Sa., 03.02.2018

Gefährliche Rennstrecke Blitzer an der B 70 in Alstätte löst besonders oft aus

Die Radarfalle an der B 70 in Alstätte schlägt besonders häufig zu. Immer wieder kommt es dort zu schweren Unfällen. Deshalb sind hier nur noch 50 Stundenkilometer erlaubt.

Die Radarfalle an der B 70 in Alstätte schlägt besonders häufig zu. Immer wieder kommt es dort zu schweren Unfällen. Deshalb sind hier nur noch 50 Stundenkilometer erlaubt. Foto: Markus Gehring

Alstätte - 

In kaum einem Kreis in NRW ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem Unfall zu verunglücken so groß wie im Kreis Borken. Häufigste Ursache: zu schnelles Fahren. Die Polizei versucht, dem Problem Herr zu werden.

Von Falko Bastos

►  Das Problem: Zwar gibt es im Kreis weniger Unfälle als im Landesschnitt, doch wiegen deren Folgen schwerer. Der Kreis Borken zählt im landesweiten Vergleich zu den Schlusslichtern bei der Zahl der Verunglückten (Tote und Verletzte im Straßenverkehr) im Verhältnis zur Bevölkerungszahl. In lediglich zwei anderen Kreisen in NRW verunglückten mehr Menschen pro 100 000 Einwohner. Dies geht aus der Verkehrsunfallstatistik der Kreispolizei hervor. „Sehr besorgniserregend“, kommentierte dies Olaf Gottschalk, Direktionsleiter Verkehr bei der Polizei Borken.

►  Die Hauptursache: Als eine wesentliche Ursache benannte die Polizei die Geschwindigkeiten auf den Straßen. Wegen höherer Tempolimits, guten Straßen und geringerer Verkehrsdichte würden die Verkehrsteilnehmer hier deutlich höhere Geschwindigkeiten erreichen als in Großstädten. Daher seien die Unfallfolgen oft schwerer. „Raserei ist der Killer Nummer eins auf unseren Straßen“, sagt Kreispolizei-Pressesprecher Frank Rentmeister. Auch bei den Unfällen mit anderen Ursachen sei die Geschwindigkeit fast immer Mitursache.

►  Die Polizeikontrollen: An vier täglich wechselnden Messstellen kontrolliert die Polizei die Geschwindigkeit im ganzen Kreisgebiet. Bei knapp über einer Million kontrollierten Fahrzeugen im Jahr 2017 waren 83 000 zu schnell unterwegs – einer von 13 Fahrern. Das ergibt eine Auswertung der wöchentlichen Polizeiberichte. Mehr als 10 000 Geldbußen und über 500 Fahrverbote veranlasste die Verkehrsüberwachung.

►  Die Starenkästen: 28 Starenkästen haben im Kreis rund 3,6 Millionen Fahrzeuge kontrolliert. Acht Radarfallen stehen rund um Ahaus: davon zwei an der B 70 in Alstätte und eine an der L 570 zwischen Schöppingen und Ahaus.

►  Der Spitzenreiter: Unrühmlicher Spitzenreiter im Kreis ist die Radarfalle in Alstätte an der B 70 in Fahrtrichtung Vreden. 9352 Mal löste sie aus – häufiger als einmal pro Stunde. Ein offizielles Ranking gibt es aber nicht, da nicht alle Starenkästen immer scharfgeschaltet sind. Sie werden in einem rotierenden Verfahren mit einem von vier Messsystemen bestückt. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Anlage im Kreis aufnahmebereit ist, liegt demnach lediglich bei eins zu sieben.

►  Die schnellsten Raser: Besonders auf der B 70 und L 572 kommt es immer wieder zu extremen Geschwindigkeitsüberschreitungen. So wurde ein Fahrer innerorts in Alstätte mit 99 Stundenkilometern statt der erlaubten 50 geblitzt. Noch schneller war ein Fahrer auf der L 572 in Oeding unterwegs. Bei maximal erlaubtem Tempo 70 fuhr er 156 Stundenkilometer.

