Mi., 13.06.2018

Maggi-Werk in Lüdinghausen Fast 100 Stellen werden gestrichen

In der vergangenen Woche haben Lüdinghauser Maggi-Mitarbeiter noch für höhere Löhne gestreikt. Jetzt sieht alles anders aus: Rund 95 Mitarbeiter müssen bis Mitte 2019 gehen.

In der vergangenen Woche haben Lüdinghauser Maggi-Mitarbeiter noch für höhere Löhne gestreikt. Jetzt sieht alles anders aus: Fast 100 Mitarbeiter müssen bis Mitte 2019 gehen. Foto: chrb/wer

Lüdinghausen - 

Am Standort Lüdinghausen des Maggi-Werkes sollen rund 95 Stellen gestrichen werden. Davon erfuhren die Mitarbeiter am Mittwoch im Rahmen einer Betriebsversammlung. Derzeit sind dort 370 Mitarbeiter beschäftigt. Die Geschäftsleitung war für eine Stellungnahme gegenüber den WN nicht zu sprechen, äußerte sich aber in einer Pressemitteilung zu den einschneidenden Veränderungen am Standort in Lüdinghausen.

Von Peter Werth, Beate Nießen, Anne Eckrodt

„Jetzt muss ich meiner Frau und meinen beiden Kindern erklären, dass ich bald arbeitslos bin.“ Dem 40-Jährigen ist seine Enttäuschung und auch Wut vom Gesicht abzulesen. Vor einer guten Stunde hat er erfahren, dass im Lüdinghauser Maggi-Werk bis Mitte 2019 95 Stellen gestrichen werden. Er ist einer der Betroffenen. Derzeit beschäftigt das Unternehmen in Lüdinghausen 370 Mitarbeiter. Erfahren hat die Belegschaft dies am Mittwoch im Rahmen einer Betriebsversammlung. Nach deren Ende verlassen die meisten wortkarg das Firmengelände. Ihr Kommentar: „Wir dürfen nichts sagen.“

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Jetzt muss ich meiner Frau und meinen beiden Kindern erklären, dass ich bald arbeitslos bin.

Ein Maggi-Mitarbeiter

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Der eine oder andere macht seinem Unmut dann doch Luft. „Die Stimmung ist wunderbar“, erklärt einer, der seit 17 Jahren bei Maggi arbeitet, sarkastisch. Er ergänzt: „Die denken nur an ihre Aktionäre.“ Und: In der Versammlung sei es durchaus laut geworden. Ein Mittfünfziger sieht für seine Zukunft schwarz: „Das ist ein Drama. ich arbeite in der betroffenen Abteilung.“

Die Maggi-Geschäftsleitung war für eine Stellungnahme gegenüber den WN nicht zu sprechen, äußerte sich aber in einer Pressemitteilung zu den einschneidenden Veränderungen. „Wir haben uns nach intensiver Prüfung und Abwägung der Situation am Standort für diese Maßnahmen entschieden. Uns ist be-  wusst, dass diese große,        persönliche Einschnitte bedeuten. In diesem Veränderungsprozess werden wir die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bestmöglich begleiten und unterstützen. Unser Ziel ist es, alle Maßnahmen sehr verantwortungsvoll anzugehen und den Standort Lüdinghausen fit für die Zukunft zu machen“, wird Alexander Knoch, Vorstand Technik der Nestlé Deutschland AG, dort zitiert.

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In diesem Veränderungsprozess werden wir die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bestmöglich begleiten und unterstützen.

Alexander Knoch, Vorstand Technik der Nestlé Deutschland AG

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Ortwin Tork, Betriebsratsvorsitzender im Lüdinghauser Werk, äußerte sich im Anschluss an die fast zweieinhalbstündige Betriebsversammlung vorsichtig, was mögliche betriebsbedingte Kündigungen angeht. „Wir müssen uns jetzt an den Sozialplan setzen. Da kann ich noch keine Aussagen treffen.“ Klar ist für ihn aber, dass auch die verbleibende Belegschaft noch über die Lohntüte zur Kasse gebeten werden wird. „Nun wissen wir auch, warum der Arbeitgeber bei den aktuellen Tarifverhandlungen noch kein Angebot vorgelegt hat.“ Und auch wenn sich die Geschäftsleitung bei der Versammlung den Fragen der Belegschaft gestellt und wirtschaftlich zwingende Gründe für die Einsparungen angegeben habe, ist für Tork eines klar: „Da werden aus reiner Profitgier Arbeitsplätze an Standorte in Osteuropa verlagert.“ Betroffen von Stellenstreichungen seien weitere Nestlé-Standorte deutschlandweit. Tork sprach von insgesamt etwa 1000 Stellen.

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Da werden aus reiner Profitgier Arbeitsplätze an Standorte in Osteuropa verlagert.

Ortwin Tork, Betriebsratsvorsitzender

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Bürgermeister Richard Borgmann bezeichnete die Nachricht von den Entlassungen als „riesen Schlag für das Unternehmen, aber auch für die Stadt Lüdinghausen“. Gleichzeitig machte er aber auch deutlich, dass man glücklich sein müsse, dass das Werk in dieser schwierigen Zeit erhalten bleibt. „Wir haben der Geschäftsleitung die Unterstützung der Stadt zugesagt, damit der Einschnitt nicht zu groß wird“, so Borgmann gegenüber den WN. „Zudem überlegen wir, wie wir den entlassenen Mitarbeitern helfen können.“

Manfred Sträter, zuständiger Gewerkschaftssekretär der NGG, machte im Gespräch mit den WN aus seinem Ärger keinen Hehl: „Vor einer Woche haben wir noch mit den Kollegen in Lüdinghausen für eine Tariferhöhung gestreikt, da gab es eine Betriebsversammlung und die Geschäftsleitung hat nicht eine Silbe über die geplanten Stellenstreichungen verloren.“ Stattdessen habe man darüber diskutiert, ob es in Zukunft noch Weihnachtsfeiern für die Kinder und Ruheständler geben könne. „Da fühlen sich die Mitarbeiter doch mit Fug und Recht von der Geschäftsleitung verarscht“, findet Sträter deutliche Worte.

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Vor einer Woche haben wir noch mit den Kollegen in Lüdinghausen für eine Tariferhöhung gestreikt, da gab es eine Betriebsversammlung und die Geschäftsleitung hat nicht eine Silbe über die geplanten Stellenstreichungen verloren.

Manfred Sträter, Gewerkschaftssekretär NGG

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WN-Informationen, nach denen die Mischerei geschlossen werden soll, wurden in der Pressemitteilung bestätigt. Geplant sei, „den Standort mit einer verschlankten Fabrik zu konzentrieren auf die Abfüllung und Verpackung von Maggi-Trockenprodukten sowie die Teigwaren-Herstellung. Daher sollen die Bereiche Mischerei und Vorstufenproduktion Mitte 2019 an andere Standorte verlagert werden“, heißt es in der schriftlichen Stellungnahme. Darüber hinaus seien noch weitere „Anpassungen bei den Kosten“ erforderlich.

Diese trübe Erwartung hegt auch ein Paar, das seit 28 Jahren bei Maggi arbeitet. „Wir haben uns hier kennengelernt“, erklären sie, „es hat uns kalt erwischt.“

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