Do., 12.05.2016

Von „einzigartig“ bis „Müllhalde“: Ein Natur- und Kunstprojekt in Darup sorgt für Zoff Kreativgärten in der Klemme

Von „einzigartig“ bis „Müllhalde“: Ein Natur- und Kunstprojekt in Darup sorgt für Zoff : Kreativgärten in der Klemme

Natur und Kunst auf dem Randstreifen: Martha Wieskus (l.) und Besucherin Annette Krüger in den Kreativgärten. Wie viel Kunst darf sein? Und: Ist das gefährlich? Fragen, die im Zusammenhang mit den Randstreifen in der Daruper Sackgasse diskutiert werden. Foto: Viola ter Horst Foto: vth

Kreis Coesfeld. „Ist das nicht verrückt?“ Martha Wieskus zeigt auf das lange Gefäß aus geschwungenen alten Weidenzweigen. Tief unten hockt eine Amsel und brütet, direkt neben der Bank, direkt neben einem Menschen also.

Von Viola ter Horst

Am Rand der Straße mitten im Dorf Nottuln-Darup blüht und gedeiht es. Blumen, Kräuter, Gräser, seltene Pflanzen. Früher rasten auf der Straße zwischen Nottuln und Coesfeld Autos, seit dem Bau der Umgehung ist aus der Ortsdurchfahrt eine Sackgasse geworden. Und an beiden Straßenrändern entstanden „Kreativgärten“, nachdem 2012 die Erlebnis- und Naturpädagogin Martha Wieskus anfing, zunächst einen Meditationsweg anzulegen.

Ein Natur- und zugleich ein Kunstprojekt: Tannenzapfen bilden eine Skulptur, alte Schuhe dienen als Gefäß für Pflanzen, eine Art Holzlokus bietet Geräten Platz. Jeder darf hier kommen, sitzen, gucken und Natur erleben. Ein Projekt, das mittlerweile sogar von auswärts Interessenten anzieht.

Doch die Kreativgärten, um die sich fünf Aktive ständig kümmern, sorgen zunehmend auch für Zoff. Nicht jedem im Dorf gefällt es, was sich dort am Ende der Straße entwickelt. In Leserbriefen schimpften einige Daruper über die Kreativgärten, einer bezeichnete die Naturflächen im Ort gar als „Schandfleck“, ein anderer als „Müllhalde“.

Die Kreativgarten-Aktiven haben Sorge, dass gegen das Projekt gezielt weiter Attacken gefahren werden, um es letztlich „zu eliminieren“, befürchtet Wieskus. „Dabei möchten wir hier doch gerne etwas anbieten, das für alle etwas Besonderes und Schönes ist. Wir möchten keinen Streit“, sagt die gebürtige Daruperin.

Der bisherige Höhepunkt der Auseinandersetzungen: eine Aufforderung der Gemeinde Nottuln, die größeren Objekte zu räumen. „Wir sollten alles, was höher als einen Meter ist, entfernen“, sagt Wieskus. „Aber wie sollen wir das? Die Objekte sind doch zum Beispiel auch Rankhilfen für die Pflanzen oder Nisthilfen für die Tiere. Da ist Leben drin.“

Die Initiative habe dann zu einem Ortstermin eingeladen, zu dem nun Nottulns neue Bürgermeisterin Manuela Mahnke, Amtsleiter und weitere Vertreter der Gemeinde, aber auch Naturschützer erschienen.

„Ich habe nichts gegen das Projekt“, betont Mahnke im Gespräch mit unserer Zeitung. Im Gegenteil, sie finde es „sehr charmant“.

Das Problem aus Sicht der Gemeinde: Die Randstreifen sind öffentlicher Raum – „die Grundstücke gehören der Gemeinde und somit sind wir auch dafür verantwortlich und müssen für die vorgeschriebene Sicherheit sorgen“. Was, wenn zum Beispiel Kinder die Objekte als Klettergerüste benutzten und sich verletzten? „Im Falle eines Falles haften wir und nicht die Initiative.“

Die Vorschriften seien eng und nicht von der Gemeinde erfunden. So gelte „alles, was höher als ein Meter ist“ als „Aufbauten“ und diese seien nicht ohne weiteres im öffentlichen Raum zulässig. Auch Sessel dürften nicht einfach aufgestellt werden oder beschriftete Glasscheiben. „Sowas kann nun einmal gefährlich werden.“ Es gebe Vorgaben für eine Verankerung genauso wie für eine regelmäßige Wartung.

Mahnke bestätigt, dass sie „eine Menge Beschwerden“ über die Kreativgärten bekommen habe, diese seien aber nicht Anlass für das Schreiben gewesen. „Wir wollen das Projekt nicht zerstören“, sagt sie, und sie sagt das gleich mehrmals. „Aber es muss rechtlich auf sauberen Füßen stehen.“

Schon seit Jahren gebe es immer wieder neue Entwürfe für einen so genannten Gestattungsvertrag, in dem geregelt werden soll, zu welchen Bedingungen die Initiative die Randstreifen der Gemeinde nutzen darf. „Es kam nie zu einer wirklichen Einigung“, sagt Mahnke. Nun soll ein neuer Versuch gestartet werden. Darauf habe man sich bei dem Orts-Termin verständigt. „Wir prüfen gerade, ob es rechtlich möglich ist, mit einer Einzäunung der Gärten unsere Pflicht angemessen zu erfüllen“, so Mahnke.

Die „Aufbauten“ könnten dann vielleicht bleiben.

Sowohl das Ergebnis der rechtlichen Prüfung als auch die Kriterien des Vertrags sollen jetzt politisch in den entsprechenden Gremien diskutiert werden. Mahnke geht davon aus, das Thema im Juni in den Fachausschuss einzubringen.

Naturschützer sind von den Kreativgärten begeistert. Annette Krüger aus Nottuln ist Pädagogin und führt ihre Schüler in Seminaren gerne in die Kreativgärten. „Die sind immer ganz hin und weg“, berichtet sie. „Hier entsteht etwas ganz Wunderbares.“

Auch der Kreis Coesfeld begrüßt aus Naturschutz-Sicht das Projekt. Eine „hervorragende Sache, ein sehr lobenswertes Ziel“, freut sich Hermann Grömping, Leiter der Abteilung Naturschutz und Landschaftspflege. „Das Engagement geht genau in die Richtung, die wir gerne sehen und ist vorbildlich.“ Der Kreis Coesfeld sei ja bekanntlich schon länger im Verbund mit Naturinitiativen bemüht, die Randstreifen an den Straßen in Blühstreifen umzuwandeln, um kleinen Tieren mehr Lebensraum zu bieten. Gleichwohl sei es natürlich erforderlich, die Vorschriften und Eigentumsrechte zu berücksichtigen.

Dr. Anne-Monika Spallek vom Arbeitskreis Artenvielfalt im Kreis Coesfeld: „Das Projekt ist Gold wert.“ Die Kunstprojekte seien zwar Geschmacksache und auch sei es wichtig, für Sicherheit zu sorgen, aber die Natur in den Kreativgärten sei ursprünglich und auf diese Art einzigartig erlebbar. „Ein Mehrwert für die ganze Region“, schwärmt Spallek. Bemerkenswert sei zudem, dass das Projekt eine private Bürgerinitiative entwickelt habe, die keine öffentlichen Gelder erhalte. „Das muss unbedingt bleiben“, findet sie.

- Kommentar dazu in der Printausgabe unserer Zeitung

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