Fr., 20.05.2016

Milch-Krise Interview mit dem Milch-Bauern Christoph Gerd-Holling: Desolate Einkommenslage

Milchkühe auf dem Hof Gerd-Holling in Alverskirchen. Auch dieser Betrieb spürt die Milch-Krise mehr als deutlich. Mehrer Milchkühe sind deshalb jüngst verkauft worden.

Milchkühe auf dem Hof Gerd-Holling in Alverskirchen. Auch dieser Betrieb spürt die Milch-Krise mehr als deutlich. Mehrer Milchkühe sind deshalb jüngst verkauft worden. Foto: Meyer

Alverskirchen - 

Es kriselt seit Jahren bei den Milch-Bauern. Die Dumping-Preise für das bedeutende Lebensmittel sind ein Dauerthema. Erinnert sei nur an die großen Landwirte-Demos vor den Toren des Deutschen Milchkontors – damals Humana Milchunion – im Mai 2008 und September 2009. Jetzt, acht Jahre danach, scheint die Lage dramatischer denn je. WN-Redakteur Klaus Meyer sprach mit Christoph Gerd-Holling, Milch-Landwirt, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Alverskirchen.

Herr Gerd-Holling, es ist ein knappes Jahr her, dass das Thema Milch hier in den Schlagzeilen war – damals positiv, denn auf Ihrem Hof fand der große Thementag Milch mit der Uni Münster statt. Jetzt ist die Milch wieder in den Schlagzeilen, aber ganz anders. Wie schlimm steht es um die Milchbauern angesichts des dramatischen Preisverfalls?

Gerd-Holling: Die Einkommenslage der Milch-Bauern ist zurzeit desolat. Jeder Betrieb schreibt tiefrote Zahlen.

Wie viele Milchkühe stehen derzeit bei Ihnen auf dem Hof?

Gerd-Holling: Derzeit halten wir 95 Milchkühe zuzüglich 100 Rinder und Kälber.

Wie wirkt sich der Einbruch für Ihren Hof aus? Bringt Sie die derzeitige Lage in Bedrängnis?

Gerd-Holling: Die jetzige Preissituation bringt jeden Milcherzeuger und natürlich auch uns in Bedrängnis. Gerade für Betriebe, die in den letzten Jahren investiert haben, ist die Lage sehr schwierig. Wir bekommen für den Monat Mai einen Grundpreis von 21 Cent ausgezahlt. Für das laufende Jahr ist keine Besserung in Sicht, und die Talsohle ist voraussichtlich noch nicht erreicht. Die Betriebe zehren von finanziellen Rücklagen oder nehmen Kredite auf.

Das Deutsche Milchkontor meldet eine rückläufige Milchmenge seitens der Erzeuger. Haben Sie Ihre Liefermenge auch schon heruntergeschraubt?

Gerd-Holling: Wir haben die Milchmenge im Herbst vergangenen Jahres durch den Verkauf einiger Kühe gesenkt und haben erneut in diesem Frühjahr mehrere Kühe verkauft. Jedoch ist das Liefern von mehr oder weniger Milch nicht ganz einfach, da Tiere keine Maschinen sind. Durch viele Abkalbungen – was schon neun Monate vorher entschieden wird – und Futterqualität, kann die Liefermenge variieren.

Als aktuelle Ursachen werden die ausgelaufene Milchquote und die derzeit weggebrochenen Märkte in Russland und China genannt. Sind das wirklich die einzigen Ursachen?

Gerd-Holling: Diese sind sicherlich als Ursache zu sehen, aber auch die weltweite Ausdehnung der Milchproduktion und die fehlende Kaufkraft der Schwellenländer durch den Verfall des Öl-Preises ist ein Grund dafür. Neben den globalen Ursachen gibt es aber auch noch große Auszahlungsdifferenzen zwischen den Molkereien. Molkereien, die auf Markenprodukte setzen und sich lukrative Exportmärkte erschlossen haben, zahlen einen höheren Milchpreis aus. Molkereien, die vermehrt Standardprodukte und Handelsmarken bedienen, liegen im Discounter-Land Deutschland mit dem Milchpreis fast immer im unteren Bereich der Auszahlung. Lieferanten dieser Molkereien haben es besonders schwer.

Die Milchkrise – oder besser: die Preis-Krise beim Lebensmittel Milch – zieht sich ja eigentlich schon über Jahre mit Höhen und Tiefen. Glauben Sie eigentlich noch an eine bessere Zukunft?

Gerd-Holling: Wir hoffen natürlich auf eine bessere Zukunft, wobei der Landwirt als Rohstofflieferant immer das letzte Glied in der Kette ist. Die Wertschöpfung für den Landwirt wird immer geringer. Einsparungsmöglichkeiten sind kaum oder nicht mehr vorhanden. Durch niedrige Lebensmittelpreise wird der gesamte ländliche Raum mit seinen vor- und nachgelagerten Bereichen der Landwirtschaft geschwächt.

Was wünschen Sie sich von Politik und Handel in dieser Sache?

Gerd-Holling: Die Marktmacht des Handels wird immer größer. Es kann nicht sein, dass der Handel eine größere Wertschöpfung an einem Liter Milch hat als der Landwirt. Gerade die Ministererlaubnis von Sigmar Gabriel zur Übernahme von Kaisers Tengelmann durch Edeka verschärft die Marktmacht des Handels durch die Politik. Der Handel wird in Deutschland durch vier große Unternehmen bestimmt. Der Handel hat auch eine Verantwortung und darf die Preisspirale nicht bis ins Unermessliche nach unten drehen. Von der Politik erwarte ich, dass wir in Europa zu gleichen Wettbewerbsbedingungen wirtschaften können.

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