Fr., 29.12.2017

Fußball: Spieler und Schiedsrichter – Timo Wurbs kennt den Sport aus beiden Blickwinkeln Die Seite gewechselt

Fußball: Spieler und Schiedsrichter – Timo Wurbs kennt den Sport aus beiden Blickwinkeln: Die Seite gewechselt

Foto: az

Billerbeck. Ein Kind von Traurigkeit war er nicht auf dem Spielfeld. „Ich wollte immer gerne das letzte Wort haben“, gibt Timo Wurbs ehrlich zu. Die ein oder andere Ermahnung der Schiedsrichter hat er dafür kassiert – aber genau das hilft ihm in seinem neuen Abschnitt seines Sportler-Lebens. Denn der 29-Jährige hat die Seiten gewechselt: Aus dem leidenschaftlichen Fußballer ist ein Vollblut-Schiri geworden. Einer, der weiß, wie die Spieler in bestimmten Situationen ticken. Und das kommt häufig gut an.

Von Frank Wittenberg

Komplettes Neuland ist der Job an der Pfeife für ihn nicht. Schon 2004, mit 16 Jahren, hat er Spiele geleitet, bis irgendwann die Doppelbelastung zu viel wurde. „Das war schwer zu vereinbaren“, erinnert er sich an so manche Terminkollision. Selbst kicken oder pfeifen, das war die Frage. Timo Wurbs entschied sich dazu, nur noch Spieler zu sein – und trat nicht nur in seinem Heimatverein VfL Billerbeck gegen den Ball, sondern einige Zeit auch beim SV Gescher. Dort arbeitet er als Krankenpfleger in Haus Hall, dort pflegt er seinen Stammtisch mit Fußballkollegen wie Thomas Lanfer, Dennis Schültingkemper oder Hubi Roling. Im Sommer 2015 ist Wurbs nach Billerbeck zurückgekehrt und hat parallel wieder begonnen, sich als Schiedsrichter zu betätigen. „Meistens habe ich Spiele während der Woche geleitet“, erzählt er. „Am Sonntag musste ich ja selbst ran.“

Seit Beginn der laufenden Saison 2017/18 konzentriert sich der 29-Jährige wieder auf eine Sache – diesmal aber auf das Pfeifen. Beim Steffen Szymiczek, seinem Trainer, hat er eine Auszeit beantragt. Der Schichtdienst, der Umbau, den er mit Freundin Dana zurzeit in Coesfeld anpackt, all das wäre mit einer Saisonvorbereitung nicht kompatibel gewesen. „Deshalb habe ich mich entschieden, mich vorerst voll auf den Schiri zu konzentrieren“, erklärt er. „So bleibe ich dem Fußball verbunden.“

Folglich ist er noch immer regelmäßig in der Kreisliga A unterwegs. Oder sogar in der Bezirksliga, in die seine ehemaligen VfL-Teamkollegen im Sommer gerne aufsteigen würden. „Wenn du Schiri bist, willst du natürlich so hoch wie möglich pfeifen“, sagt Wurbs, der mit großem Respekt den Weg von Sören Storcks verfolgt, dem Ramsdorfer, der neu in der Bundesliga tätig ist: „Das macht er richtig gut.“

Respekt, das trifft es. Respekt hat Timo Wurbs ebenso vor den Kollegen, die in den untersten Klassen die Partien leiten und sich nicht zu schade sind, gleich drei- bis viermal am Wochenende aufzulaufen, um den Spielbetrieb aufrecht zu halten. „Die haben es doppelt schwer“, weiß er. „Je höher die Liga, desto weniger wird gemeckert.“

Aber das Tempo wird höher, und auch das ist eine besondere Herausforderung. In der Bezirksliga, in der er in der Hinrunde vier Partien gepfiffen hat, geht es richtig zur Sache – und es ist die letzte Liga, in der ein Unparteiischer ohne Unterstützung an den Seitenlinien auskommen muss. Ein Landesliga-Spiel in Borken hat Wurbs erhalten und ist so in den Genuss gekommen, mit Assistenten zu leiten: „Das ist ein großer Vorteil, wenn du den Problembereich Abseits ausblenden kannst.“

Respekt, und zwar gegenseitig, so sollte es sein. Nicht immer einfach, aber Timo Wurbs empfindet es als Vorteil, beide Seiten zu kennen. „Kein Schiri ist unfehlbar“, betont er. „Aber wenn du selbst gespielt hast, siehst du manche Aktionen mit anderen Augen.“ Und trotzdem gibt es diese Spiele, die noch einige Zeit an ihm nagen. So wie dieses Spitzenspiel der Kreisliga A 1 in der Hinrunde, in dem er zehn Gelbe und eine Rote Karte verteilen musste. Viel zu viel, das hat ihn schon beschäftigt – bis sich ein einfacher Grund auftat, nämlich ein Schlupfloch im Regelwerk. „Das Spiel hat eine Woche vor Totensonntag stattgefunden“, lächelt Wurbs. Da ist bekanntlich spielfrei – und die ominöse Sperre „ein Spiel oder zehn Tage“ für die fünfte Gelbe kann ohne Folgen abgesessen werden . . .

90 Minuten plus Nachspielzeit alles richtig entscheiden, dazu noch in Sekundenbruchteilen, das erscheint kaum möglich. Dessen ist er sich bewusst, zumal er ja nicht auf einen Videobeweis zurückgreifen kann. „Der macht es aber nicht immer besser“, sagt der bekennende Schalke-Fan. „Besonders für die Zuschauer im Stadion ist es grausam, wenn sie minutenlang auf eine Entscheidung warten müssen.“ Obwohl – für ihn selbst mal ein Spiel mit Videobeweis, das hält der 29-Jährige für reizvoll: „Einfach, um meine eigene Einschätzung zu überprüfen.“

Vom Spieler zum Schiri, ein Schritt, den Timo Wurbs nur empfehlen kann. Das ist Fußball aus einem anderen Blickwinkel, und doch spricht er die Sprache der Jungs, weil er einer von ihnen ist. Und wenn es Zeit wird, teilt er den Kickern seine eigene Sicht der Dinge mit: „Ich meckere nicht, wenn ihr einen Fehlpass spielt – also meckert ihr nicht, wenn ich mal eine Fehlentscheidung treffe.“

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