Mi., 11.05.2016

Eine ganz persönliche Geschichte: Helga Kohlhaas aus Dülmen erzählt, wie sie Pflege erlebt hat „Ich habe mich gerne gekümmert“

Eine ganz persönliche Geschichte: Helga Kohlhaas aus Dülmen erzählt, wie sie Pflege erlebt hat : „Ich habe mich gerne gekümmert“

Foto: az

Kreis Coesfeld. Helga Kohlhaas hat ihren Mann insgesamt zwei Jahre lang gepflegt, bevor er 2010 gestorben ist. Ihre Schwiegermutter und ihre Mutter pflegte die 77-Jährige aus Dülmen ebenfalls. „Ich würde es immer wieder tun“, sagt sie. Dabei ist Helga Kohlhaas selber gesundheitlich eingeschränkt – sie hat schon zwei leichte Schlaganfälle hinter sich und eine Hüftoperation, und sie benötigt Hilfe, wenn sie ihre Stützstrümpfe anzieht. Unser Redaktionsmitglied Viola ter Horst sprach mit der Dülmenerin und zeichnete ihre Worte auf:

Von Allgemeine Zeitung

„Manchmal gehe ich zu Vorträgen oder Ausstellungen und dann ist es immer noch schlimm, wenn ich zurück komme. Das Haus ist leer und ich kann mich mit niemandem austauschen. Aber ich sage mir: es ist besser so, wie es gekommen ist. Mein Mann wollte nicht ins Krankenhaus. Er hatte einen schweren Herzklappenfehler und der Arzt sagte zu ihm, dass ihm bewusst sein müsse, dass er daran sterbe werde. Wir haben uns angeschaut, mein Mann und ich, und mein Mann fragte mich: „Helga, gibt es denn noch etwas, was wir noch erleben müssen?“ Wir haben es verneint.

Seine Demenz machte sich bemerkbar und er lief immer vom Krankenhaus weg. Im April 2009 habe ich ihn dann nach Hause geholt, da war er ein Pflegefall. Ich habe gesagt, dass ich es versuchen will. Aber dass ich Unterstützung benötige. Die habe ich auch vom Pflegedienst bekommen.

So ein Pflegedienst ist eine gute Sache, ich habe damals den Caritas-Pflegedienst genommen. Ich war in einer Angehörigen-Gruppe und darüber entwickelte sich der Kontakt.

Es ist nicht immer leicht, nein, das nicht. Manchmal habe ich die Anstrengungen gar nicht wahrgenommen, weil ich einfach funktionierte. Andere sagten mir, ich müsse kürzer treten, und ich fragte wieso.

Das Schönste für die Menschen ist, wenn sie zu Hause bleiben können und nicht in ein Heim müssen. Und wenn das irgendwie geht, dann sollte man das ermöglichen. Ich finde, der Staat ist gefordert, Pflege noch viel mehr zu unterstützen. Es ist ja finanziell oft schwierig. Oder man ist nicht so flexibel.

Es hat sich viel getan. Früher gab es kein Palliativnetzwerk. Noch nicht einmal einen Pflegedienst. Bei meiner Mutter war es 1984 so, dass eine Schwester kam, so eine Nonne, die mir zeigte, wie das mit dem Waschen funktioniert. Im Grunde habe ich es mir selber beigebracht.

Meine Mutter ist im November 1986 gestorben. Es ist ein gutes Gefühl, dass man sich so etwas aneignen kann – Pflege. Dass man so etwas schafft.

Heute ist es sogar möglich, stundenweise Pflegeleistungen zu buchen. Manchmal reicht das aber trotzdem nicht. Und manchmal muss man auch an sich denken, das ist schon richtig. Ich habe einmal einen Weihnachtsmarkt besucht, feiern gehen, da habe ich mir eine Hilfe für einen ganzen Tag geholt und die dann aus eigener Tasche bezahlt. Sonst wäre ich zusammen geklappt.

Meine Mutter hat sich immer bedankt. Mein Mann auch. Man bekommt etwas zurück für das, was man tut. Das war auch ein Grund, warum ich mich gerne um sie gekümmert habe. Nein, ich möchte es nicht missen, ich bin froh und dankbar dafür. Aber wenn man selber älter wird, wird es schwieriger. Man benötigt selber Hilfe. Ich bin jetzt 77.

Ich kann mich schlecht bücken. Ich brauche die Stützstrümpfe und die sind sehr schwer anzuziehen. Früher hat mein Mann mir geholfen. Als er pflegebedürftig wurde, hat die Caritas das übernommen. Der Pflegedienst kommt heute noch morgens und abends kurz vorbei, um mir mit den Strümpfen zu helfen, für fünf Minuten. Alleine kriege ich das nicht mehr hin.

Trotzdem konnte ich meinen Mann immer gut versorgen. Am 30. Januar 2010 ist er dann verstorben. Er ist ruhig eingeschlafen und nicht wieder wach geworden.

Ich selber hatte zwei leichte Schlaganfälle und bin deshalb seit dem Tod meines Mannes mit einem Notrufsystem verbunden. Es kann ja immer noch einmal ein Notfall passieren. Man weiß das nie. Ich hatte ja großes Glück, dass es nur leichte Schlaganfälle waren, die kaum Schäden zur Folge hatten. Falls so etwas passiert, kann nun schnell Hilfe geholt werden. Das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Und von Freiheit. Denn ich kann hier zu Hause bleiben.

Man muss mehrere Leute haben, alleine schafft man es nicht. Ich habe eine Tochter, die viel für mich da ist. Sie wohnt in Coesfeld und schaut oft vorbei. Dann habe ich eine tolle Nachbarschaft. Wenn ich zwei Tage einmal nicht zu sehen bin, erkundigen die sich sofort, was los ist. Zwei Nachbarn sind mit dem Notrufsystem verbunden. Außerdem die Caritas und meine Tochter. Im Falle eines Falles können sie nachgucken. Neulich bin ich aus Versehen an das Gerät gekommen, da ging der Alarm los. Oh je.

Ich regele immer alles gerne, solange ich es gesundheitlich noch kann. Nachdem mein Mann gestorben ist, habe ich renoviert. Weil ich nicht weiß, wie lange ich das noch schaffe. Das ist dann schon mal fertig. Man weiß nicht, was kommt. Wenn es nicht klappt, hier zu Hause zu bleiben, habe ich mir schon ein Heim ausgesucht. In Buldern. Ja, wenn, dann möchte ich nach Buldern. Ich hoffe nicht, dass mir so etwas Schlimmes passiert, dass ein Heim notwendig wird, aber für alle Fälle habe ich mich erkundigt.“

Google-Anzeigen
Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3999308?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947630%2F947662%2F