Fr., 22.12.2017

Alles aus Holz: Mit der Höpinger Spiele-Werkstatt sorgt Ulrich Gumpert für leuchtende Augen Glücksgefühle ohne Smartphone

Alles aus Holz: Mit der Höpinger Spiele-Werkstatt sorgt Ulrich Gumpert für leuchtende Augen: Glücksgefühle ohne Smartphone

Zum 40. Mal bereichert Familie Gumpert den Weihnachtsmarkt im Rathaus-Innenhof von Münster. 2013 ist der Stand sogar zur schönsten Hütte des Marktes gekürt worden. Foto: az

Darfeld. Ein paar Befehle bekommt „Rappel“ per Computer verabreicht, dann legt er los. „Er ist sehr langsam, kann aber Tag und Nacht rappen“, lächelt Ulrich Gumpert, während sich hinter ihm die erste Platte Birkenschichtholz in ein Spielfeld mit ausgestanzten Feldern verwandelt. „Rappel“, das ist eine Maschine Marke Eigenbau und das Herzstück der Höpinger Spiele-Werkstatt, in der seit über 30 Jahren Holzspielzeug entsteht, das die Augen kleiner und großer Menschen leuchten lässt – auch in Zeiten von Spielekonsolen und Apps.

Von Frank Wittenberg

„Rappel“ als Herzstück, vielleicht ist das nicht ganz richtig. Denn das wahre Herzblut bringen Angelika und Ulrich Gumpert mit, die seit einiger Zeit von Manuel Winken unterstützt werden. „Ein bisschen verrückt muss man schon sein“, gibt Gumpert mit einem Augenzwinkern zu. Oder einfach davon überzeugt sein, dass Spiele angefasst werden müssen und sich nicht durch Wischen auf einem Bildschirm Glücksgefühle auslösen.

Ein „bisschen verrückt“ ist Ulli Gumpert schon seit über 40 Jahren. Denn eigentlich hätte er seinen Lebensunterhalt als Chemielehrer bequem sichern können. „Zwei Jahre habe ich auch unterrichtet“, sagt er. „Aber irgendwie habe ich wenig Interesse bei den Kindern und bei mir selbst festgestellt.“ Schon im Studium hatte er sich mit technischem Werken beschäftigt, dabei ein Holzpraktikum absolviert – und genau das sollte die neue Berufung werden.

Mit einem Freund fing der heute 66-Jährige an, Holzspielzeug zu bauen und es auf Flohmärkten zu verkaufen. Den endgültigen Schritt machte er 1978 mit einem Stand auf dem Weihnachtsmarkt in Münster. „1000 Bewerber auf 100 Plätze, das war schwierig“, erinnert er sich. Aber Ulli Gumpert überzeugte mit seinen Ideen und Produkten – und steht in diesem Jahr zum 40. Mal in Folge im Rathaus-Innenhof. „Den Standaufbau erledigen wir immer noch mit der identischen Crew“, lächelt er stolz.

Produziert wird das Holzspielzeug seit 1986 in einer alten Werkstatt in Höpingen, auf dem früheren Gelände von Peter Hundgeburt. Aus Münster nach Höpingen, das gelang mit Unterstützung von „Oma“ Mühlenkamp. „Wir waren auf der Suche nach einem Objekt auf dem Land und saßen bei ihr im Jägerheim“, erzählt Gumpert. Die legendäre Wirtin hat den Kontakt auf ihre ganz eigene Art geknüpft. In den folgenden Jahren stieg die Nachfrage unter dem Label „Bimmelbahn“ stetig. „Irgendwann hatten wir ein kleines Weihnachtsmarkt-Imperium aufgebaut.“ Rund zehn Märkte haben sie während der Adventszeit bestückt, bis hin nach Köln, was auch eine große logistische Herausforderung war.

