Wenn Handwerkerrechnungen Fragen aufwerfen
Auf den Sturm folgt der Ärger

Senden -

Ein Hauseigentümer aus Senden freute sich, dass ein Dachdecker nach „Friederike“ so schnell kam, wunderte sich aber über die Rechnung. Die WN gehen der Frage nach, was Kunden und Betriebe beim Streit ums Geld geltend machen.

Mittwoch, 07.02.2018, 18:58 Uhr

Als „Friederike“ wütete stürzten nicht nur Bäume um, sondern purzelten auch einige Pfannen von den Dächern.
Als „Friederike“ wütete stürzten nicht nur Bäume um, sondern purzelten auch einige Pfannen von den Dächern. Foto: di

„Friederike“ fegte mit Folgen über Senden hinweg. Nicht nur Bauhof und Feuerwehr waren während und nach dem Sturmtief im Einsatz, sondern auch Handwerker – allen voran die Dachdecker der Region. An einen solchen Betrieb wandte sich auch ein Hauseigentümer aus Senden. Ihm wurde flugs geholfen – am Samstag nach dem Orkan von Donnerstag rückten die Handwerker an. Mit deren Arbeit ist der Hausbesitzer zufrieden, mit der Rechnung, die dafür fällig wurde, nicht. Was kann einerseits der Kunde in diesem Fall tun, und mit welchem Verhalten der Auftraggeber sehen sich andererseits die Betriebe konfrontiert? Die WN nehmen den Sturmschaden nur als Anlass, um beide Seite generell zu beleuchten.

Thema betrifft alle Branchen

Denn ob Elektriker oder Küchenbauer, Fensterfachmann oder Gas-Wasser-Installateur – dass es zu Zwist über die Penunzen kommen kann, gilt quer durch die Branchen. Tendenz – offenbar steigend. „Das Gesamtaufkommen wird höher“, zieht Ulrich Müller, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Coesfeld, Bilanz, was das Hinterfragen, Beschwerden und Anfechten von Rechnungen oder den Streit um Baumängel betrifft.

Arbeitszeit als Stein des Anstoßes

Häufiger Stein des Anstoßes ist – wie auch im Fall des Sturmschadens – die Dauer der Arbeitszeit, die zu Buche schlägt. Der Hauseigentümer beteuert, dass Reparatur und Anfahrt nicht mehr als eine Dreiviertelstunde gedauert hätten, während in der Rechnung die Arbeitszeit verdoppelt worden sei. Dasselbe Muster habe sich ergeben, so der Hausbesitzer, als die Firma einen geringen Schaden am Dach seines Schwiegersohns behoben hat, der nur wenige Minuten entfernt wohnt.

Vermittlungsstelle hilft ohne Kosten

Bei Ärger über Rechnungen eignet sich neben dem direkten Gespräch die Vermittlungsstelle der Handwerkskammer Münster. Sie schlägt eine Brücke zwischen den Kunden und den Betrieben und strebt in „moderierter Kommunikation“, so heißt es bei der Kammer, eine Lösung an. Juristische Schritte bleiben unberührt, das Verfahren ist kostenlos. Infos: Monika Wilken, ' 0 25 1/ 52 03 220; monika.wilken @hwk-muenster.de

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Im Gespräch mit dem Inhaber des Betriebs kam keine Einigung zustande, im Gegenteil, mit ihm als Kunden sei am Telefon noch ziemlich hemdsärmelig umgegangen worden, lässt der Auftraggeber durchblicken.

Kunden ziehen „Masche“ ab

Auf WN-Nachfrage pocht der Inhaber des betroffenen Betriebs darauf, dass er seine Leistungen einwandfrei abgerechnet habe. Er dreht aber den Spieß mit Blick auf eine allgemeine Entwicklung um: Das, was früher nur bei manchen Großprojekten vorkam – dass Kunden mit der Auftragsvergabe beabsichtigen, einen Teil des Geldes einzubehalten – greife um sich. Kleinere Beträge würden, häufiger grundlos, einbehalten. In der Erwartung, dass der familiäre Handwerksbetrieb den Aufwand scheut, die Außenstände einzuklagen. „Das ist Geld, das mir fehlt“, unterstreicht der Chef von knapp einem Dutzend Mitarbeitern. Außerdem mangele es den Kunden oftmals an Hintergrundwissen darüber, dass nicht nur die Anfahrt zu Buche schlägt, sondern auch Rüstzeiten für die Fahrzeuge, die auf Tour gehen. Materialwartung, Bürokratie und immer höhere Nebenkosten – als nächstes etwa die Maut auf Bundesstraßen – führten zu Belastungen, die aufgefangen werden müssten, macht der Leiter des Handwerksbetriebs geltend.

Auch den Vorwurf, dass Rechnungen, die bei Versicherungen landen, aufgerundet würden, weist der Handwerksmeister zurück. Er arbeite seit Jahrzehnten mit den großen Assekuranzen der Region vertrauensvoll zusammen.

Handwerkskammer sucht Ausgleich

Dass ein Sturm ein Ereignis ist, nach dem viele kleinere Handwerksrechnungen geschrieben werden, die womöglich Anlass für Nachfragen sind, schließt auch Dr. Karsten Felske, Justiziar der Handwerkskammer Münster, nicht aus. Für ihn ist der Fall aus Senden aber der erste, der zumindest die Kammer in Münster erreiche. Aus seiner Sicht liegen oftmals kommunikative Hürden vor, wenn Knatsch über finanzielle Forderungen entsteht. Nicht jeder, der technisch versiert ist, habe auch ein Händchen dafür, seine Leistungen zu erklären.

Keine schwarze Listen über aufmüpfige Kunden

Ins Reich der Fantasie verbannt der Kammer-Jurist aber, dass unter Handwerkern schwarze Listen über auffällige Kunden kursieren. Es gebe keine Kartelle, sondern: „Die Betriebe stehen im Wettbewerb.“ Nach schnellem Geld zu trachten, sei nicht erstes Ziel der Unternehmen, sondern ein dauerhaftes Verhältnis zum Kunden aufzubauen.

Auf die Dachreparatur in Senden, die übrigens bereits in voller Höhe bezahlt wurde, folgen für dieselbe Firma aber wohl keine weiteren Aufträge.

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