Fr., 20.05.2016

Ethik kontra Ernährungswirtschaft Töten männlicher Eintagsküken bleibt erlaubt

Ethik kontra Ernährungswirtschaft : Töten männlicher Eintagsküken bleibt erlaubt

Mit Hühnermasken verkleidete Tierschützer demonstrieren vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster Foto: Jürgen Peperhowe

Dass vor einem Oberverwaltungsgericht de­monstriert wird, hat eher Seltenheitswert. Das liegt an der oft trockenen Materie, die dort verhandelt wird. In Münster war das am Freitag anders. Eine Handvoll Tierschützer war aufmarschiert, teils verkleidet mit gelben Kükenmasken.

Von Elmar Ries

Damit war klar, um was es sich im Inneren des Gerichtes an diesem Tag drehen würde: Der 20. Senat verhandelte das umstrittene Kükentöten. Das hatte die rot-grüne Landesregierung 2013 per Erlass zum 1. Januar 2015 in NRW untersagt. Zwölf Betriebe waren davon betroffen, elf von ihnen zogen dagegen vor die Gerichte. Sie alle hatten gewonnen.

Im vorliegenden Fall hatte das Mindener Verwaltungsgericht zwei Betrieben aus den Kreisen Gütersloh und Paderborn recht gegeben. Minden legte vor, Münster zog im Revisionsverfahren nach. Mit einer etwas anderen Begründung, aber demselben Ergebnis: Das Töten der sogenannten Eintagsküken bleibt erlaubt.

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Geboren, um zu sterben. Männliche Küken dürfen weiter nach dem Schlüpfen getötet werden. Ein Kommentar.

In Europa ist es gängige Praxis, dass männliche Eintagsküken getötet werden. Sie sind für die Eierproduktion naturgemäß ungeeignet und haben im Vergleich mit den aus reinen Mastzwecken gezüchteten Artgenossen zu wenig Fleisch auf den Rippen. In Deutschland sind es jährlich rund 45 Millionen Tiere, die entweder vergast oder geschreddert werden.

Fotostrecke: Kükentötung: Prozess am Oberverwaltungsgericht Münster

Die Mindener Verwaltungsrichter waren im Fe­bruar 2015 zu dem Er­gebnis gekommen, dass ein Verbot des Kükentötens die Brütereibetriebe in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährde und der Erlass damit einem Eingriff in die grundgesetzlich geschützte freie Berufswahl gleichkomme. Diese stufte das Gericht jedoch höher ein als den Tierschutz, wenngleich auch der mit einem Verfassungsrang ausgestattet ist.

Einen etwas anderen Weg ging am Freitag der 20. Senat in Münster. Gleich zu Beginn der mündlichen Verhandlung machte der Vorsitzende Franz Oestreich zweierlei deutlich: Dass er die Position der Landesregierung nicht teilt und ihm deren Vorgehen nicht gänzlich schmeckt.

So sei die in dem Erlass vorgegebene Frist von fast ei­nem Jahr „keine Übergangs-, sondern eine Abwicklungsfrist“, kritisierte er. Das stärkste Argument pro gängige Praxis machte der Vorsitzende Richter aber im Tierschutzgesetz selber fest. Dort heißt es, Tieren dürften ohne vernünftigen Grund weder Schmerzen noch Leiden oder Schäden zu­gefügt werden. Was, so Oestreich, im Umkehrschluss bedeutet, dass es auch vernünftige Gründe geben müsse, die dafür sprächen.

Die wirtschaftliche Existenz der Betriebe sei so einer, sogar ein echtes Schwergewicht. Weil: Die männlichen Küken großzuziehen letztlich nur kostspielig, aber keine Lösung sei. Sie seien auf dem Markt nicht absetzbar. Und ei­ne Alternative zum Töten gebe es noch nicht, da die Technik, nur Eier mit weiblichem Erbgut auszubrüten, noch nicht praxistauglich sei.

Von einem „Konflikt zwischen einer funktionieren den Ernährungswirtschaft und der Ethik“ hatte Oest­reich im Laufe der andert­halbstündigen mündlichen Verhandlung ge­sprochen. Die Landesregierung hatte zu sehr auf dem Sockel der Ethik gestanden – und stürzte. In dieser Frage diesmal vermutlich endgültig: Das Oberverwaltungsgericht ließ keine Revision zu.

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