Ein Aufwand, den Gumpert seit 2011 deutlich reduziert hat. „Ich wollte kürzer treten, konnte es aber nicht ganz lassen“, gibt er zu. „Außerdem wäre es ja auch schade, die Werkstatt nicht mehr zu nutzen.“ Den Weihnachtsmarkt in Münster, den hat er traditionell beibehalten. Zumindest bis 2015, dann hat er per Schild seinen letzten Auftritt im Rathaus-Innenhof kundgetan – und bei seinen Kunden für Entsetzen gesorgt. „Viele haben sich mit Handschlag von uns verabschiedet.“

Ein Jahr später präsentierte sich der Stand doch an gewohnter Stelle. Ein Glücksfall! Denn über einen Bekannten traf Ulli Gumpert auf Manuel Winken, und der 34-Jährige spürte schnell, dass er ähnlich „verrückt“ ist. „Ich habe Holztechnik studiert, aber in der industriellen Schiene fehlte mir der handwerkliche Aspekt“, erklärt der Münsteraner. In Höpingen hat er einfach mal mitgewirkt und war sich schnell sicher: „Das ist etwas für mich.“ Nicht zuletzt wegen der tollen Zusammenarbeit mit Gumpert, der nach wie vor eine unentbehrliche Stütze ist. Unentbehrlich auch wegen „Rappel“, der Maschine, die es nur einmal auf der Welt gibt. „Darauf bin ich im Studium nicht vorbereitet worden“, kratzt sich Winken am Kopf. „Aber Ulli kennt sie in- und auswendig.“

Rund 150 verschiedene Produkte spucken „Rappel“ und Co. in der Höpinger Spiele-Werkstatt aus. Die legendären Kugelbahnen sind dabei, die bei den Kindern seit Jahrzehnten nichts an der Faszination eingebüßt haben. Oder die Watschel-Enten – „die sorgen auch bei den Erwachsenen für feuchte Augen“, weiß Manuel Winken zu berichten.

Vor allem aber stellen sie Spielekisten her, oft bestückt mit Steckspielen. „Wir haben zum Beispiel ein Sudoku mit farbigen Stiften statt mit Zahlen“, erzählt Ulli Gumpert. Ein Spiel, das ein Freund schon vor dem Hype im Kopf hatte. „Er wollte dann nicht mehr, ich habe es umgesetzt – und dann sind wir mit der Produktion kaum mehr nachgekommen.“ In sechs Größen gibt es „Solokolor“ mittlerweile, das auch nach wie vor Gumperts Lieblingsspiel ist. Und dank der unempfindlichen Vollholzkisten mit Verschluss lässt es sich auch überall mitnehmen. Selbst die Generation Smartphone lässt sich davon begeistern. „Eine Frau hat mir geschrieben, dass ihr Sohn dafür sogar das Handy aus der Hand gelegt habe“, freut sich der 66-Jährige über viele schöne Rückmeldungen.

Ideen gibt es genug. Neueste Errungenschaft ist der Seniorensport-Würfel, mit dem das morgendliche Frühsport-Programm ausgewürfelt werden kann – fünf Kniebeugen zum Beispiel, oder 15 Sekunden auf einem Bein stehen. „Vielleicht geht das auch als Diätwürfel“, überlegt Gumpert. „Oder als Kulturwürfel für das Wochenende.“ Kino, Theaterbesuch, ein Wurf entscheidet.

Die Zeit vor Weihnachten ist besonders arbeitsintensiv. Ein Gefühl dafür, was gefragt ist, lässt sich nie zu 100 Prozent bestimmen. „Teilweise werden wir bei bestimmten Spielen echt überrascht“, sagt Manuel Winken. Dann muss „Rappel“ reagieren. Weil Winken daran arbeitet, für die Höpinger Spielewerkstatt einen Internetshop einzurichten, verteilt sich der Aufwand besser über das Jahr.

Der Weihnachtsmarkt wird fester Bestandteil bleiben. Ebenso wie die Liebe zum Detail – und die gewisse Portion Verrücktheit, ohne die es nicht geht. Leuchtende Augen sind der schönste Lohn, da sind sie sich einig. „Meine Spielzeuge haben sich auf der gesamten Welt verbreitet“, lacht Ulli Gumpert. „Ein verrückter Gedanke.“

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