Di., 24.05.2016

Krisenstimmung Bauernpräsident wütend über „unanständige“ Milchpreise

Krisenstimmung : Bauernpräsident wütend über „unanständige“ Milchpreise

Georg Schulze Dieckhoff hat viel Arbeit, für die er im Moment wenig bekommt: Der Milchpreis ist im Keller, das macht den Landwirten zu schaffen. Foto: Jürgen Peperhowe

Münster - 

Der niedrige Milchpreis bringt auch Landwirte im Münsterland in Existenznot. Ihr Präsident wettert gegen die Einzelhändler und hofft auf Hilfsprogramme. Und die Milchbauern? Geben „Vollgas“. Wohlwissend, dass das kontraproduktiv ist.

Von Elmar Ries

200 Milchkühe haben Landwirt Georg Schulze Dieckhoff und sein Nachbar Hermann Merschformann in ih­ren Ställen stehen. 1,8 Mil­­­li­o­nen Kilo Milch geben die Tiere pro Jahr. Das ist viel. Doch angesichts des miesen Milchpreises können die beiden Landwirte, die ihre Höfe als GbR gemeinsam betreiben, keinen ausreichenden Ertrag erwirtschaften. „Noch geht es bei uns“, erklärt Merschformann und klingt gleichwohl betrübt. „Das Schlimme ist“, sagt er dann: „Es gibt überhaupt keinen Lichtblick.“

Seit fast eineinhalb Jahren kennt der Milchpreis nur ei­ne Richtung: die nach unten. Zwischen 22 und 25 Cent pro Kilo erhält ein Landwirt derzeit, in guten Jahren waren es schon mal 45 Cent.

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Die Situation auf den Milchhöfen ist dramatisch.

Johannes Röring, Bauernpräsident

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„Die Situation ist dramatisch“, sagte der westfälisch-lippische Bauernpräsident Johannes Röring am Montag beim Besuch auf dem Hof Schulze Dieckhoff. Und keine Besserung in Sicht. Die Branche rechnet damit, dass der Preis in absehbarer Zeit auch im Münsterland die 20 Cent un­ter­bieten wird.

Überangebot trifft auf Nachfrage-Delle

Die Gründe sind schnell erzählt: Befreit von der Quote hat mancher deutsche Milchbauer das getan, was Berufskollegen vor allem in den USA, den Niederlanden, Irland und Polen auch taten: auf Menge gemacht. Gleichzeitig ist die globale Nachfrage unerwartet verhalten. China konsumiert nicht mehr so viel Milch aus Eu­ropa, Russland, traditionell ein Großabnehmer, hat als Reaktionen auf die EU-Sanktionen mit einem Import-Stopp reagiert.

Überangebot trifft auf Nachfrage-Delle: Das kann nicht gut gehen.

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Für kommende Woche hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt zum Milchgipfel nach Berlin ge­laden. Dort soll überlegt werden, wie den notleidenden Bauern kurzfristig geholfen und langfristig die Karre aus dem Dreck gezogen werden kann. Einfach wird das nicht. Weil die Krise mehrere Ur­sa­chen hat, gibt es auch keine einfachen Lösungen, sagt Röring.

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Händler, Produzenten, Verbraucher - wer profitiert von der Milchkrise?

Hilfsprogramm für Landwirte

Auf der einen Seite müsse der Bund Soforthilfen gewähren: Bürgschaften für Kredite, Freibeträge für die betriebliche Schuldentilgung, Entlastungen beim Agrardiesel – „alles natürlich befristet“, sagt der Bau­ern­präsident.

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Einen Liter Milch für un­ter 50 Cent anzubieten, ist unanständig.

Johannes Röring, Präsident des westfälisch-lippischen Bauernverbands

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Mit dem Lebens­mittel-Einzelhandel geht Rö­­ring hart ins Gericht. „Einen Liter Milch für un­ter 50 Cent anzubieten, ist unanständig“, erklärt er. Damit ist aus seiner Sicht alles gesagt.

Und seine Berufskollegen? Kriegen auch ihr Fett ab. Wer mehr Milch liefere als ursprünglich vereinbart, solle für die Überproduktion ei­nen schlechteren Preis bekommen. Einen noch schlech­teren Preis. Einen auf Welt­markt­ni­veau. Auf dem Spotmarkt ist ein Kilo Milch derzeit für 15 Cent zu haben.

Vom Milchgipfel, so hofft der Bauernpräsident, werde je­ner Druck ausgehen, der die Umsetzung der von ihm angesprochenen Punkte ermöglicht. „Ich hoffe, dass wir Ende des Jahres wissen, wohin beim Milchpreis die Reise geht.“

Milchgipfel

Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt hatte den Milchgipfel Ende Mai anberaumt, um zu einer Lösung für die weiter andauernde Krise auf den Höfen zu kommen. Zu dem Gespräch sind der Bauernverband, die Molkereien und der Handel eingeladen. Die Landesagrarminister sind zu dem Treffen nicht eingeladen. Wenige Tage nach der Gipfeleinladung hat sich Bundeskanzlerin Merkel eingeschaltet und ein Hilfsprogramm für die Landwirte mit einem Volumen von „100 Millionen Euro plus X“ angekündigt. Seitdem hat es viele Vorschläge gegeben, wie den Milchbauern geholfen werden kann.

„Wir geben Vollgas“

So lange können Georg Schulze Dieckhoff und Hermann Merschformann nicht warten. Sie versuchen derzeit, so viel Milch wie möglich abzusetzen. Wohlwissend, dass das kontraproduktiv ist. „Wir geben Vollgas“, sagt Schulze Dieckhoff. „Schließlich müssen wir un­sere Rechnungen bezahlen.“

All das reicht nicht. Die beiden haben geplante Investitionen auf die lange Bank geschoben und finanzielle Reserven umgeschichtet. „Dennoch werden wir in absehbarer Zeit einen Liquiditätskredit beantragen müssen“, sagt Merschformann.

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