Mo., 17.10.2016

Live-Action-Rollenspiel des JRK Leben wie ein Flüchtling

Drangvolle Enge herrschte in der „Flüchtlingsunterkunft“. Die Szenen des Rollenspiels vermittelten einen Eindruck der bedrängenden Situation der Flüchtlinge.

Drangvolle Enge herrschte in der „Flüchtlingsunterkunft“. Die Szenen des Rollenspiels vermittelten einen Eindruck der bedrängenden Situation der Flüchtlinge. Foto: Stephan Ditters / JRK Westfalen-Lippe

Nottuln - 

Leben wie ein Flüchtling: Das Jugendrotkreuz Westfalen-Lippe versetzte die Teilnehmer eines Live-Action-Rollenspieles in diese Lage. Für die war das Erlebnis beeindruckend – und erschöpfend.

Von Ulla Wolanewitz

Die Beine schmerzen. Es fehlt der Schlaf. Und der Kopf ist voll mit Eindrücken, die erst einmal sortiert werden wollen. Nein, den Grund dazu liefert keine rauschende Partynacht. Ganz im Gegenteil: 30 Jugendliche stellten sich am Wochenende der Herausforderung, 24 Stunden nachzuempfinden, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein. Ganz ohne Handy, Uhr, ohne Deo, Zahnbürste, Zigaretten und Schokolade. Das Live-Action-Rollenspiel „Youth on the Run“ hatte das Jugendrotkreuz (JRK) Westfalen-Lippe zusammen mit dem DRK vorbereitet. Start- und Ankunftsort war das DRK-Logistikzentrum in Nottuln.

Fotostrecke: Live-Action-Rollenspiel des Jugendrotkreuz Westfalen-Lippe

Abschluss der Aktion

Dort gab es am Sonntagmittag zum Abschluss der Aktion reichlich Applaus für die Organisatoren. Applaus von den vollkommen übermüdeten, aber dennoch sehr zufriedenen und schwer beeindruckten Teilnehmern aus der Region Westfalen-Lippe, Uganda und Nigeria.

„In Dänemark gibt es dieses Angebot seit 25 Jahren“, erklärt Katharina Plate, Bildungsreferentin im JRK Westfalen-Lippe. Deshalb holten sich die Organisatoren auch acht Dänen, unter anderem als Schauspieler, mit ins Boot.

Das Szenario:

Alle Teilnehmer mussten aus unterschiedlichen Gründen ihr Heimatland Somalia verlassen. Sie fanden sich zu vier Familien zusammen, die ihre Flucht gemeinsam zu bewältigen hatten.

Zunächst aber galt es, sich dafür in der „Botschaft“ die entsprechenden Ausreisepapiere zu besorgen. Dort gab´s die ersten Begegnungen mit Korruption. „Beim Zoll war man der Willkür der Beamten ausgesetzt“, so Nina Schürmann, von der DRK-Ortsgruppe Billerbeck. Jeder bekam dort irgendetwas anderes abgenommen. „Und zu sehen, wie respektlos die dann damit umgehen, ist schon ein Hammer“, so die 22-Jährige.

Aber es sollte noch schlimmer kommen: Verfeindete Clans verbrannten an einem Checkpoint gegenseitig ihre Pässe. Andere nahmen ihnen die Schlafsäcke ab und ließen sie dafür auf der Stelle hüpfen, eben den Affen machen. „Das Spiel ist teilweise abstrahiert worden, um unangenehme Situationen entsprechend zu vermitteln“, gab Alexander Sicking, JRK-Kreisleiter Coesfeld zu verstehen. Er begleitete die Live-Action im Hintergrund, unter anderem als Arzt für ernste Notfälle.

Flüchtlingslager „No Hope“

Im Flüchtlingslager „No Hope“ – einem Zeltlager – gab es nach den ersten acht Kilometern eine Pause mit zerkochtem Reis und etwas Fleischwurst. Die Hoffnung, hier etwas ausruhen zu können, zerstörte ein „Angriff“. Also weiter. „Der Vollmond und der Kirchturm von Schapdetten gaben uns etwas Orientierung“, so Marie Kreienbaum vom DRK Lüdinghausen. Dennoch blieb es anstrengend, im Dunkeln über Wiesen und Felder zu rennen, der immer wieder neuen Bedrohung zu entfliehen. Stündlich schwanden Zuversicht und Hoffnung beim stetigen Ansteigen von Erschöpfung und Orientierungslosigkeit.

Empathie

„Man ist jetzt offener für die Flüchtlingsarbeit“, resümiert Marie Kreienbaum, „weil man besser nachempfinden kann, wie sich Abhängigkeit, Ungewissheit und Resignation anfühlen.“ Diese Einsichten zu bekommen durch Einblicke aus einer anderen Perspektive, „obwohl wir ja nicht wirklich in Not waren“, beschreibt Nina Schürmann als besonders wertvoll.

Nach einer guten Stärkung und der Feldkritik machten sich die Teilnehmer auf den Heimweg. Auf Katharina Plates Frage „Braucht noch jemand einen Transfer zum Bahnhof?“ gab’s die amüsierte Antwort: „Wir gehen zu Fuß. Sind ja jetzt in Übung!“

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