Ein Jahr und neun Monate sowie drei Jahre Berufsverbot nach sexuellem Missbrauch an zwei Patientinnen
Psychotherapeut erhält Bewährungsstrafe

Coesfeld. Am Ende hat auch die Antrags-Salve seines Verteidigers ihm nicht geholfen. Wegen sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses hat das Amtsgericht Coesfeld am Donnerstag einen 61-jährigen Psychotherapeuten zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Die Strafe setzte das Schöffengericht für den Zeitraum von drei Jahren auf Bewährung aus. In dieser Zeit gilt für den in Coesfeld praktizierenden Diplom-Psychologen, der früher auch schon in Lüdinghausen ansässig war, außerdem ein Berufsverbot. Zudem legte das Gericht als eine Bewährungsauflage fest, dass der Verurteilte 2000 Euro an den Sozialdienst Katholischer Frauen zahlen muss.

Donnerstag, 01.02.2018, 21:42 Uhr

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Verurteilte über zwei Jahre in mindestens 35 Fällen zwei Patientinnen sexuell missbraucht hat, indem er während der Entspannungsübungen die Brust der Frauen massierte oder die Hände seiner Patientinnen in seinen Schritt legte. Eine der beiden Patientinnen soll er zudem viermal geohrfeigt haben, weswegen ihn das Gericht außerdem der Körperverletzung für schuldig befand. Der Verurteilte äußerte sich während des gesamten Prozesses nicht zu den Vorwürfen.

Immer wieder musste die Beweisaufnahme am zweiten Verhandlungstag unterbrochen werden. So stellte der Verteidiger zunächst einen Antrag auf ein Glaubwürdigkeitsgutachten über die Geschädigten, die als Nebenklägerinnen auftraten. Danach sollte die Mitarbeiterin des Angeklagten als Zeugin gehört werden. Im Folgenden beantragte die Verteidigung die Vertagung der Verhandlung. Alle Anträge wies das Gericht mit Hinweis auf die ausreichende Sachkunde des Gerichts sowie die hohe Glaubwürdigkeit der Zeuginnen zurück. Schließlich kam der Antrag auf Befangenheit des Vorsitzenden Richters. Den wies ein weiterer unabhängiger Richter ab.

Im Verlauf hörte das Gericht zwei weitere Zeugen, die schilderten, wie ihnen eine der Geschädigten von den Vorfällen berichtete: eine Freundin der Geschädigten sowie ihr früherer Psychotherapeut. Als dieser sie wegen seines Umzuges nicht weiter behandeln konnte, sei sie zu dem Angeklagten gewechselt. Ihr früherer Psychotherapeut präsentierte den E-Mail-Verlauf mit seiner ehemaligen Patientin, in dem sie unter anderem schilderte, dass sie am Daumen ihres neuen Therapeuten lutschen müsse, um einen „kindlichen Nuckelreflex“ nachzustellen und sich erkundigte, ob solche Methoden normal seien. Der Zeuge riet ihr, sich bei der Psychotherapeutenkammer zu beschweren.

Das Gericht folgte bei seinem Urteil dem Plädoyer der Staatsanwältin. Diese wertete es als strafmildernd, dass die Berührung lediglich oberhalb der Kleidung stattfand und keine Vorstrafen vorlägen. Strafverschärfend sei jedoch der lange Zeitraum und die erheblichen Folgen für die Geschädigten, die anschließend noch therapiebedürftiger waren als vorher. Der Anwalt einer Nebenklägerin forderte fünf Jahre Berufsverbot. Der Verteidiger plädierte auf Freispruch; im Zweifel für den Angeklagten: „Welche Möglichkeit hätte er denn tatsächlich, sich zu verteidigen, wenn er unschuldig ist?“ Der Angeklagte verfolgte fast wortlos und mit steinerner Miene die Ausführungen und die Urteilsverkündung.

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