Mi., 19.04.2017

Neue Erhebung des statistischen Landesamtes wirft Fragen auf / Konzentrationsprozess läuft auf Hochtouren Weniger Bauern – aber mehr Betriebe

Neue Erhebung des statistischen Landesamtes wirft Fragen auf / Konzentrationsprozess läuft auf Hochtouren : Weniger Bauern – aber mehr Betriebe

Einzelne Betriebsteile werden – vor allem aus steuerlichen Gründen – gern mal ausgelagert, erklärt eine Sprecherin von IT.NRW den vermeintlichen Widerspruch in der Statistik, dass es mehr Betriebe, aber weniger Bauern gibt. Foto: Archiv

Kreis Coesfeld. Allenthalben wird über das Höfesterben geklagt. Doch eine neue Erhebung von Information und Technik (IT.NRW), dem statistischen Landesamt, belehrt uns jetzt eines Besseren: Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe im Kreis Coesfeld ist von 2010 auf 2016 um 2,8 Prozent gestiegen, haben die Düsseldorfer errechnet. Stimmt das wirklich? „Möglicherweise steckt da ein Tippfehler drin“, vermutete sogar Marianne Lammers, Leiterin der hiesigen Kreisstelle der Landwirtschaftskammer. „Das kann eigentlich nicht sein“, kommentierte sie den Anstieg von 1738 auf 1786 Betriebe. Denn auch bei der Kammer sind eigentlich nur zunehmende Betriebsaufgaben und Konzentrationen bekannt. Doch die Statistiker aus Düsseldorf blieben nach einer gründlichen Überprüfung der Rohdaten, veranlasst durch Nachfrage unserer Zeitung, bei ihrer Darstellung. Und IT-NRW-Sprecherin Kirsten Bohne kann den vermeintlichen Widerspruch auch aufklären: „Es gibt vor allem sehr viele Vieh haltende Betriebe, die einzelne Bereiche auslagern.“ Will heißen: Vor allem aus steuerlichen Gründen werden Betriebe aufgespalten in mehrere, vermeintlich selbständige Einheiten, die aber weiterhin ein und demselben Besitzer gehören. So kommt es auf dem Papier zu einem Anstieg der Zahl der Betriebe, während sich in der Realität kaum etwas ändert. Bohne: „Man kann nicht von den Betrieben auf die Zahl der Landwirte schließen.“

Von Detlef Scherle

Einen kleinen Fehler mussten die Statistiker dann aber doch noch einräumen: „Die Fußnote ist missverständlich formuliert“, so Bohne. Da heißt es, dass alle landwirtschaftlichen Betriebe „mit mindestens 5 ha landwirtschaftlich genutzter Fläche sowie mit pflanzlichen oder tierischen Mindesterzeugungseinheiten“ erfasst sind. „Statt ,sowie’ müsste da ,oder’ stehen“, erläuterte sie. „Wir haben das jetzt auch geändert.“ Denn gerade bei den Auslagerungen von Betriebsteilen würden oftmals fünf Hektar unterschritten.

Der laufende Konzentrationsprozess lässt sich übrigens trotz des Verwirrspiels mit der Zahl der Betriebe gut aus der Statistik herauslesen. Die Agrarstrukturerhebung 2016 hat nämlich für den Kreis Coesfeld ergeben, dass 103 Betriebe eine Fläche von 100 und mehr Hektar beackern. Vor sechs Jahren gab es 96 Betriebe dieser Größenordnung. Das sind 7,3 Prozent weniger. Wachse oder weiche – so heißt offenbar weiter die Devise in der Landwirtschaft.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr im Kreis Coesfeld eine Fläche von 69 345 Hektar landwirtschaftlich genutzt. Das sind 116 Hektar mehr als vor sechs Jahren. Insider wissen warum: Die Flächennot ist durch Straßenbau, neue Gewerbe- und Wohngebiete groß. Da wird jeder zur Verfügung stehende Quadratmeter intensiv landwirtschaftlich genutzt. Flächenstilllegungen gibt es so gut wie gar nicht mehr.

Coesfeld ist der einzige Kreis im Münsterland, der im Sechs-Jahres-Vergleich mit 0,2 Prozent noch ein Plus bei der landwirtschaftlich genutzten Fläche erzielen konnte. In allen anderen ging sie zurück – am stärksten in Borken mit 1,9 Prozent. Noch größer ist der Druck, der von den Ballungsräumen ausgeht: In Münster ist ein Minus von 4,3 Prozent bei der Agrarfläche zu verzeichnen. | www.it.nrw.de

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