Di., 24.05.2016

Kurierfahrer muss wegen Unterschlagung ins Gefängnis Mobiltelefone „vom Lkw gefallen“

Kurierfahrer muss wegen Unterschlagung ins Gefängnis : Mobiltelefone „vom Lkw gefallen“

Für die Unterschlagung von Mobiltelefonen im Wert von rund 15.000 Euro verurteilte das Amtsgericht Tecklenburg einen 38-jährigen Kurierfahrer zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten. Foto: dpa

Westerkappeln/Lengerich/Tecklenburg - 

Mobiltelefon im Wert von rund 15.000 Euro sind einem 38 Jahre alten Kurierfahrer „vom Wagen gefallen“. Dafür musste er sich jetzt vor dem Amtsgericht Tecklenburg verantworten.

Von Dietlind Ellerich

Dass Fahrer von Paketdiensten nicht selten unter unwürdigen Bedingungen und zu Hungerlöhnen arbeiten müssen, ist in den vergangenen Jahren hinlänglich in den Medien berichtet worden geworden. Wie prekär die Lage für die Zusteller sein muss, die meist über ein Konstrukt von Subunternehmern beschäftigt sind, wurde jetzt in der Einlassung eines Angeklagten vor dem Amtsgericht Tecklenburg deutlich.

„Ich hatte nichts mehr zu beißen und konnte mir nicht mehr anders helfen“, erklärte der Kurierfahrer in der Verhandlung, weshalb er im September des vergangenen Jahres bei einem Westerkappelner Paketdienst mehrere Sendungen in Empfang genommen und sie für sich behalten hatte, statt sie zu scannen und auszuliefern. Auf dem Gelände installierte Videokameras hatten das Geschehen festgehalten.

28 Mobiltelefone verschiedener Marken im Wert von knapp 15 000 Euro fanden auf diese Weise nicht den Weg zu ihren Käufern, sondern „fielen in Quakenbrück vom Lkw“. So beschrieb der Angeklagte aus Osnabrück den Deal, auf den ihn „ein ausländischer Mitbürger auf der Straße“ gebracht habe. Nicht mehr als 1400 Euro will er von dem Mann für die Ware bekommen haben.

Für die Unterschlagung verurteilte das Amtsgericht Tecklenburg den 38-jährigen Kurierfahrer nun zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten. „Nur“ zehn Monate, machte das Gericht in seiner Urteilsbegründung deutlich, dass es das Geständnis des einschlägig vorbestraften Mannes in der Strafzumessung bereits berücksichtigt habe. „Bewährung geht einfach nicht“, betonte der Richter, dass der Mann die Haftstrafe dieses Mal absitzen müsse. Eine positive Sozialprognose sehe er, anders als der Verteidiger, nicht.

Als große Unverfrorenheit bezeichnete der Richter die Taten des 38-Jährigen, der zuvor behauptet hatte, er habe neun Monate lang für den Paketdienst gearbeitet und in der Zeit, „wenn´s hoch kommt, 200 Euro gekriegt“. Außerdem habe sein Arbeitgeber, ein Kurier- und Paketdienst aus Lengerich, ihn nicht einmal angemeldet. „Ich war weder kranken- noch sozialversichert.“

Der Angeklagte habe ein Praktikum bei ihm gemacht, beschrieb der Arbeitgeber das Beschäftigungsverhältnis, das in der Branche üblich sei. „Die Praktikumsgeschichte stimmt nicht“, widersprach der Angeklagte. Er ist überzeugt, dass bei seinem ehemaligen Arbeitgeber einiges im Argen liege. Seine Lebensgefährtin befinde sich derzeit mit dem Lengericher Kurierdienst vor dem Arbeitsgericht, erklärte er und sprach von einem Anfangsverdacht wegen Schwarzarbeit.

Dem Lengericher selbst soll das Wasser bis zum Hals stehen. Er habe einen Antrag auf Insolvenz gestellt, „auch wegen dieser Sache“, sagte er vor Gericht aus. Der Westerkappelner Paketdienst, für den er als Subunternehmer tätig war, wolle ihn für den durch die gestohlenen Mobiltelefone entstandenen Schaden haftbar machen.

Für den Angeklagten gab es vor dem Amtsgericht kein Pardon. Auch eine wirtschaftliche Notlage wie die seine rechtfertige nicht, dass man andere bestehle, stellte der Richter unmissverständlich klar und äußerte „erhebliche Zweifel“, dass der Mann nur 1400 Euro für die Mobiltelefone bekommen habe.

„Wie kann man auf solche Ideen kommen“, wunderte sich der Jurist. Schließlich gebe es Arbeits- und Sozialämter, die Schuldnerberatung, die Polizei oder das Arbeitsgericht, zählte er eine Reihe von Alternativen auf, die der 38-Jährige besser hätte in Angriff nehmen sollen, als nach einer gerade abgelaufenen Bewährung erneut straffällig zu werden. „Natürlich muss so etwas herauskommen“, war sich der Richter sicher, dass dem Osnabrücker die Konsequenzen klar gewesen sein müssten.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Angeklagte kann Rechtsmittel einlegen.

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