Mi., 04.05.2016

Fußball Rettig: «Entwicklung geht klar in die falsche Richtung»

Andreas Rettig will den Geldkuchen im Fußball gerechter verteilen.

Andreas Rettig will den Geldkuchen im Fußball gerechter verteilen. Foto: Revierfoto

Andreas Rettig ist ein Verfechter der 50+1-Regel. Der Ex-DFL-Mann und heutige Geschäftsführer beim FC St. Pauli fordert: Clubs, die sich nicht an diese Vorgabe halten müssen, sollen einen Ausgleich erbringen. Rettig will Chancengleichheit.

Von dpa

Hamburg (dpa) - Seit acht Monaten ist Andreas Rettig neuer Geschäftsleiter beim Zweitligisten FC St. Pauli und fordert nun «mehr Solidarität» im Fußball-Geschäft.

Der 53-Jährige ist ein Verfechter der 50+1-Regel. Der Ex-DFL-Mann ist der Meinung, dass Clubs, die sich nicht an diese Vorgabe halten müssen, einen Ausgleich erbringen sollen. Rettig will Chancengleichheit.

Sie wollen Clubs, die gegen die 50+1-Regel verstoßen, weniger aus den TV-Einnahmen zukommen lassen. Erklären Sie den Antrag bitte?

Rettig:«Es ist eine eklatante Wettbewerbsungleichheit, dass einigen Clubs per Ausnahmeregelung der Vorteil eingeräumt wird, 100 Prozent der Anteile mit vollen Stimmrechten verkaufen zu dürfen und uneingeschränkt zu kapitalisieren, während andere ihre Anteile nur unter Beibehaltung der Stimmenmehrheit des Muttervereins verkaufen dürfen. Ich bin zwar für den Einfluss des Muttervereins, aber es liegt doch auf der Hand, dass unter diesen Voraussetzungen die wirtschaftliche Vermarktbarkeit der Geschäftsanteile extrem unterschiedlich ist. Damit Chancengleichheit im Wettbewerb gewährleistet ist, muss ein Ausgleich her. Entweder eine Malusregelung der bevorteilten Clubs in Form einer Einzahlung an die Solidargemeinschaft oder ein Bonus für alle anderen. Das heißt: Wer sich an 50+1 hält, erhält zum Beispiel zusätzliche Punkte für die Fünfjahres-Sportwertung. Das war der Geist unseres Antrags.»

Sogenannte Werksclubs wie Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg oder 1899 Hoffenheim als Großsponsor-Verein sehen das anders ...

Rettig:«Es ist kein Zufall, dass diese Clubs noch nie abgestiegen sind. Und es ist kein Zufall, dass sie von ihren Gesellschaftern Stadien und Nachwuchsleistungszentren hingesetzt bekommen haben, die alle anderen aus dem laufenden Etat oft zulasten des Sportbudgets finanzieren müssen. Die Vereine haben eine Planungssicherheit und können sich ungeachtet ihrer sportlichen und wirtschaftlichen Lage im Markt bewegen - und weitere Vorteile verschaffen. Wenn ein Gesellschafter da ist, der Etat- oder Budget-Überschreitungen ausgleicht, dann ist das auch ein Eingriff in den Wettbewerb.»

Im Fußball wird in immer größeren Dimensionen gedacht: WM mit 40 Teams, Club-WM und Einführung der Superliga. Was halten Sie davon?

Rettig:«Ich halte es für einen Treppenwitz, über Setzlisten zu diskutieren. Die Krönung aber ist die Debatte über die Superliga. Sie würde bedeuten: Jetzt spielen wir auf dem Kontinent Europa, danach treten die Top-Vereine aus Südamerika und Europa gegeneinander an und schließlich spielen wir jede Woche eine Club-WM. Das wäre der zu Ende gedachte Unsinn. Die Entwicklung geht klar in die falsche Richtung.»

Widersprechen solche Tendenzen nicht dem Solidarprinzip?

Rettig:«Leider hat sich der Solidaritätsgedanke verschoben. Heute ist Bayern München unter anderem solidarisch mit Real Madrid oder Manchester United und ist in der ECA organisiert. Es fehlt eine Solidaritätsgemeinschaft der Traditions- oder der kleineren Clubs. Früher haben diese auch in verschiedenen Bereichen vom FC Bayern profitiert. Das ist in der Gesamtheit weniger geworden. Wenn in der Werbe-Industrie und bei Sponsoren die Tendenz lautet: Nur noch Top-Adressen sind wichtig, alles andere interessiert nicht, verschärft dies das Auseinandergehen der Schere.» Wie sehen Sie als ehemaliger DFL-Mann das Verhältnis des Ligaverbandes zum DFB?

