Di., 30.01.2018

Ein Jahr anonyme Spurensicherung: 16 Vergewaltigungsopfer an den Christophorus-Kliniken untersucht „Da zählt jede Stunde“

Ein Jahr anonyme Spurensicherung: 16 Vergewaltigungsopfer an den Christophorus-Kliniken untersucht: „Da zählt jede Stunde“

„Dein Körper, ein Tatort“ lautet der Titel des Flyers, mit dem (v. l.) Martina Meuter von den Christophorus-Kliniken, Walburga Niemann vom „Runden Tisch“ und Miriam Harosh-Pätsch von Frauen e. V. für das Angebot der anonymen Spurensicherung werben. Foto: Detlef Scherle

kreis Coesfeld. Seit einem Jahr können Vergewaltigungsopfer an den Christophorus-Kliniken in Coesfeld anonym Spuren sichern lassen. Sechs Frauen haben das neue Angebot bislang in Anspruch genommen. „Zwei entschieden sich unmittelbar danach für eine Anzeige bei der Polizei“, berichtet Martina Meuter, die organisatorische Bereichsleiterin in der Frauenklinik, auf Nachfrage unserer Zeitung. Hinzu kamen noch zehn weitere Fälle, bei denen Frauen nicht anonym blieben und Täter unmittelbar anzeigten. „Oft sind die Frauen nach einem sexuellen Übergriff so getroffen und traumatisiert, dass das nicht geschieht“, weiß Miriam Harosh-Pätsch von der Beratungsstelle von Frauen e. V. Deshalb sei die anonyme Spurensicherung, die seinerzeit von ihrem Verein und dem Runden Tisch gegen Gewalt an Frauen und Kindern im Kreis Coesfeld angeregt wurde, so wichtig. Denn die Asservate würden bis zu zehn Jahre in der Rechtsmedizin in Düsseldorf aufbewahrt. Sie erhielten eine Chiffre, die später – wenn die Frau doch noch rechtliche Schritte einleiten will – dekodiert werden kann. Dann können die von den Ärzten bei der Untersuchung gesicherten Spuren – zum Beispiel Sperma oder Haare – noch als Beweismittel verwendet werden.

Von Detlef Scherle

Meist sind die Frauen mit Personen ihres Vertrauens (Familienangehörige und Freundinnen) zur Spurensicherung ins Krankenhaus gekommen, so Meuter. In einem Fall sei eine behinderte Frau mit ihrer rechtlichen Betreuerin erschienen. Dass Behinderte Opfer sexueller Gewalt würden, sei gar nicht so selten, erläutert Harosh-Pätsch. Ihre Hilf- und Arglosigkeit werde von Tätern oft gezielt ausgenutzt.

Finanziert wird die anonyme Spurensicherung vom Land Nordrhein-Westfalen über das Projekt i-Gobsis. Die Abkürzung steht für „intelligentes Gewaltopfer-Beweissicherungs- und Informationssystem“. Die Christophorus-Kliniken sind die ersten im Münsterland, die daran teilnehmen. Offiziell läuft die Maßnahme bis Mitte 2019. „Wir hoffen aber, dass es auch darüber hinaus weiter geht“, so Meuter.

Alle Beteiligten begrüßen, dass im Zuge der #Me Too-Debatte das Ausmaß sexualisierter Gewalt in der Gesellschaft immer deutlicher wird. Frauen würden vielfach erpresst und unter Druck gesetzt, um sie gefügig zu machen. Das sei auch nicht nur ein Phänomen der Film- und Fernsehbranche. „Ich kenne keine Frau, die nicht schon einmal irgendeinem sexuellen Angriff ausgesetzt war“, betont Harosh-Pätsch. Verbal oder tätlich. Dass das „Einverständnis des Stillschweigens“, das es in der Gesellschaft in solchen Fällen jahrzehntelang gegeben habe, nun nach und nach aufgebrochen werde, sei sehr gut.

Walburga Niemann, Koordinatorin des „Runden Tisches“, appelliert an Frauen, die vergewaltigt worden sind, sich nach der Tat nicht zu waschen und möglichst schnell ins Krankenhaus zu fahren, um Spuren sichern zu lassen: „Da zählt jede Stunde.“ Bei Ko-Tropfen, die Täter manchmal ihren Opfern einflößen, sei es zum Beispiel so, dass sie nur bis zu sechs Stunden im Blut nachweisbar seien.

Niemann bittet auch Angehörige und Freunde sensibel zu sein und mit dem Opfer auf jeden Fall ins Krankenhaus zu fahren. Es könne diesen Entschluss aufgrund des erlebten Traumas oft nicht selber fassen und benötige Unterstützung.

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