Di., 24.05.2016

Räumung Flüchtlingslager Idomeni Entwicklungshelferin aus Appelhülsen: "Dann kommen die Bulldozer"

Romana Marie Domin mit einem Flüchtlingsmädchen.

Romana Marie Domin mit einem Flüchtlingsmädchen. Foto: humedica

Münster/Idomeni - 

„Warten Sie kurz“, sagt Romana Domin aus Appelhülsen, als sie sich am Handy von der griechisch-mazedonischen Grenze meldet. Ein Flüchtlingsmädchen fragt sie etwas. Dann hat die 31-Jährige Zeit, über ihre Arbeit auf der Balkanroute zu sprechen. Zuletzt im Lager Idomeni. Weil es seit gestern geräumt wird, musste sie auf ein benachbartes Lager ausweichen.

Von Claudia Kramer-Santel

Sie koordiniert ein siebenköpfiges Hilfsteam von Ärzten und Krankenschwestern der Organisation „Humedica“. Mit ihr sprach unser Redaktionsmitglied Claudia Kramer-Santel:

Wie sieht es heute bei Ihnen aus?

Domin: Die Versorgungslage für die Flüchtlinge ist nicht gut. Bereits in den vergangenen Tagen wurde immer wieder das Wasser in Idomeni ausgestellt. Die Leute berichten mir, dass es auch bei der Essensvergabe seit Tagen zu Problemen kam. Die Leute sollten wohl auf die Räumung eingestellt werden. Weil das Lager aufgelöst werden soll, dürfen nun auch die meisten Nichtregierungsorganisationen nicht mehr nach Idomeni. Ich halte mich nun in einem Nachbarlager auf, bin aber gut vernetzt und weiß von allen Vorgängen in Idomeni. Viel Polizei ist da und bringt die Leute zu Bussen. Dann kommen Bulldozer und machen alles platt.

Wie ist die Stimmung?

Domin: Sehr ruhig. Doch die seelische Anspannung der Menschen ist groß. Ein Funken kann die Lage außer Kontrolle bringen. Viele Menschen sind aber auch sehr lieb. Die Kinder sieht man lächelnd, trotz der harten Bedingungen.

Versuchen die Leute, in die Wälder zu fliehen, um doch noch weiter nach Mitteleuropa zu kommen?

Domin: Ja. Doch das passierte schon die ganze Zeit, nicht erst in den letzten Tagen vor der Räumung. Einzelpersonen, aber auch ganze Familien wollen ihren Plan der Flucht über die Balkanroute nach Europa nicht aufgeben. Einigen gelingt weiter nachts die Flucht über die Grenze. Oder sie laufen zu Fuß in Griechenland weiter, suchen neue Routen. Die Menschen, die in Idomeni geblieben sind, schaffen es einfach nicht mehr. Sie wussten von der Räumung. Sie gehen meistens freiwillig in die Busse.

Woran leiden die Menschen physisch?

Domin: Sie sind in sehr schlechter Verfassung. Alte Kriegswunden, neue Verletzungen, Haut- und Atemwegserkrankungen wegen der schlechten hygienischen Bedingungen sind die Regel. Auch Magen-Darm-Erkrankungen sind ein großes Problem.

Wie gehen Sie persönlich mit all dem Elend um?

Domin: Ich begegne den Menschen nicht nur mit Mitleid, sondern mit Respekt. Man darf einfach nicht abstumpfen und denken: Ach dieser Fall ist nicht so wichtig, nur weil andere Fälle noch schlimmer sind. Vielen Menschen hier geht es sehr schlecht. Es gibt viele Geschichten, die anrühren. Zum Beispiel, wenn ein Kind mir einen Keks bringt, um sich zu bedanken, oder Familien uns in ihre Zelte zum Teetrinken einladen. Ich bewundere die Flüchtlinge in Idomeni sehr, dass sie völlig inbeirrt darum kämpfen, ihren Kindern jederzeit Bestmögliche zu bieten. Selbst an einem so schrecklichen Platz wie hier.

Idomeni

2015 wurde der Grenzübergang Idomeni in Griechenland im Zuge der Flüchtlingskrise zum Startpunkt der sogenannten „Balkanroute“: Als Mazedonien seine Grenze im Februar dieses Jahres schloss, um den Flüchtlingszustrom zu stoppen, erlangte Idomeni schließlich traurige Berühmtheit.

Quasi über Nacht sammelten sich fast 15 000 Flüchtlinge und Migranten an der Grenze an. Mitten im Nirgendwo entstand ein provisorisches Lager ohne Toiletten. Bis heute harrt ein harter Kern aus Flüchtlingen und Migranten in der Zeltstadt aus. Knapp 9000 Flüchtlinge und Migranten lebten zuletzt dort. Schlagzeilen gab es immer wieder: Mehrfach versuchten die Menschen, den Grenzzaun zu stürmen.

Wie es weiter geht

Bleibt die Frage, was die Flüchtlinge nun erwartet: Die griechischen Auffanglager stehen nicht gerade im Ruf, die besten Unterkünfte zu sein. Immer wieder treten dort Flüchtlinge in den Hungerstreik, um gegen die Zustände zu demonstrieren; in der Nähe der Stadt Larissa sammelten sie sogar Skorpione und Schlangen in Einmachgläsern, um auf die Zustände im Lager aufmerksam zu machen.

In ganz Griechenland sind laut Regierung noch 54 000 Flüchtlinge gestrandet. Allerdings hat sich seit Inkrafttreten des EU-Türkei-Flüchtlingspaktes Anfang April die Lage leicht entspannt. Seitdem nimmt Ankara alle neu auf den griechischen Ägäis-Inseln ankommenden Flüchtlinge zurück.

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