Psychiatrie
Letzte Möglichkeit: Wie die LWL-Klinik mit Fixierungen umgeht

Lengerich -

Unter welchen Bedingungen dürfen Menschen fixiert werden. Darüber will das Bundesverfassungsgericht demnächst entscheiden. Auch an der LWL-Klinik Lengerich wird zu diesem Mittel gegriffen. Der Landschaftsverband hat dafür eigens eine Leitlinie entwickelt.

Mittwoch, 07.02.2018, 08:05 Uhr

Riemen und Gurte werden nach Angaben des Landschaftsverbandes in der Lengericher Klinik eingesetzt, wenn Patienten fixiert werden müssen.
Riemen und Gurte werden nach Angaben des Landschaftsverbandes in der Lengericher Klinik eingesetzt, wenn Patienten fixiert werden müssen. Foto: dpa

In der vergangenen Woche wird wahrscheinlich auch manch ein Mitarbeiter der LWL-Klinik nach Karlsruhe geschaut haben. Am Dienstag hatte dort das Bundesverfassungsgericht über den Fall von zwei Psychiatriepatienten verhandelt, die in Einrichtungen in Baden-Württemberg und Bayern gegen ihren Willen fixiert worden waren. War das rechtmäßig, und welche Regeln sollen grundsätzlich gelten? Darüber haben Deutschlands höchste Richter zu entscheiden. Mit einem Urteil wird erst in einigen Monaten gerechnet.

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat für seine Einrichtungen zusätzlich zu den in Nordrhein-Westfalen geltenden gesetzlichen Vorgaben – bundeseinheitliche Standards gibt es nicht – eine eigene Leitlinie entwickelt. Dabei gehe es darum, „die Balance zu finden zwischen Persönlichkeits- und Freiheitsrechten einerseits und dem notwendigen Schutzauftrag für die Gesellschaft andererseits“, so der LWL. Konkret solle im Arbeitsalltag ein „rechtssicheres und patientenorientiertes Handeln“ unterstützt werden. Insofern gehe der eigene Standard über gesetzliche Vorgaben hinaus.

Dauer von Fixierungen stark schwankend

Was das heißen kann, lässt sich an der Klinik in Lengerich nachvollziehen. Laut LWL wurden dort 2015 124 Patienten fixiert, 2016 waren es 84 – jeweils mehrheitlich männlich. Die Statistik für 2017 sei noch in Arbeit, so der Landschaftsverband. „Als Ergebnis können wir festhalten: Fixierungen werden hier kontinuierlich reduziert.“ Dabei ist die Dauer der Fixierungen sehr stark schwankend. 2016 dauerten neun Prozent laut LWL weniger als eine Stunde, bei unter zwei Prozent lag der Anteil derer, die länger als drei Tage anhielten. Für knapp über 50 Prozent der Betroffenen war nach weniger als 24 Stunden Schluss.

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Fixieren heißt nicht automatisch, dass eine Person komplett bewegungsunfähig gemacht wird. Genutzt werden beim Landschaftsverband Gurte, Gurtsysteme und Riemen zumeist aus Baumwolle. Sie können an verschiedene Körperteile angelegt werden. Das passiere so, dass so viel Beweglichkeit zugelassen werde, wie es die jeweiligen Krisen-Situation erlaube, erklärt der LWL. Klinikmitarbeiter würden im Umgang mit solchen Fixierungsmöglichkeiten eigens geschult.

Jede Fixierung wird dokumentiert

Nach Angaben des LWL-Krankenhausdezernenten Professor Dr. Meinolf Noeker wird jede Fixierung dokumentiert und kontinuierlich überprüft. Zudem muss sie laut LWL-Standard zuvor von einem Arzt angeordnet worden sein und im Nachhinein mit dem Patienten besprochen werden. Der Experte betont: „Wir sind willens, Zwang so weit wie möglich entbehrlich zu machen. Diese Position schließt übrigens auch ein, zur Anwendung von freiheitseinschränkenden Maßnahmen ,zu stehen‘, wenn diese rechtlich, psychiatrisch-fachlich und ethisch unausweichlich sind, um einer akuten Bedrohung zu begegnen, die anders nicht abgewendet werden kann.“

Unter akuter Bedrohung wird eine Situation verstanden, in der eine Person sich selbst oder andere unmittelbar gefährdet. Allerdings wird vom LWL in Bezug auf suizidgefährdete Personen festgestellt, dass bei ihnen eine dauerhafte Fixierung nicht machbar sei; es komme bei ihnen vielmehr darauf an, sie „auf therapeutischem Wege psychisch möglichst so zu stabilisieren, dass sich die Suizidgedanken verflüchtigen“.

Gefährdung ist keine abstrakte Größe

Ein typisches Krankheitsbild, bei denen Fixierungen zur Anwendung kommen können, ist die akute Psychosen. Aber auch bei einer Manie kann ein Zustand erreicht werden, in dem ein Person sich oder andere gefährdet.

Die Gefährdung anderer ist in der LWL-Klinik dabei nach Angaben des Landschaftsverbandes keine abstrakte Größe. Unter dem Begriff „Besondere Vorkommnisse“ seien 2015 29 Übergriffe von Patienten auf Personal gemeldet worden 2016 waren es 42 und 2017 36. Inwieweit dabei Personen verletzt wurden, konnte die Pressestelle eigenen Angaben kurzfristig nicht recherchieren. Festgehalten wird aber: „Die Folgen durch Gewalt können körperliche, aber auch seelische Verletzungen hervorrufen. Häufig kommt es vor, dass Mitarbeiter nach Patientenübergriffen arbeitsunfähig sind, auch für längere Zeit.“

Schlussendlich wird konstatiert, dass eine gute Beziehung zum Patienten eine gute Voraussetzung sei, um durch Deeskalation Zwangsmaßnahmen zu vermeiden, „die verbal durch Zuhören, Interesse und Verständnis für die Situation der betroffenen Person bewirkt werden kann“.

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