Mi., 06.12.2017

Kreis Coesfeld Ein Armutszeugnis

Ja, zwei halbe Stellen. Das wären nur Tropfen auf den heißen Stein gewesen. Aber was passiert, bei Lichte betrachtet, jetzt nach dem Beschluss des Jugendhilfe-Ausschusses? Gar nichts! Das Leid der Kinder schreit weiter zum Himmel. Die Fallzahlen steigen. Im vergangenen Jahr mussten die Jugendämter im Kreis Coesfeld 235 Mal in Familien prüfen, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Das sind so viele Fälle wie noch nie zuvor. Die Antwort der Verwaltung und des Kreis-Jugendhilfeausschusses darauf: Die vorhandenen Hilfestrukturen reichen aus. Nein, sie reichen offensichtlich nicht aus. Ein „Weiter so!“ kann es nicht geben, wenn - wie im vergangenen Jahr - bei den bekannt gewordenen Fällen 29 mal tatsächlich eine akute Kindswohlgefährdung festgestellt wurde und 21 mal eine latente. Acht der körperlich und psychisch misshandelten Kinder waren noch keine drei Jahre alt. Von der hohen Dunkelziffer, die wahrscheinlich dahinter steht, ganz zu schweigen.

Von Allgemeine Zeitung

Natürlich hätte man mit der neuen Fachstelle bei so schwacher Besetzung keine Berge versetzen können. Aber es wäre ein Einstieg gewesen. Es hätte die Chance bestanden, mehr Betroffene niedrigschwellig zu erreichen und die Fachkräfte kreisweit weiter zu sensibilisieren. Es ist etwas anderes, wenn Gewalt gegen Kinder und Jugendliche nebenbei mit bearbeitet wird, oder wenn sich eine Einrichtung darauf konzentrieren kann.

Zwei halbe Stellen reichen natürlich nicht, um das Konzept sofort komplett umzusetzen. Aber dann hätte die Antwort der Politiker lauten müssen: Wir schaffen mehr als nur zwei halbe Stellen und nicht gar keine. Oder: Wir geben anderen Einrichtungen dafür mehr Personal.

Angeblich hat man es sich mit der Entscheidung nicht leicht gemacht. Sogar drei Sonder-Unterausschusssitzungen wurden abgehalten. Aber offensichtlich gab es da etwas zu verbergen, denn die Öffentlichkeit blieb dabei ausgesperrt. Fachkräfte in bestehenden Einrichtungen wurden befragt. Gut! Aber warum schlug man die eindeutige Empfehlung des „Runden Tisches gegen Gewalt an Frauen und Kindern“, hinter dem über 40 Institutionen vom „Weißen Ring“ über „Zartbitter“ bis zum „Roten Keil“ stehen, sowie der Polizei, eine solche Stelle zu schaffen, in den Wind?

Man wird den Verdacht nicht los, dass es am Ende doch wieder mehr ums Geld ging als ums Kindeswohl. Ein Armutszeugnis für einen Jugendhilfeausschuss!

Detlef Scherle

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