allerdings sind längst in ihrer Existenz bedroht. Wie es soweit kommen konnte? „Es ist einfach zu viel Milch da“, sind sich Thomas Ahlbrandt und sein Vater Antonius einig. „Ich habe gleich gewusst, dass das nicht richtig ist“, sagt Antonius Ahlbrandt, als Sohn Thomas auf die im vergangenen Jahr ausgelaufene Milchquote zu sprechen kommt. Dass nun jeder Betrieb so viel Milch produzieren könne, wie er wolle, habe den Preis in unrentable Niederungen sinken lassen. Und dafür gebe es neben dem Wegfall der Quote noch einen weiteren Grund. Die Politik habe Investitionsprogramme gewährt, die beim Bau von Höfen helfen sollten. Die Folge sei aber, dass viele Betriebe viel größer gebaut worden seien, als es dem jeweiligen Landwirt eigentlich möglich gewesen wäre. „Es ist problematisch, wenn plötzlich überall 300 statt 50 Kühe stehen. Das ist einfach falsches Denken“, legt Thomas Ahlbrandt den Finger in die Wunde.

Wie sich das Problem lösen ließe? „Nur durch ein Eingreifen der Politik, ansonsten gibt es den Knall“, sagt Ahlbrandt und macht klar, dass dann schon bald viele Höfe für immer ihre Scheunentore schließen müssten. „Der Markt reguliert sich dann eben von selbst“, sagt Antonius Ahlbrandt in dem Wissen, dass viele Existenzen bedroht wären. Auch staatliche Notprogramme oder die der EU würden da kaum helfen. „Was bringen schon Steuererleichterungen?“, fragt Thomas Ahlbrandt und schiebt im Bezug auf den Milchpreis hinterher: „Steuern zahlen nur die Höfe, die auch Gewinn machen“. Die Folge sieht Ahlbrandt in dem Verschwinden deutscher Milch: „Und das ist die Beste, nirgendwo in der EU wird so kontrolliert wie bei uns.“

Dass sich die Lage schnell wieder reguliert, glaubt Ahlbrandt indes nicht – im Gegenteil: „Jetzt beginnt die Saison, die Kühe fressen frisches Gras und geben mehr Milch. Ich gehe davon aus, dass der Preis, den wir für einen Liter erzielen, im kommenden Monat weiter fällt.“

Die Vernetzung der deutschen Erzeuger sei dabei wertlos, denn selbst wenn in Deutschland weniger Milch produziert würde, hätte das lediglich zur Folge, das anderswo in der EU mehr produziert würde. Daher sei die Politik gefordert, eine Lösung zu finden.

Die exakt genannten Preise, bei der die Produktion eines Liters Milch für die Bauern wieder rentabel sein soll, kann Ahlbrandt nicht bestätigen. „Das kann man gar nicht genau sagen, denn es kommt auf den Betrieb an.“ Das Spektrum liege vermutlich so zwischen 30 und 40 Cent pro Liter, so Ahlbrandt. Und auch das Russland-Embargo, das vielfach als Erklärung diene, sei aus seiner Sicht zwar keineswegs förderlich, letztlich aber nur ein Baustein im großen Milchpreis-Ganzen.

Kräftig zupacken und den Bock – oder in diesem Fall die Kuh – umstoßen, kann Thomas Ahlbrandt indes nicht: „Als Einzelner kann man eigentlich gar nichts machen. Im Moment heißt es einfach, die Kosten gering zu halten“, sagt er.

Google-Anzeigen
Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4014287?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947630%2F