Di., 10.05.2016

Stefan Epping war ein halbes Jahr beruflich in der Nottulner Einrichtung tätig / Tränenreicher Abschied Finanzbeamter unter Flüchtlingen

Stefan Epping war ein halbes Jahr beruflich in der Nottulner Einrichtung tätig / Tränenreicher Abschied : Finanzbeamter unter Flüchtlingen

Finanzbeamter Stefan Epping wechselte für ein halbes Jahr seinen Arbeitsplatz. Nur mit schwerem Herzen nimmt er nun Abschied. Foto: Ulla Wolanewitz

Kreis Coesfeld. Wer ihn so sieht, umringt von einer Traube von Kindern, die nicht von ihm ablassen, könnte meinen, er sei ein beliebter Erzieher, Pädagoge oder Sozialarbeiter. Aber weit gefehlt. Stefan Epping ist Steueramtsinspektor.

Von Ulla Wolanewitz

„Tomorrow du go Transfer“, ruft ihm ein 13-jähriger Jeside zu. Er weiß, dass der 37-Jährige bald seinen letzten Arbeitstag in der Erstlingsunterkunft für Flüchtlinge in Nottuln hat. „Transfer“, das ist unter den Bewohnern ein geläufiges Synonym für Ortswechsel, für einen neuen Lebensabschnitt.

Ein halbes Jahr war Stefan Epping für die Bezirksregierung Münster hier beruflich im Einsatz. Jetzt wundert er sich auch „wie rasend schnell die Zeit vergangen ist“. Etwa 55 Menschen unterschiedlicher Nationen wohnen derzeit noch in der ehemaligen Geschwister-Scholl Hauptschule. Hier ließ die Bezirksregierung Arnsberg im vergangenen August eine Erstlingsunterkunft einrichten. Neben den Konterfeis der Namensgeber – den Geschwistern Scholl – hängen große Plakate mit „Goodbye Stefan“. Auf dem Grill brutzeln Putenwürstchen. Für alle gibt´s an diesem Abend Kartoffelsalat und Würstchen. Das zehnköpfige DRK-Team, das für die Betreuung vor Ort zuständig ist, hat ein paar Euro für eine gebührende Abschiedsparty zusammen gelegt. „Transfer Stefan no, better we go“, flachst schmunzelnd ein junger Familievater aus dem Nordirak.

Die Atmosphäre hier ist äußerst entspannt, familiär. Fast wie in einer großen Wohngemeinschaft. Die Multikulti-Kommune der Kommune Nottuln so zusagen.

Viele Abschiede hat Stefan Epping in den vergangenen Wochen miterlebt. Viele Tränen gesehen, ein paar eigene vergossen und viel getröstet. Jetzt muss auch er gehen. Die Zeit für die sein Arbeitgeber – das Finanzamt Steinfurt – ihn abgeordnet hat, ist um. Auf seinem Überstundenkonto hat sich eine dreistellige Summe angesammelt. Dies sorgt in jedem Fall dafür, dass sein „Transfer“ auch für einige Wochen in Richtung Kanaren geht. „Für mich war klar: Wenn ich das mache, bringe ich mich voll ein und lasse auch nicht um 16 Uhr den Griffel fallen“, betont der Laerer.

Das unermüdliche Engagement hat dem Mann von 2,07 Meter dafür auch die eine oder andere Nacht auf einer Standardmatratze von 1,90 Meter im Büro beschert. Aber: Nicht eine Sekunde hat er seinen Einsatz bereut. Dass es allerdings auch Tage gab, an denen er die Faxen echt dicke hatte, gibt er zögernd zu. Bei einer Belegung bis zu 180 Personen, gab es auch nach 16 Uhr täglich viel zu regeln. „Und abends um 20 Uhr erreicht man bei der Bezirksregierung niemand mehr“, so Epping. Entscheidungen seien so auch nicht immer nur anhand von gesetzlichen Grundlagen zu treffen. „Aus dem Bauch heraus, ist dann manchmal der richtigere Weg“, sagt er rückblickend, ohne das Lob für die Kollegen zu vergessen: „Wir haben im Team alles super geschaukelt.“ Klar lassen die Kollegen ihn auch ungern gehen. „Stefan hat sich hier mit unglaublichem Pioniergeist, Warmherzigkeit und Witz engagiert“, so Einrichtungsleiter Sebastian Schlösser.

An seinem letzten Abend sorgten die Bewohner für eine Multi-Kulti-Dance-Show, die fast alle von den Stühlen holte. An erster Stelle den Afrikaner, der mit seinem faszinierenden Breakdance alle zum Staunen brachte.

Einen kalten „Entzug“ wird´s für ihn jedenfalls nicht geben. „Einmal die Woche schaue ich bestimmt hier vorbei“, sagt er. Schließlich hat er in Nottuln nicht nur mehr als 50 Facebook-Freunde, sondern auch „Echte“ dazu gewonnen.

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