►  Der Brennpunkt: Generell werde die Entscheidung für einen Starenkasten aus Gründen der Verkehrssicherheit getroffen, teilte Kreispressesprecher Karlheinz Gördes mit. „Es handelt sich um Unfallhäufungsstellen beziehungsweise Abschnitte mit hohem Unfallpotenzial.“ Die Entscheidung für einen Standort wird von der Unfallkommission des Kreises getroffen. So auch beim Rekord-Blitzer in Alstätte. Immer wieder kommt es dort zu schweren Unfällen. Im Juli 2016 starb eine 63-jährige Niederländerin bei einem Zusammenprall auf einer nahe gelegenen Kreuzung. Wegen der Unfallhäufung wurde die zulässige Geschwindigkeit bereits von 70 auf 50 Stundenkilometer reduziert. Zudem soll die Kreuzung noch in diesem Jahr zu einem Kreisverkehr umgebaut werden. Rentmeister dagegen sieht das Problem nicht nur auf einzelne Standorte beschränkt: „Das betrifft das ganze Kreisgebiet. Deshalb müssen wir flächendeckend kontrollieren.“►

►  Die Einnahmen: 4819 Bußgeldverfahren wurden aufgrund der stationären Blitzer im vergangenen Jahr eingeleitet. 2016 waren es nur 3561. Auch die Zahl verhängter Verwarnungsgelder stieg von 11 935 auf 17 717. Im Durchschnitt wurden 33,60 fällig. 757 000 Euro brachten die Blitzer dem Kreis im vergangenen Jahr ein – ein Plus von über 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hauptursache sei die Umstellung in Alstätte, sagt Gördes.

►  Die Diskussion: In der vergangenen Woche forderten die Gewerkschaft der Polizei (GdP) und die Deutsche Polizeigewerkschaft (DpolG) höhere Bußgelder für Raser. „Deutschland ist im europäischen Vergleich ein Billigland“, sagt GdP-Chef Arnold Plickert. Ein Paradies für Raser? In den benachbarten Niederlanden werden für Verkehrssünder deutlich höhere Strafen fällig.

►  Die Zukunft: 1988 wurde der erste Starenkasten im Kreis aufgestellt. 30 Jahre später wird technisch aufgerüstet. So soll in Kürze eine neue Messsäule in Gescher in Betrieb gehen, die mit Laserscannern ausgestattet ist. Die liefern deutlich genauere Ergebnisse als die fehleranfällige Radartechnik. Bei dieser sind Sensorschleifen in die Fahrbahn eingelassen, die bei überhöhter Geschwindigkeit den Blitz im Starenkasten auslösen.

An den anderen 27 Standorten kommt bisher noch die alte Messschleifentechnik zum Einsatz. Doch Gördes kündigt einen Ausbau der Laserscanner an: „Diese Messtechnik wird voraussichtlich auch einige Standorte rund um Ahaus in den nächsten Jahren ersetzen.“

►  Die Unverbesserlichen: Doch auch die Raser rüsten auf. Illegale Warngeräte sind genauso im Umlauf wie reflektierende Folie für das Nummernschild. Und manch einer vergeht sich gleich an der Blitzanlage. „Es kommt vor, dass die Schutzgläser der Objekte mit Farbe besprüht werden“, sagt Karlheinz Gördes. Immer wieder würden auch Gegenstände in die Schutzrohre gelegt, um die Sicht auf die Straße zu versperren. Es sei sogar schon auf eine Anlage geschossen worden, so Gördes.

In Reken sprengte ein 23-Jähriger eine Radarfalle mit Schwarzpulver, nachdem diese ihn geblitzt hatte. Von Erfolg gekrönt war die Aktion nicht, denn die Polizei erwischte ihn auf frischer Tat. Der Kreis Borken forderte 45 000 Euro Schadensersatz. Und selbst das Fahrverbot konnte die Sprengung nicht verhindern. Die Beweisfotos hatten die Explosion überstanden.

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