Trinkwasser
Extrem unterschiedliche Nitratwerte

Ahaus/Heek -

Die Nitratwerte im Gemeindegebiet Heek sind extrem unterschiedlich. Je nach Messpunkt liegen die Werte mal bei nahe null, mal überschreiten sie die gesetzlich vorgeschriebene Grenze deutlich. Die Ergebnisse überraschen auf den ersten Blick.

Freitag, 02.02.2018, 06:01 Uhr

Das im Wasserwerk Heek geförderte Trinkwasser hatte bei der vergangenen Analyse am 20. Dezember 2017 einen Nitratgehalt von 1,38 Milligramm je Liter.
Das im Wasserwerk Heek geförderte Trinkwasser hatte bei der vergangenen Analyse am 20. Dezember 2017 einen Nitratgehalt von 1,38 Milligramm je Liter. Foto: Rupert Joemann

Bei kreisweit 6884 privaten Trinkwasserbrunnen lagen im Zeitraum 2013 bis 2015 bei rund 18 Prozent der Proben die Nitratwerte über dem gesetzlichen Grenzwert von 50 Milligramm je Liter. Damit sind sie für Trinkwasser ungeeignet. Davon sind auch Heeker betroffen. Dagegen hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) an den drei Heeker Messstellen in Helmert, Wichert und Averbeck Werte in einer Tiefe zwischen fünf und 15 Meter eine Konzentration zwischen 0,5 und 22 mg/l gemessen. Das von den Stadtwerken Ahaus im Wasserwerk Heek aus einer Tiefe von 50 bis 80 Metern geförderte Trinkwasser weist Nitratwerte von unter zwei Milligramm auf. Mitentscheidend für die Unterschiede ist, in welcher Tiefe gemessen wird. Je tiefer, umso niedriger sind tendenziell die Nitratwerte.

Die Stadtwerke fördern in ihrem Gebiet das Trinkwasser aus zwei unterschiedlichen Grundwasserleitern, die in verschiedenen Tiefen verlaufen. Und nicht nur das: Die beiden Grundwasserleiter haben auch unterschiedliche Fließrichtungen.

Dazu kommen weitere Faktoren. Ralf Haveresch, Leiter Netze/Werke der Stadtwerke Ahaus, weist auf die geologischen Gegebenheiten hin. Eine Querschnittskarte des Bereichs zwischen Düstermühle und Heek deutet darauf hin, dass in Heek in früheren Zeiten die tektonische Platte an einer Schnittkante abgesunken ist. Auch das kann eine Ursache für unterschiedliche Messergebnisse sein, da sich die Bodenbeschaffenheit in gleichen Tiefen unterscheidet.

Unter dem Stadtgebiet von Ahaus verläuft zudem eine relativ feste Kalkzementschicht, die wenig Wasser durchlässt, so Karl-Heinz Siekhaus, Geschäftsführer der Stadtwerke.

Der wesentlichste Aspekt für den Nitratgehalt ist das Aufbringen von Gülle und Kunstdünger auf die landwirtschaftlichen Felder. Aber auch dabei gibt es große Unterschiede, wie viel Nitrat bis ins Grundwasser gelangt. Grundsätzlich, so Siekhaus, nutzen Pflanzen Nitrat zum Wachstum und wandeln es dabei um, sodass es „größtenteils neutralisiert“ werde. Doch auch dieses Ergebnis hängt von einigen Umständen ab. Zum Beispiel, ob das Wetter nach dem Güllefahren trocken oder nass ist. Bei Nässe wird das Nitrat schneller in tiefere Bodenschichten gespült. Auch die Fruchtfolge und die Häufigkeit des Umgrabens haben einen starken Einfluss auf das Speichervermögen des Bodens.

