Fr., 27.05.2016

Zu Besuch bei einem Highland Clan Muskelspiele im Schottenrock

Zu Besuch bei einem Highland Clan : Muskelspiele im Schottenrock

Baumstammwerfen gehört zum Standardprogramm beim Training für Highland Games. Matthias Timer aus Coesfeld hat den Dreh für den perfekten Überschlag des Vier-Meter-Stammes raus. Foto: Jürgen Peperhowe

Coesfeld - Sie werfen Baumstämme, schleudern Gewichte und stoßen Steine – bei schottischen Highland Games, die auf der ganzen Welt stattfinden, lassen die Teilnehmer die Muskeln spielen. Was im Mittelalter dazu diente, die stärksten und schnellsten Männer zu finden, ist heute vor allem ein großer Spaß mit Volksfestcharakter. Wir haben den Highland Clan Coesfeld beim Training im Vorfeld der zweiten Highland Games in Vreden besucht, die er im Juni ausrichtet.

Von Anne Koslowski

Der Überlieferung nach war Baron Coubertin, Gründer der modernen Olympischen Spiele, bei der Weltausstellung in Paris 1899 so beeindruckt von einer Highland-Vorführung, dass er Hammerwurf, Kugelstoßen und Tauziehen als Wettstreitdisziplinen aufnahm. Hammerwurf und Kugelstoßen sind bekanntermaßen bis heute olympische Disziplinen.

Mal etwas anderes

Von Rekordwerten sind die Männer und Frauen vom Highland Clan Coesfeld weit entfernt. Für die sportlichen Wettkämpfe schottischer Art interessieren sie sich dennoch. „Es ist einfach mal etwas anderes als Fußballspielen“, sagt der Vereins-Vorsitzende Paul Feldmann. Wo sonst wirft ein Sportler schon einen Baumstamm oder läuft mit ihm Slalom?

Fünf Männer und eine Frau – sie tritt bei Highland Games in der Gewichtsklasse der Frauen an – versammeln sich nach ihrem Feierabend auf einer Wiese hinter einem Bauernhof in Coesfeld-Flamschen. In ihren Wettkampf-Kilts, Poloshirts und Kniestrümpfen tragen Simon Wewering und Philipp Thier einen Baumstamm aus einer Garage. Vereinsfreund Matthias Timer bringt ein Zwölf-Kilo-Gewicht an einem Griff dazu, das es, ebenso wie den 37,5 Kilogramm schweren Holzstamm vom Holzhändler und einen bemoosten Stein, gleich zu werfen gilt.

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Es ist einfach etwas anderes. Wer wirft sonst schon einen Baumstamm?

Pia Bulenda

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Timer hebt den Baum auf, läuft bis zum anderen Ende darunter her, bis der Baum steht, greift dessen Ende und balanciert den Stamm an seiner Schulter aus. Dann läuft der 25-jährige Dachdecker los und wirft das Stück Holz nach oben. Dieses dreht sich um 180 Grad und landet auf dem Gras. „Das war ein Wurf, der zehn Punkte für die Mannschaft bringt“, ruft ihm Simon Wewering zu. Überschlägt der Baum sich nicht, gibt es keine Punkte. Bei den Profis müsste das Holz sogar noch möglichst gerade landen – auf zwölf Uhr.

Pia Bulenda tritt in der Frauengewichtsklasse an. Hier beim Gewichtsweitwurf.

Pia Bulenda tritt in der Frauengewichtsklasse an. Hier beim Gewichtsweitwurf. Foto: Jürgen Peperhowe

Spaß vor Leistung

So weit treiben es die Amateure nicht. Ihnen geht es in erster Linie um Spaß. Die zwei Highland-Game-Mannschaften Roughnecks und Mad Dogs, die zum Highland Clan Coesfeld gehören, trainieren sich selbst in unregelmäßigen Abständen. Ihre Leistung konnten sie in den vier Jahren seit Vereinsgründung dennoch steigern. Beim Gewichtsweitwurf (Weight for Distance) „haben die Jungs mit sechs Metern angefangen. Jetzt sind sie bei 13 Metern“, sagt Paul Feldmann stolz. Rekord in der Schwergewicht-Klasse (25,4 Kilogramm) sind 15,24 Meter.