Rettig:«Grundsätzlich ist das Verhältnis intakt. Sorgen machen mir beim DFB die Finanzen. Ich hoffe nicht, dass wir irgendwann einen schwarzen Schwan sehen. Zum Beispiel die tatsächlichen Kosten für die DFB-Akademie. Dann die ungeklärte Steuersituation. Und mich hat überrascht, dass es kein Aufheulen gab zu den Kosten für die Freshfields-Untersuchungen. Ich habe keine genauen Kenntnisse, aber hochgerechnet könnten wir bei fünf Millionen landen. Neugierig bin ich auch, was aus den zehn Millionen geworden ist, die auf dem Katar-Konto von Herrn Bin Hammam gelandet sind.»

Wird im Fußball generell mit zuviel Geld um sich geworfen?

Rettig:«Natürlich wird im Fußball zuviel Geld eingesetzt. Aber wir verdienen alle gut daran. Und es gibt ein Wetteifern um die wirklich attraktive Ware TV-Recht. Das ist ein normaler Prozess, den kann man beklagen, aber es sind nun einmal die Wirtschaftsmechanismen, dass Angebot und Nachfrage den Preis regulieren.»

Ist es ein Problem, dass Sport aus Fußball, Fußball und noch mal Fußball besteht und dahinter lange nichts kommt?

Rettig:«Es ist in der Tat ein Problem, dass Fußball alles andere überstrahlt. Und wir müssen aufpassen, wenn andere Sportarten an den Rand gedrückt werden. Denn wir stehen vor einer Herkulesaufgabe bei der Integration von Flüchtlingen. Dem Sport in seiner Breite muss eine viel größere Bedeutung zukommen, denn es gibt keinen billigeren, einfacheren und nachhaltigeren Weg der Integration. Dazu wird der gesamte Sport benötigt.»

Hamburg hat die Olympia-Chance nicht genutzt. Wird die Schere zwischen Profifußball und den olympischen Sportarten so immer größer?

Rettig:«Die Stimmung war ja am Ende nicht gegen den Sport, sondern gegen den Gigantismus. Es war keine Entscheidung gegen Olympia, es war ein Misstrauensvotum gegen die Entscheidungsträger bei IOC und FIFA. Auch wenn letztere mit Olympia nichts zu tun haben, trugen sie in dieser Gemengelage zu dem Ergebnis bei.»

Können wir mit den englischen Clubs, die dank immens hoher TV-Gelder Unsummen für Transfers ausgeben, auf Dauer mithalten?

Rettig:«Wir sollten nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen, wenn es um die Premier League geht. Allein der Blick auf die UEFA-Fünfjahreswertung, wo wir deutlich mehr Punkte geholt haben als die, die mit einer Riesenkohle unterwegs sind, sollte uns ein gutes Selbstwertgefühl vermitteln.»

Welchen Rat können Sie dem Stadtrivalen Hamburger SV geben, den auch in diesem Jahr finanzielle und sportliche Sorgen belasten?

Rettig:«Ich bin nicht der Unternehmensberater des HSV, deswegen gebe ich auch keine Ratschläge zum Stadtnachbarn ab. Ich möchte ja auch nicht, dass sich Didi Beiersdorfer meldet und mir Tipps gibt. Allgemein kann man sagen: Ich wünsche mir natürlich Lokalderbys gegen den HSV. Allerdings nicht in der Liga, in der wir momentan sind.»

Ist eine Ausgliederung der Fußballprofi-Abteilung in eine Kapitalgesellschaft die Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg?

Rettig:«Nein, man sollte nicht denken, dann fließen Milch und Honig. Am Ende ist immer die Qualität des Managements entscheidend, nicht die Struktur. Natürlich ist eine Struktur mal besser oder schlechter. Aber eine Pflaume als Entscheidungsträger bleibt eine Pflaume, egal ob er im e.V. oder in einer Kapitalgesellschaft das Sagen hat.»

ZUR PERSON:Rettig hat König Fußball von allen Seiten kennengelernt. Nach seiner Zeit als Oberliga-Kicker absolvierte er Mitte der 1980er-Jahre eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei der Bayer AG.

Anschließend arbeitete er in unterschiedlichen Positionen bei Bayer Leverkusen. Nach Stationen als Manager beim SC Freiburg, 1. FC Köln und FC Augsburg wurde er 2013 Geschäftsführer bei der Deutschen Fußball Liga.

Google-Anzeigen
Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3978857?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947787%2F947915%2F