Do., 05.02.2015

Neues Netzwerk Zwei Krankenkassen im Boot Caritas betreut kreisweit 31 Patienten Psychisch krank – aber in Krisen gut aufgefangen

Kreis Coesfeld. Viele psychisch Kranke kennen das: Die Klinik hat man nach einer Akutphase guten Mutes wieder verlassen – und dann kommt nach ein paar Wochen wie aus heiterem Himmel ein neuer Schub. Die Depressionen drücken einen tief herunter. Nichts geht mehr. Und der Beginn der ambulanten Psychotherapie – Stichwort: lange Wartezeiten – liegt noch in weiter Ferne. Aber auch während einer Psychotherapie kann so ein Absturz geschehen. Längst nicht jeder hat im Alltag jemanden, der ihn dann auffangen kann. Das Ergebnis ist oftmals ein „Drehtüreffekt“: Die Patienten landen wieder in der Klinik. Das will das „Netzwerk psychische Gesundheit NRW“ verhindern, das seit einem Jahr auch im Kreis Coesfeld aktiv ist. Die Techniker (TK) und die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) finanzieren das Unterstützungsangebot, das der Caritasverband für den Kreis Coesfeld als Dienstleister macht.

Von Detlef Scherle

Speziell für psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Burnout und Schizophrenie geschulte Pflegefachkräfte bieten Menschen in psychischen Krisen Hilfe an, um ihren Alltag wieder bewältigen zu können. 31 Erkrankte nehmen das derzeit in Anspruch. Sie werden von vier Vollzeitkräften betreut – ambulant, „im gewohnten Umfeld“, wie die Fachkraft Susanne Wolter unterstreicht. Das Wichtigste für die Betroffenen, erzählt sie, sei, „dass sie eine Telefonnummer haben, die sie anrufen können“. Die Helfer sind rund um die Uhr erreichbar – und kommen notfalls auch sofort heraus. Im Bedarfsfall unterstützen sie auch Angehörige.

Prävention und Aufklärung über die Krankheit gehören auch dazu: Die Betreuer erarbeiten mit den Patienten beispielsweise in besseren Phasen einen Plan für den Fall, dass Krisen auftreten. „Der sieht dann ganz individuell aus“, erklärt Wolter. Meist gehe es darum, präventiv zu gucken, was dem Patienten in solch einer Situation gut tut. Das könne das Anwenden einer Entspannungstechnik sein oder auch das Hören der Lieblingsmusik. Möglicherweise ist auch eine Anpassung oder Veränderung der Medikamentation erforderlich. Zu Arztbesuchen begleiten die Helfer die Patienten ebenfalls, um solche Fragen zu klären. Wem zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, der hat die Möglichkeit, für ein oder zwei Tage einen von der Caritas gemütlich eingerichteten „Krisenraum“ zu beziehen. „Dahin können sie sich dann zurück ziehen, um wieder in Balance zu kommen“, so Wolter. Zwei solcher Räume werden kreisweit vorgehalten.

Die Partner-Organisationen im „Netzwerk psychische Gesundheit“, das landesweit von der Gesellschaft für psychische Gesundheit getragen wird, haben gestern bei einem Pressegespräch im Caritas-Neubau in Coesfeld eine positive Bilanz des ersten Jahres gezogen. Das Angebot werde nicht nur gut angenommen, auch die angestrebte enge Zusammenarbeit von niedergelassenen Ärzten und Therapeuten mit den Fachpflegern funktioniere sehr gut, hieß es. „Um die starre Trennung ambulanter und stationärer Behandlung aufzulösen, müssen alle Beteiligten aufeinander zugehen, Vertrauen aufbauen und ihre Angebote miteinander vernetzen“, bringt es Volker Schubach, Geschäftsführer der Gesellschaft für psychische Gesundheit in NRW, auf den Punkt. „Erste Rückmeldungen von Teilnehmenden zeigen eine hohe Zufriedenheit mit dem neuen Behandlungskonzept“, ergänzte Caritas-Vorstand Johannes Böcker.

Ein Schwachpunkt ist, dass das Angebot nur von Mitgliedern der TK und KKH genutzt werden kann. Nur im Einzelfall werden die Kosten auch von anderen Kassen übernommen. „Wir würden uns freuen, wenn weitere Kassen das Netzwerk mittragen würden“, so Ulrich Adler, Abteilungsleiter der TK. Er macht keinen Hehl daraus, dass auch Kosten gespart werden – mit jedem Klinikaufenthalt, der nicht anfällt. „Aus diesen eingesparten Mitteln“, erläutert er, „finanzieren wir das Angebot“.

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