Highland Games Vreden

Haggis-Werfen und Terrier-Wettrennen gibt es am 18. und 19. Juni bei den Highland Games in Vreden zwar nicht. Dafür erwarten die Besucher bei freiem Eintritt am Samstag von 14 bis 19 Uhr Wettkämpfe, ein Mittelaltermarkt, Dudelsackmusik der Ems Highlander Pipe and Drums, Tänze und Workshops der Gruppe Celtic Stepfire aus Vreden sowie ein Abendprogramm mit einer irisch-schottischen Folkband aus den Niederlanden. Am Sonntag stehen von 11 bis 18 Uhr die Kinder-Highland-Games im Mittelpunkt. An beiden Tagen stellen sich außerdem Clans an Infozelten vor. Insgesamt erwarten die Veranstalter mindestens zehn Mannschaften am Gelände an der Gaststätte „Zum Dornbusch“ Vreden.

Bei den NRW-Landesmeisterschaft in Pullheim vor zwei Jahren belegten die Mad Dogs bereits den zweiten Platz. Bei den ersten Highland Games in Vreden 2014 errangen sie einen Heimsieg. Die zweite Mannschaft des Coesfelder Vereins zur Verbreitung der schottischen Lebensart im Münsterland, die Rough­necks, belegten den zweiten Platz.

Zurück zum Baumwerfen: Nach Matthias Timer will es nun auch Simon Wewering wissen. Er nimmt den Baumstamm auf, taumelt ein wenig, nimmt Anlauf und stößt ihn nach vorne oben. Doch er dreht sich nicht in der Luft. Noch ein Versuch, auch hier hat der 31-Jährige keinen Erfolg. „Irgendwann muss es doch klappen“, sagt der Kaufmann und pausiert. Der dritte Versuch scheitert ebenso, der Baum überschlägt sich nicht. „Manchmal ist der vierte Wurf, der Frustwurf, der beste“, lacht Wewering. Bei Wettkämpfen hat jeder drei Versuche. Doch auch der vierte will ihm heute nicht gelingen. „Ich glaub‘s nicht“, sagt der Coesfelder, steckt sich eine Zigarette an und geht zum Gewichtshochwurf.

Eine halsbrecherische Angelegenheit

Beim Weight for Hight läuft es für ihn besser. Er schwingt das zwölf Kilogramm schwere Gewicht vor und zurück und katapultiert es dann kopfüber nach oben. Es fliegt über ein sechs Meter hoch gespanntes Gummiband und plumpst hinter den Messlatten auf den Rasen. Highland-Game-Profis werfen das Doppelte an Gewicht fünfeinhalb Meter hoch. Eine halsbrecherische Angelegenheit.

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Ich habe die High­land Games in Welbergen mitgemacht und bin hängen geblieben.

Paul Feldmann

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An anderer Stelle trainieren Philipp Thier, Nico Bulenda und Matthias Timer Gewichtsweitwurf. Dazu haben sie einen Zollstock aufs Gras gelegt und ein Maßband ausgerollt. Philipp Thier tritt hinter den Zollstock, dreht sich mit dem Gewicht, während der Schottenrock in die Höhe fliegt und wirft das Metallstück zwölf Meter weit. Dann Nico Bulenda. Er dreht sich, schwingt das Gewicht und wirft es elfeinhalb Meter weit. „Ich will aber 13 Meter schaffen“, sagt der Dachdecker. Das ist die Mindestanforderung für die Halbprofi-Wertung. Beim dritten Versuch landet das Gewicht tatsächlich nahe der 13-Meter-Marke. „Die Technik von Nico ist schon gut“, sagt Philipp Thier anerkennend. In insgesamt acht Disziplinen treten die Coesfelder an, darunter allein drei Laufdisziplinen wie der Baumstammslalom. „Das Laufen ist besonders anstrengend“, findet Simon Wewering.

„Geniale Stimmung“

Neben den kraftbetonten Leibesübungen, mit denen sich die Bewohner des schottischen Hochlandes im Mittelalter für kriegerische Auseinandersetzungen fit hielten, geht es den Coesfeldern vor allem um die „geniale Stimmung“ bei den Highland Games. Wenn die befreundeten Clans aufeinandertreffen, dann „hilft man sich untereinander“, sagt Paul Feldmann. Fehlt zum Beispiel jemand, „stocken wir gegenseitig die Mannschaften auf“. „Und alle sind genauso bekloppt wie wir“, ergänzt Nico Bulendas Schwester Pia. Die angehende Erzieherin tritt nicht nur in gemischten Mannschaften zum Kampf an, sondern lernt in der Band Brukteria Pipes and Drums aus Coesfeld inzwischen auch das Dudelsackspielen. Denn keine Highland Games ohne Tanz- und Musik-Wettbewerbe. Für manch einen sind die typischen Dudelsack-Klänge sogar das eigentliche Highlight. Wenn Hunderte Piper aufmarschieren, schwingt der mittelalterliche Kampfes- und Unabhängigkeitsgeist der schottischen Hochland-Krieger mit – Gänsehaut garantiert.

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