Mi., 28.02.2018

Kreis Coesfeld Wohin ist wichtig, nicht woher

Kreis Coesfeld: Wohin ist wichtig, nicht woher

Sonja Dittrich und Eduard Imhof vom Jugendmigrationsdienst der Awo wissen aus eigener Anschauung, wo ihren jungen Klienten der Schuh drückt. Sie kamen einst selbst als Spätaussiedler nach Deutschland – Dittrich aus Polen und Imhof aus Russland. Foto: Detlef Scherle

Dülmen. Auf einmal fand sich Bartosz (17, Name von der Redaktion geändert) in Deutschland wieder. Weit weg von seinen Freunden und seinem bisherigen Leben als Teenager in Polen. Seine alleinerziehende Mutter, die als Trockenbauerin im Rahmen der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit im Kreis Coesfeld Arbeit gefunden hat, holte ihn vergangenes Jahr nach. Sie hatte vorher bei Sonja Dittrich vom Jugendmigrationsdienst der Arbeiterwohlfahrt in Dülmen nachgefragt, welche Perspektiven es für ihren Sohn hier geben könnte. Diese vermittelte Bartosz zunächst in die Internationale Förderklasse am Pictorius-Berufskolleg in Coesfeld.

Von Detlef Scherle

Bartosz ist einer von rund 160 jungen Migranten, die Dittrich und ihr Kollege Eduard Imhof jedes Jahr betreuen, um ihnen den Start im fremden Land zu erleichtern. „Wir arbeiten mit der Methode des Case-Managements“, erzählt sie. Dabei stehe der Mensch im Mittelpunkt, werde individuell „gefördert und gefordert“, wie Imhof ergänzt – „wir schauen nicht darauf, woher jemand kommt, sondern wohin er will“.

Bei Bartosz ist das schon klar. „Schon immer wollte er Koch werden“, erzählt Dittrich. Das sei für sie dann „ein einfacher Fall – die meisten, die zu uns kommen, wissen nicht, was sie machen sollen“. Da ist dann eine intensivere Begleitung nötig. Immer geht es zunächst auch um die Sprache, denn die ist quasi der Schlüssel, um überhaupt in Deutschland klar zu kommen. „Für einige ist das bereits eine sehr hohe Hürde“, weiß die 54-Jährige.

Seit 25 Jahren gibt es den Jugendmigrationsdienst nun schon im Kreis Coesfeld. Dittrich war die Pionierin. Sie hat ihn aufgebaut. Anfangs lag der Schwerpunkt auf deutschstämmigen Zuwanderern aus Russland, Kasachstan und Polen. Später kamen andere Migranten mit Bleibeperspektive hinzu und 2017 öffnete sich der Dienst, der vom Bundesfamilienministerium finanziert wird, auch für Geflüchtete, deren Aufenthaltsstatus unsicher ist.

Über 2500 Einzelschicksale waren es, denen sich Dittrich und (seit 2005) Imhof (51) zugewandt haben. Sie erstellen jeweils mit den Jugendlichen einen individuellen Förderplan und suchen passgenaue Angebote. Wie jetzt bei Bartosz. Der – gerade 18 – fängt diese Woche einen Jugend-Integrationskurs in Münster an. Derweil versucht Dittrich sein Zeugnis, das in etwa unserem Hauptschulabschluss Klasse 9 entspricht, anerkennen zu lassen. Danach geht es dann darum, einen Praktikumsplatz für den jungen Mann zu finden. Dittrich: „Das ist gar nicht so leicht.“ Viele sähen in der Migration einen Makel und nicht die Ressourcen, die die Menschen mitbringen. So wie Bartosz, der von einer Koch-Lehre träumt. Vielleicht kann er ja mal bei uns helfen, den Fachkräftemangel in diesem Bereich zu lindern.

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