„Wir sind in einer sehr intensiven Kooperation mit der Landwirtschaft“, sagt Karl-Heinz Siekhaus. Ziel sei ein möglichst niedriger Nitrat-Eintrag. Dazu würden auch gemeinsam mit den Landwirten Versuche unternommen. Ziel sei es, ein „penibles Gleichgewicht“ zu finden, zwischen möglichst geringer Güllemenge und Ernteertrag.

„Die Kooperation mit den Landwirten funktioniert ganz gut“, sagt Siekhaus. Jeder Bauer muss genau dokumentieren, welche Mengen er auf seinen Feldern aufbringt. Die Grenzen sind gesetzlich vorgeschrieben.

Die Europäische Union hat 2016 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet, da nach Auffassung Brüssels die Bundesregierung zu wenig gegen die hohen Nitratwerte unternimmt.

Ein Faktor ist für Siekhaus auch die zunehmende Versiegelungsfläche: „Versiegelung ist für uns kontraproduktiv.“ Dadurch wird Regenwasser direkt in die Kanalisation geleitet und versickert nicht im Boden. „Es entsteht keine Grundwasserneubildung“, erklärt Ralf Haveresch. Karl-Heinz Siekhaus plädiert dafür, das Thema bei neuen Baugebieten genauer in den Blick zu nehmen und Vorgaben in den Satzungen festzuschreiben.

Ein weiteres Problem aus Sicht der Stadtwerke ist der Düngeeintrag von Privatpersonen. Egal ob Rasendüngung oder der Einsatz chemischer Mittel auf der Hauseinfahrt – auch das fördert die Nitratzufuhr. „Dazu haben wir aber keine Analyse“, sagt Siekhaus. Es gibt also keine verlässlichen Zahlen.

Schwierig sei die Situation für private Trinkwasserbesitzer vor allem in den Außenbereichen, so Haveresch. Dort ist der Anschluss ans Wassernetz nicht so leicht umsetzbar. Ein Anschluss kostet im Außenbereich, aufgrund der langen Leitungsstrecken, zuweilen viel Geld – wenn er überhaupt möglich ist.

Für Siekhaus und Haveresch steht aber auch eins fest: Der Boden ist kein Schwamm, der endlos Nitrat aufnehmen kann. Wie schnell und wie viel Nitrat letztlich in den Trinkwasser-Fördertiefen irgendwann einmal ankommt, ist allerdings schwierig vorherzusagen.

Bekannt ist dagegen, dass das von den Stadtwerken Ahaus geförderte Trinkwasser teilweise über 1000 Jahre alt ist. Ein sehr hoher Anteil des Trinkwassers ist älter als 500 Jahre. Das Wasser vom Kalkbruchsee in Wüllen steht aber auch schon nach 30 Tagen zur Verfügung.

Von den 605 Proben bei privaten Trinkwasserbrunnen in Heek in den Jahren 2013 bis 2015 lagen die Nitratwerte von 418 Proben (69,1 %) unter 50 Milligramm je Liter, 160 Proben (26,4 %) zwischen 50 bis 100 mg/l, 25 Proben (4,1 %) bei 101 bis 150 mg/l und zwei Proben (0,3 %) zwischen 151 bis 200 mg/l. Über 200 mg/l lag keine Probe. Den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwert überschritten demnach 187 Proben oder 30,9 Prozent. In Schöppingen lagen von insgesamt 517 Proben 70 (13,5 %) über dem Grenzwert. Die meisten Proben (65) waren zwischen 50 und 100 Milligramm, vier lagen zwischen 101 und 150 mg/l und eine zwischen 151 und 200 mg/l. In Gronau überschritten 47 Proben (24,4 %) den Grenzwert, zwei lagen zwischen 151 und 200 mg/l. Und in Ahaus betrug die Quote der Grenzwertüberschreitungen bei insgesamt 712 Proben 8,1 Prozent. Dabei gab es keine Probe mit einem Wert von über 150 mg/l. Wer einen Trinkwasserbrunnen nutzt, muss diesen alle drei Jahre von einem Fachbetrieb untersuchen lassen.

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