Reporter erinnert sich an Einsatz beim Gladbecker Geiseldrama
„Die Sinnfragen kommen einem erst später“

Senden/Gladbeck -

Als Reporter eines Boulevard-Blattes war Dieter Klein während des Gladbecker Geiseldramas vor Ort im Einsatz, sprach mit Angehörigen der Täter, recherchierte im Umfeld. Das Verhalten einiger Kollegen und das Bild, das die Branche abgegeben hat, sieht er inzwischen mit gemischten Gefühlen.

Freitag, 09.03.2018, 08:47 Uhr

Dieter Klein, im Ruhestand langjähriger Mitarbeiter der WN-Lokalredaktion Senden, war während des Gladbecker Geiseldramas als Reporter im Umfeld der Täter im Einsatz.
Dieter Klein, im Ruhestand langjähriger Mitarbeiter der WN-Lokalredaktion Senden, war während des Gladbecker Geiseldramas als Reporter im Umfeld der Täter im Einsatz. Foto: di

In der Deutschen-Bank-Filiale in Gladbeck fürchten zwei Geiseln um ihr Leben - beobachtet von Dutzenden Polizeikräften, Schaulustigen und Journalisten, die auf der Lauer liegen. Zu denjenigen, die angesichts des wohl für Jahrzehnte spektakulärsten Verbrechens in Deutschland als Berichterstatter ausrücken, gehört auch Dieter Klein, der in Hamburg in einen schnellen Mercedes springt, den er Richtung Ruhrpott steuert.

Als damaliger Redakteur der „Bild am Sonntag“ war der heutige Schapdettener von der BAMS-Zentrale abkommandiert worden, aber nicht an der Verfolgungsjagd auf Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner beteiligt. Kleins Auftrag lautete im August 1988, Hintergrundmaterial über die Täter zu sammeln.

Mit einem Fotografen sucht der Reporter, der in seinem Ruhestand besonders für die WN-Lokalredaktion Senden im Einsatz ist, nach Informationen und Bildern - um ein Porträt der Täter erstellen zu können. Nicht nur seinen Job, sondern das Verhalten der gesamten Branche betrachtet der Journalist inzwischen mit gemischten Gefühlen.

Einen Cognac-Abend mit Rösners Vater verbracht

Die Polizisten sichern noch Spuren an der Filiale des Kreditinstitutes, als Klein dort eintrifft. Er sucht im Umfeld, nimmt, weil die Namen der Geiselnehmer bereits die Runde machen, Kontakt zu Angehörigen auf. Nicht als einziger. Als er am Haus von Rösners Vater eintrifft, kommen ihm Kollegen in Scharen entgegen. „Vergiss´ es, lohnt sich nicht“, schallt es ihm entgegen. Der Springer-Journalist wartet, gibt aber nicht auf. Er klingelt einige Minuten später, trifft offenbar den Ton, denn der Vater des Gangsters schmeißt nicht gleich die Tür ins Schloss. Es kommt nicht nur ein Kontakt, sondern ein Gespräch zustande.

Geiseldrama von 1988: ARD-Zweiteiler "Gladbeck"

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  •  Ein Geiseldrama als bizarres Spektakel: Fotografen und TV-Teams umringen die Gladbeck-Entführer in der Kölner Innenstadt.

    Foto: ARD Degeto/Ziegler Film/Martin Valentin Menke
  • Ein Geiseldrama als bizarres Spektakel: Fotografen und TV-Teams umringen die Gladbeck-Entführer in der Kölner Innenstadt.

    Foto: ARD Degeto/Ziegler Film/Martin Valentin Menke
  • Der Gladbeck-Entführer Hans-Jürgen Rösner (Sascha Alexander Geršak) droht mit der Waffe.

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  • 16. August 1988: Maskierte überfallen in Gladbeck eine Bankfiliale.

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  • Die Medien berichten über die spektakuläre Geiselnahme: Dieter Degowski (Alexander Scheer) liest über sich in der BILD-Zeitung

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  • Der Innenminister von NRW (August Zirner)

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  • Der NRW-Einsatzleiter (Ulrich Noethen) weiß schon bald, wie gefährlich die Bankräuber sind.

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  • Rösners Freundin Marion Löblich (Marie Rosa Tietjen) wird Teil der Bande.

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  • Rösner (Sascha Alexander Geršak) hat nichts zu verlieren: Der Geiselnehmer inszeniert sich vor den Medienvertretern als knallharter Verbrecher.

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  • Der brutale Rösner (Sascha Alexander Geršak) wirkt auch auf die Polizisten angsteinflößend.

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  • Das Verbrecher-Duo Rösner (Sascha Alexander Geršak) und Degowski (Alexander Scheer, li.) bringt in Bremen einen Bus und die Fahrgäste in seine Gewalt.

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  • Unvorstellbar! Ein Presse-Fotograph (Albrecht A. Schuch) vermittelt zwischen den gereizten Entführern und der abgetauchten Polizeiführung.

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  • Kollektives Versagen: Bremens Kripo-Chef (Martin Wuttke, re.) ist ratlos.

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  • Eine verpasste Chance bei der Rettung der Geiseln: Bremens Innensenator (Stephan Kampwirth) verhindert finale Rettungsschüsse.

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  • Rösners Freundin Marion Löblich (Marie Rosa Tietjen) bewacht die Geiseln.

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  • Geiselnehmer Degowski (Alexander Scheer) ist eine tickende Zeitbombe.

