Mo., 02.07.2018

Kreis Coesfeld Früherer Hausbesetzer liebt die Provokation

Kreis Coesfeld: Früherer Hausbesetzer liebt die Provokation

Bei der Vernissage: (v. l.) Kunsthistorikerin Dr. Gabriele Hovestadt, Galerist Matthias Kunz, Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr und Kreiskulturreferentin Swenja Janning. Foto: Elvira Meisel-Kemper

Billerbeck. Kurzfristig hat der Künstler Daniel Richter (56 J.) die Anwesenheit bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Grafik über alles“ in der Kolvenburg in Billerbeck absagen müssen, sehr zum Bedauern des Landrats des Kreises Coesfeld Dr. Christian Schulze Pellengahr und der Kulturreferentin des Kreises Coesfeld Swenja Janning. Dafür war der Leihgeber Matthias Kunz der Galerie Sabine Knust Matthias Kunz aus München anwesend. „Die großformatigen Grafiken, die diese Ausstellung zeigt, sind voller provokanter Verweise auf reale und historische Ereignisse“, analysierte Schulze Pellengahr nach einem ersten Rundgang. Dieser Eindruck vertiefte sich nach der Einführung der Kunsthistorikerin Dr. Gabriele Hovestadt erheblich.

Von Elvira Meisel-Kemper

34 Grafiken aus den letzten elf Jahren von Richter zeigt die Ausstellung. Früher war Richter Hausbesetzer in der Hamburger autonomen Szene. Heute reflektiert er in seinen Siebdrucken, die er wie Collagen aus verschiedenen Zeitzonen baut, die Welt der Gegenwart. „Ich betrachte die Welt und lasse sie durch mich als Filter zum Bild werden“, äußerte Richter in einem Interview 2011.

In vier Blättern aus dem Jahr 2013 griff Richter auf alte Stiche zurück, die das pure Grauen von Folter, Mord und Verstümmelung zeigen. Viele Besucher fühlten sich an die „Caprichos“ von Francisco de Goya erinnert, der die Gräueltaten der napoleonischen Truppen in Spanien vor rund 200 Jahren festhielt. „Die Blätter beschreiben eine Gesellschaft, die aus den Fugen geraten ist, geprägt von Lastern, Eigennutz und Betrug“, so Hovestadt in ihrer Einführung. An anderer Stelle betonte sie die heutige „Macht des Bildes“, die auf uns jeden Tag einprasselt.

Genau diese Atmosphäre nutzte Richter für seine Bildsujets. Die Ermordung Osama bin Ladens war für Richter ein Anlass, die Corona der letzten amerikanischen Präsidenten zu malenden Affenwesen a la Hieronymus Bosch oder a la Jörg Immendorff in einem Siebdruck zu vereinen. Es sind erschreckende Bilder, die Richter uns wie ein Spiegel einer angeblich fernen Wirklichkeit vorhält. In die Landkarte Europas zeichnete er die Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas ein, als wenn es Deutschland und Konsorten gar nicht mehr gäbe.

Richter spielt mit dem Betrachter und führt ihn doch darauf zurück, was die Welt heute und auch gestern geprägt hat: Kriege um Macht und Besitz ohne Achtung der Menschenwürde. Nachdenkliche Gesichter der ersten Besucher waren die sichtbare Reaktion auf diese Bilderwelt, in denen er die Bilderflut zu aussagekräftigen Sujets zusammenpresste, ohne die Regeln der Kunst zu missachten.

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