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  • Der NRW-Innenminister drängt seine Mitarbeiter (Ralf Dittrich) auf eine gewaltsame Lösung.

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  • Ein Boulevardjournalist (Arnd Klawitter) steigt zu Geiselnehmer Rösner (Sascha Alexander Geršak) ins Auto.

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  • Journalisten umringen in Köln das Geiselnehmer-Auto mit Rösners Freundin Marion Löblich (Marie Rosa Tietjen).

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  • Die Schattenseite des Sensationsjournalismus: Medienvertreter nehmen keine Rücksicht auf das Schicksal der Geisel Ines (Lilli Fichtner)

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  • Geiselgangster Rösner (Sascha Alexander Geršak) im Fokus der Medienvertreter.

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  •  Ein Boulevardjournalist (Arnd Klawitter) bietet den Geiselnehmer Rösner (Sascha Alexander Geršak) und seiner Freundin und Komplizin Marion Löblich (Marie Rosa Tietjen) an, das Geiselfahrzeug aus der Kölner Innenstadt zu lotsen.

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  • Geiselgangster Rösner (Sascha Alexander Geršak) erzeugt auf der Kölner Domplatte ein bizarres Medienereignis.

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  • Ein Boulevardjournalist (Arnd Klawitter) übernimmt auf der Kölner Domplatte das Kommando.

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  • Degowski (Alexander Scheer) bedroht die Geisel Silke (Zsa Zsa Inci Bürkle) mit geladener Waffe.

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  • Geiselnehmer Degowski (Alexander Scheer) ist unberechenbar.

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  • Der Schwerverbrecher Rösner (Sascha Alexander Geršak) ist bereit zu töten.

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  • Geiselnahme in Gladbeck: Ein Verhandler spielt auf Zeit.

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  • Scharfschützen nehmen die Gladbecker Geiselnehmer ins Visier – dürfen aber nicht abdrücken.

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  • Sensationsgierige Journalisten berichten von der Geiselnahme.

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  • Vom Bus in den PKW: An der niederländischen Grenze wechseln die Geiselnehmer das Fahrzeug.

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  • Polizisten eilen zu einem Banküberfall im nordrhein-westfälischen Gladbeck

    Foto: ARD Degeto/Ziegler Film/Martin Valentin Menke
  • Der Gefängnisausbrecher Hans-Jürgen Rösner (Sascha Alexander Geršak) ist brandgefährlich.

    Foto: ARD Degeto/Ziegler Film/Martin Valentin Menke

„Ich hab´ da den ganzen Abend verbracht“, schildert Klein, der seinen Fotografen losgeschickt hat, den vom Vater erbetenen Cognac zu kaufen, dessen Flasche sich leerte, während der Angehörige des Kidnappers zu Familienalben griff. Mit Bildern, die später eine Millionenauflage erfuhren. Geld, versichert der inzwischen 79-Jährige, sei - zumindest in seinem Fall - nicht geflossen. Nicht immer erbringt die Recherche während der beiden Tage in Gladbeck einen solchen Ertrag: Der Bruder von Degowski entpuppt sich beispielsweise als schmallippig.

Das hatte oftmals nichts mehr mit beruflichem Sportsgeist zu tun, sondern war pervers.

Dieter Klein schätzt das Verhalten seiner Kollegen heute kritisch ein

Mit Fotoalben und einem vollen Block im Gepäck, düst Klein in die Hansestadt zurück und trägt zu einem großen Bericht bei, an dem mehrere Autoren arbeiten.

An die Fersen der Geiselgangster und ihrer Opfer hat sich der Reporter nicht geheftet. Er gibt aber zu: „Ich hätte es getan.“ Diese Haltung sei weit verbreitet gewesen: Ob Boulevard-Blatt, Sender, Agentur oder Freelancer - „jeder wollte mit seiner ,Beute` glänzen“. Der Journalismus sei damals bei diesen Themen „aggressiver“ gewesen als heute, vor allem aber das Vorgehen der Berichterstatter „rücksichtsloser“, schätzt Klein die Veränderungen in der Branche ein. Denn unter den Polizeireportern tummelten sich nur Profis. Amateure - Augenzeugen, die überall präsent sind und das Smartphone zücken - seien damals noch nicht ins Jagdrevier der Journalisten eingedrungen.

Sinn-Fragen kommen den Reportern erst später

Dass viele Profi-Jäger damals keine Skrupel kannten, habe auch mit ihrem Auftrag zu tun, Rohstoff für Leserschaft oder Zuschauer zu akquirieren. In diesem Zustand „steckt man voller Adrenalin“, weiß der Ruheständler, der in seinem Arbeitsleben dreimal schwer verletzt und dutzendfach mit Morddrohungen überzogen worden ist. Die Fragen an sich selbst, ob sinnvoll war, was man tat, „die kommen erst später“.

Ob illegale Spielcasinos in Köln oder der Kiez rund um die Davidwache - „manchmal war ich zu nah dran“, resümiert Klein, der seine beruflichen Erinnerungen in dem Buch „Auf Rattenjagd“ zusammengefasst hat.

Rechtfertigen möchte Klein es nicht, wie Journalisten in Fällen wie dem Gladbecker Geiseldrama mit Schwerverbrechern auf Tuchfühlung gingen. Die Polizei habe Fehler gemacht, aber auch die Medienbranche habe eine „miserable“ Vorstellung abgeliefert. „Das hatte oftmals nichts mehr mit beruflichem Sportsgeist zu tun, sondern war pervers.“

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